Trink aus, wir müssen gehen! Ein Liebesbrief an die Toten Hosen und Friss oder Stirb

Von Korbi · Liebesbrief · Hosen-Fan seit 1999 · Mai 2026

Es endet eine Ära. Am 29. Mai 2026 erscheint „Trink aus, wir müssen gehen!“, das siebzehnte und laut Band letzte reguläre Studioalbum der Toten Hosen. Neun Jahre nach Laune der Natur, fast 45 Jahre nach der Bandgründung 1982. Und mit dem Album endet nicht nur eine Bandgeschichte, sondern für viele Fans, mich eingeschlossen, ein Stück Lebensbegleitung. Ich nehme das als Anlass, mal ein paar Zeilen zu schreiben über das, was die Hosen mit mir gemacht haben. Und über die MTV-Serie, die mein gesamtes Medienschaffen geprägt hat: Friss oder Stirb.

Album-Cover Trink aus, wir müssen gehen! - das letzte Studioalbum der Toten Hosen
„Trink aus, wir müssen gehen!“ – Cover von Andreas Gursky.

Kapitel 1: Eisgekühlter Bommerlunder

Meine Hosen-Geschichte beginnt mit einer überspielten Kassette und einem Grundschulfreund. Ich war acht Jahre alt, Ende der Neunziger, und mein Freund hat mir ein Tape mitgebracht, halb selbst zusammengestellt, halb von einer Hosen-Platte überspielt. Da war einiges drauf, aber im Kopf geblieben ist mir vor allem ein Song: Eisgekühlter Bommerlunder. Ich verstand wahrscheinlich keine drei Worte, aber die Energie, der Bums, das ganze „Bommerlunder, Bommerlunder“-Mitgrölen — das ging direkt rein.

Das war der Funke. Punk hatte ich davor nicht auf dem Schirm, und ich hatte als achtjähriger Bub auch nicht den blassesten Schimmer, wer Düsseldorf war, was Punk eigentlich bedeutet oder wer dieser Campino sein soll. Aber die Kassette lief und lief, und irgendwo zwischen Kindheit und früher Jugend wurde aus dem „der ist lustig“-Eindruck dann echte Begeisterung.

Kapitel 2: Bis zum bitteren Ende

Meine erste selbst gekaufte CD war Bis zum bitteren Ende, das erste Live-Album der Hosen aus dem Jahr 1987. Aufgezeichnet auf der Tour „Ein bunter Abend für eine schwarze Republik“, mit Wölli am Schlagzeug, und mit einem Sound, der einen direkt in die Halle teleportiert. Ich glaube, ich hab die Platte rauf und runter gehört: Rock ’n‘ Roll, Liebesspieler, Disco in Moskau, Eisgekühlter Bommerlunder selbstverständlich.

Was diese erste CD so besonders gemacht hat, war die Reihenfolge. Ich habe die Hosen nicht in chronologischer Reihenfolge entdeckt, sondern rückwärts. Über die Jahre kam jede neue CD dazu, und mit jeder neuen Platte hab ich auch einen alten Teil der Bandgeschichte freigeschaltet. Opium fürs Volk, Auswärtsspiel, Zurück zum Glück, In aller Stille, Ballast der Republik, Laune der Natur. Jede Platte ein neues Kapitel, jede Platte ein neuer Türöffner ins Archiv. Es gibt wenige Bands, die so eine konsequente, so eine umfangreiche Diskografie hingelegt haben. Und es gibt noch weniger Bands, die mich so weit ins eigene Werk reingezogen haben.

Kapitel 3: Friss oder Stirb — die TV-Show der Toten Hosen

DVD-Cover der MTV-Serie Friss oder Stirb der Toten Hosen, 2004
Die Director’s-Cut-DVD-Box von Friss oder Stirb, 2005.

Und dann kam 2004 die Serie. Friss oder Stirb — Die TV-Show der Toten Hosen, jeden Freitagabend um 21 Uhr auf MTV Germany, ab dem 17. September 2004 bis zum 14. Januar 2005. 16 Folgen, je rund 20 bis 25 Minuten (durch die Werbepause auf eine halbe Stunde Sendezeit gestreckt). Regie führte Stefan Kloos, produziert wurde die Serie als Co-Produktion seiner Firma Kloos & Co. mit JKP, dem bandeigenen Label der Toten Hosen. Damit hatte die Band etwas, was im deutschen TV damals selten war: Kreative Kontrolle. Kein Sender, der reinredet, keine MTV-Marketing-Abteilung, die das Format auf „MTV-tauglich“ trimmt. Die Hosen hatten das Sagen, MTV hat gesendet.

Worum geht es? Im Kern: Die Hosen während der Aufnahmen zum Album Zurück zum Glück und der dazugehörigen Tour 2004. Aber das ist nur der Anlass. In Wirklichkeit geht es um alles, was um diese Aufnahmen herum passiert. Die Folgen heißen unter anderem:

  • Balkan Sommertour Teil 1 & 2 — die chaotische Mini-Tour durch Bulgarien, Serbien und Kroatien, inklusive Inspektion des nach Hosen-Angabe schmutzigsten Backstage-Klos in Bulgarien.
  • Düsseldorf Open — Die Toten Hosen spielen Golf — ja, wirklich Golf. Punkrocker auf dem Green.
  • Zurück zum Glück — wie das neue Album entsteht, mit Studioaufnahmen und Texten.
  • Unter freiem Himmel — Das Zeltlager der Toten Hosen in der Eifel.
  • Die Herren des Rings — On Stage & Backstage bei Rock am Ring.
  • Spiel. Satz. Sieg? — Die Toten Hosen vs. Donots, ein Tennisduell mit dem unvergessenen Roadie Dr. Uwe Faust als Schiedsrichter.
  • Unser schönstes Ferienerlebnis — Ihr freier Tag in Düsseldorf, inklusive Stippvisite in einer Düsseldorfer Hausbrauerei.
  • Freier Fall — Die Toten Hosen beim Fallschirmspringen.
  • London Calling — Die Toten Hosen in London.
  • No sleep ‚til Pirmasens — Der Magical Mystery Gig, ein Wohnzimmer-Konzert bei einem Fan in Pirmasens.
  • Planlos auf Ibiza.
  • Wir sind der Weg — Tourstart 2004.

Schon allein bei der Aufzählung dieser Episodentitel merkst du, was da los war: Eine erfolgreiche Band, die ein Major-Album aufnimmt und durch Europa tourt, hätte das auf zehn verschiedene Arten als Werbe-Promo-Doku umsetzen können. Die Hosen haben das Gegenteil gemacht. Sie sagen den Zuschauern: Kommt mit, wenn wir Tennis spielen. Wenn wir zelten. Wenn wir auf Ibiza herumhängen. Wenn wir versuchen, in London zurechtzukommen. Wenn wir Fallschirm springen, dabei fast vor Angst sterben und uns dann selbst auslachen. Genau das ist der Reiz.

Was Friss oder Stirb so besonders gemacht hat

Drei Hosen-Eigenarten haben die Serie zu dem gemacht, was sie war:

  • Mutter Meurer und das Privatarchiv: Andi Meurers Mutter durchstöbert in mehreren Folgen ihre VHS-Kiste mit alten Hosen-Aufnahmen aus den frühen Achtzigern. Eine „Battle of the Home Videos“ bei Kaffee und Kuchen mit der Mama des Bassisten. Das ist deutsches Privatfernsehen wie aus einem Paralleluniversum.
  • Der ZK-Special: Im DVD-Bonusmaterial gibt es eine nicht-gesendete Folge zur Vorläuferband ZK, mit raren Aufnahmen aus den Steinzeit-Tagen um 1981 herum, also bevor sich die Hosen überhaupt gegründet haben. Geschichtsschreibung in Echtzeit.
  • Musikvideos als Folgen-Bestandteil: Die Hosen haben in der Serie nebenbei fünf Musikvideos zu Songs des neuen Albums produziert: Friss oder Stirb, Ich bin die Sehnsucht in dir, Walkampf, Alles wird vorübergehen und Freunde. Statt teurer separater Clip-Produktionen wurden sie in den Serien-Kontext eingewoben.

Auch der Soundtrack ist beachtlich: 123 Musiktitel begleiten die 16 Folgen, darunter Live-Mitschnitte vom Rock-am-Ring-Auftritt 2004 und natürlich Songs vom dann veröffentlichten Album Zurück zum Glück. Die Serie ist gleichzeitig Tour-Tagebuch, Album-Making-of, Musikvideo-Sammlung und Band-Biografie. Konzept-Künstler, die fünf in einem.

Wie die Serie damals ankam

Die Kritiken waren gemischt, und das ehrt die Serie. Der Spiegel nannte das Ganze „Blödelfernsehen mit Musikerbeteiligung“ und beklagte, dass man den deutschen Spaßpunkern eigentlich gar nicht so richtig nahekommen wollte. Die Süddeutsche Zeitung schrieb von einer „Therapiegruppe zwischen Spaß und Kommerz“. Andere Stimmen fanden sie kurzweilig, sympathisch, ohne überflüssige Provokation. Was so reklamekritisch klingt, hat aus heutiger Sicht aber kaum noch Gewicht: Die Serie wollte nie das große Statement sein. Sie wollte Hosen-Alltag zeigen, und genau das hat sie getan.

Kommerziell war Friss oder Stirb ein voller Erfolg. Die 3-DVD-Box stieg im Juli 2005 in die deutschen Charts ein und hielt sich dort vier Wochen, mit Platz 34 als höchster Position. Auch in der Schweiz lief sie zwei Wochen in den Charts. Und sie wurde in Deutschland mit der Goldenen Schallplatte ausgezeichnet, was für eine TV-Doku-DVD nicht selbstverständlich ist. Die Fans haben es geliebt. Die Hosen hatten getroffen, was sie treffen wollten.

Kapitel 4: Unter freiem Himmel

Meine Lieblingsfolge ist Unter freiem Himmel, die Zelten-Folge. Die Hosen fahren raus in die Natur, schlagen ihre Zelte auf, machen Feuer, kochen, blödeln, trinken, reden, singen, schlafen. Punkt. Mehr passiert in 20 Minuten nicht. Aber Stefan Kloos und sein Team haben aus diesem scheinbaren Nichts eine Folge mit fast 20 Kapiteln gemacht. Zwanzig! Auf 20 Minuten! Mit Kapitelkarten, mit Schnitt-Tempo, mit einer Liebe zum Detail, die du sonst aus Hollywood-Produktionen kennst.

Und das ist genau der Punkt, an dem ich begeistert bin und an dem auch andere ihre Skepsis ablegen sollten. Wer die Folge nur überfliegt, denkt sich vielleicht: Was soll das, da passiert doch nichts? Aber das ist falsch verstanden. Die Folge zeigt das Echte. Sie macht aus einem Zeltabend, wie ihn Millionen Menschen jedes Jahr erleben, eine kleine Geschichte mit eigenem Rhythmus. Sie sagt: Auch das kleinste Erlebnis verdient eine Erzählung, wenn man hingucken kann. Die Hosen haben dabei einfach unfassbar viel Spaß, der Schnitt unterstreicht das, und am Ende sitzt du als Zuschauer mit am Lagerfeuer und willst eigentlich gar nicht mehr weg. Das ist kein Mist, das ist echt. Und genau das ist die Magie.

Mein Bruder, der mit mir damals auch viele der Folgen rauf und runter geschaut hat, sieht das anders. Seine Lieblingsfolge ist No sleep ‚til Pirmasens — Der Magical Mystery Gig. Die Hosen spielen darin ein Konzert im Wohnzimmer eines völlig perplexen Fans, der vorher per Bewerbung ausgewählt wurde. Punk-Konzert zwischen Sofa und Sideboard, 30 Leute eingequetscht, die ganze Band auf engstem Raum, Schweiß und Bier auf der Tapete. Eine Idee, die heute auf einer Stiftung-Warentest-Aufstellung wahrscheinlich überall durchfallen würde, und genau deswegen so kult ist.

Kapitel 5: Die Machart, die alles verändert hat

Aus heutiger Sicht ist Friss oder Stirb ein bisschen wie YouTube vor YouTube. Doku-Soap-Format mit Bandbegleitung, mit Episoden-Strukturen, mit Hauptcharakteren, die einen eigenen Vorspann bekommen, mit schnellen Schnitten, mit Texteinblendungen, mit Kapitelkarten innerhalb einer Folge. Heute heißt sowas Vlog oder Web-Doku und ist tausendfach zu finden. 2004, auf einem deutschen TV-Sender, war das eine Sensation. Manche Kritiker nannten das Format damals sogar „Reality-Sitcom“, einen Begriff, den heute niemand mehr braucht, weil das Genre selbstverständlich geworden ist.

Was mich filmemacher-mäßig wirklich infiziert hat, sind drei Dinge:

  • Die Kapitelstruktur: Statt einer durchgehenden Erzählung wird jede Folge in kleine Kapitel zerschnitten, oft mit eigenem Titel, eigener kleiner Karte, eigenem Mini-Bogen. Das hält das Tempo oben und sorgt dafür, dass auch ein scheinbar belangloser Tag eine Dramaturgie bekommt.
  • Die Hauptcharaktere mit Titel: Im Intro bekommt jede der zentralen Figuren eine eigene Beschreibung. Campino, Andi, Breiti, Kuddel, Vom, plus Roadies, Manager, Familienmitglieder, Freunde. Jeder ist Hauptfigur seiner eigenen Mini-Geschichte. Das gibt der Serie Tiefe, die normale Konzert-Dokus nicht haben.
  • Das Versprechen, dass jedes Erlebnis eine Folge wert ist: Du musst nicht auf Tour sein, um eine Folge zu drehen. Du kannst genauso gut Tennis spielen, golfen, zelten, einkaufen oder dich langweilen. Solange du mit offenen Augen draufhältst, wird daraus Material.

Letzteres hat mein damaliges Verständnis von Storytelling komplett umgekrempelt. Bis dahin dachte ich, Filme oder Sendungen brauchen ein „Ereignis“. Ein Konzert, eine Reise, einen Höhepunkt. Friss oder Stirb hat mich gelehrt: Nein, brauchst du nicht. Du brauchst eine Haltung, einen Blick, einen Rhythmus. Den Rest erledigt der Schnittraum.

Kapitel 6: Mein Friss oder Stirb — Das Ha Ha Team und Wombel TV

2007 habe ich dann selbst angefangen. Mit Freunden habe ich unter dem Namen Das Ha Ha Team meine ersten Videos produziert. Klassenfahrt, Städtetrips, Wochenendaktionen. Genau im Friss-oder-Stirb-Stil: Mit Kapitelstruktur, mit schnellen Schnitten, mit Hauptcharakter-Vorstellungen im Intro, mit dem Anspruch, aus jedem Erlebnis eine Folge zu machen, egal wie unspektakulär das Erlebnis von außen wirkte.

Mein Bruder war von der Serie genauso angefixt wie ich, und als wir später gemeinsam an Wombel TV gearbeitet haben, einer eigenen YouTube-Serie, haben wir das, was wir bei Friss oder Stirb gesehen hatten, ganz bewusst weitergetragen. Die Kapitelstruktur, die Charakter-Vorspann-Idee, das Mut zur Banalität, der Spaß am eigenen Quatsch. Ohne die Vorlage der Hosen wäre Wombel TV nicht das geworden, was es war.

Es waren meine ersten ernsthaften Schritte ins Medienschaffen. Später kam die Arbeit als Radio-Moderator, irgendwann das Podcasten, und heute der ganze VLM-Kosmos. Aber der Funke, das Verständnis dafür, was Video überhaupt sein kann, das stammt unverändert aus diesen 16 Folgen Friss oder Stirb. Das ist keine Übertreibung. Das ist die Wahrheit.

Kapitel 7: Machmalauter 2008 — München

2008 dann, endlich, das erste Hosen-Konzert. Machmalauter-Tour, München, zwei Stunden Vollgas. Ich war jung, ich hatte all die Songs in mir, die ich mir über die Jahre eingeprügelt hatte, und jetzt waren sie nicht mehr aus dem CD-Player, sondern auf der Bühne. Campino schrie, Kuddel und Breiti spielten sich die Riffs zu, Andi grinste, Vom donnerte das Schlagzeug. Und in der Halle: Zehntausende Leute, die jeden Text mitsangen, jeden einzelnen.

Das war der Höhepunkt meines Hosen-Fanseins als junger Erwachsener. Seit diesem Abend fühlt sich jedes weitere Hosen-Konzert für mich an wie Heimkommen. Das ist eine merkwürdige Aussage über eine Band, die man nur über Songs und Bilder kennt, aber wenn du selbst Hosen-Fan bist, weißt du genau, was ich meine.

Kapitel 8: Forum, Radio, Mehr Davon

Als engagierter Hosen-Fan war ich auch viel auf dem dth-live unterwegs (das Forum, das ich damals einfach „dth-forum“ nannte und das es bis heute gibt). Da war eine Community von Leuten, die genau wie ich jede Setlist analysierten, jedes Cover-Posting diskutierten, jedes Festival mit ausverkauften Tickets im Hosen-Lichtblick erlebten. Über das Forum bin ich dann irgendwann 2009 oder 2010 auf das damalige DTH-Radio gestoßen. Die hatten im Forum für eine Sondersendung Werbung gemacht, ich habe reingehört, fand das so gut, dass ich mich kurzerhand als Moderator beworben habe. Und tatsächlich angenommen wurde.

2012 ist aus dem DTH-Radio dann Mehr Davon-Radio geworden. Der Name war übrigens mein Vorschlag, und er basiert auf dem Hosen-Song Mehr Davon. Bis 2014 war ich dort Moderator, hab Sendungen vorbereitet, Songs ausgewählt, übers Hosen-Universum geredet, mit Hörern in Kontakt gestanden. Das Radio gibt es übrigens bis heute, die Sendungen laufen weiter, und wenn du mal reinhören willst, findest du es unter mehrdavonradio.de. Das war handwerklich das, was sich aus der Friss-oder-Stirb-Idee weiterentwickelt hatte: Selbst Inhalte produzieren, die Begeisterung weitergeben, die Community pflegen. Eine Schule, in der ich extrem viel gelernt habe und ohne die der heutige VLM-Podcast wohl nicht in dieser Form existieren würde.

Kapitel 9: Wölli

Korbi und Wölli (Wolfgang Rohde) beim Wölli und Die Band des Jahres Konzert im Backstage München, Oktober 2011
Backstage München, Oktober 2011: Selfie mit Wölli.

Im Oktober 2011 kam Wölli auf Tour. Wölli & Die Band des Jahres, im Anschluss an das gleichnamige Soloalbum von Wolfgang Rohde. Wölli war von 1986 bis 1999 Schlagzeuger der Hosen, hat fast jeden ihrer großen Erfolge mitgetrommelt, vom Bommerlunder bis zum Opel-Gang. Nach Bandscheibenproblemen ist er Ende der Neunziger aus der Band ausgeschieden, blieb aber zeitlebens Teil der Hosen-Familie.

Ich war in München, und der Plan war eigentlich ein ganz anderer: Ein Konzert von Guano Apes. Tickets hatten wir, Vorfreude auch, und dann stand am Eingang die Nachricht, dass die Show kurzfristig abgesagt werden musste. Schade, aber so ist das eben. Als Entschädigung durften wir an dem Abend in eine andere Halle des Backstage-Komplexes wechseln, in der ein anderer Künstler auftrat. Wer? Wölli & Die Band des Jahres. Ich konnte mein Glück kaum fassen.

Wölli war an dem Abend genau so, wie man ihn sich als Fan vorstellt: Komplett fan-nah, herzlich, geduldig, ein Mensch, dem du anmerkst, dass er das hier nicht für die große Show macht, sondern aus echter Freude an der Musik und am Kontakt. Ich habe ihn kurz angesprochen, wir haben gequatscht, und am Ende habe ich mit ihm ein Selfie gemacht. Was als verkorkster Abend angefangen hat, wurde zu einer der schönsten Hosen-Familien-Begegnungen, die ich erleben durfte.

Im April 2016 ist Wölli nach langer Krankheit gestorben. Die Hosen haben ihn auf Laune der Natur mit dem Song Kein Grund zur Traurigkeit geehrt, gesungen von Wölli selbst aus alten Aufnahmen. Wenn ich heute an den Mann denke, denke ich an diesen Abend in München. An die unprätentiöse Wärme. An jemanden, der die ganz große Bühne kannte und trotzdem für ein paar Worte mit einem nervösen jungen Fan Zeit hatte. Ruhe in Frieden, Wölli. Du fehlst.

Kapitel 10: Trink aus, wir müssen gehen!

Und damit zurück zum Anlass. Trink aus, wir müssen gehen! erscheint am 29. Mai 2026 als Doppel-Album zusammen mit dem Bonusalbum Alles muss raus!. 16 neue Songs plus 25 Cover-Duette mit befreundeten Künstlerinnen und Künstlern. Das Cover gestaltet von Andreas Gursky, einem der wichtigsten lebenden Fotografen, einem Freund der Band. Limitierte Vinyl-Edition auf 19.820 Exemplare, transparent-weißes 180g-Vinyl im Gatefold, dazu ein orange-transparentes Doppelvinyl für das Bonusalbum, Booklet, signierter Foto-Print.

Die Begleit-Tour, schon Wochen vorher restlos ausverkauft, wird zur Abschiedsrunde. Düsseldorf, Berlin, Köln, München, Hamburg, Wien, alles aus. 2027 kommen Zusatztermine in Nürnberg, Mannheim, Bern, Graz, Leipzig, Braunschweig, Konstanz und nochmal Düsseldorf, das Heimspiel. 900.000 Fans werden die Hosen in diesem Sommer alleine live in Europa erleben. Dazu der allerletzte Argentinien-Block im Oktober: Tandil, Rosario, Buenos Aires. Das ist nicht einfach eine Tour, das ist ein langer, sehr bewusster Abschied.

Campino hat in einem Statement gesagt: „Einer hat im Proberaum geschrien: Lasst uns ein letztes Album machen! Keine Ahnung, wer das jetzt genau gewesen ist, jedenfalls war die Begeisterung groß.“ Genau dieser Satz beschreibt für mich, warum die Hosen funktionieren. Da ist keine Konzern-Strategie, kein Marketing-Plan, keine Abschieds-Vermarktung. Da ist eine Gruppe von Männern, die seit über 40 Jahren zusammen Musik macht, sich auf einmal entscheidet, einen Schlusspunkt zu setzen, und dann nochmal aus allen Rohren feuert. Das ist Punk. Das ist Hosen.

Kapitel 11: Was bleibt

Ich glaube, was die Hosen mir gegeben haben, ist mehr als ein Soundtrack. Es ist ein Verständnis dafür, wie man Sachen ehrlich macht. Wie man eine Bühne benutzt, ohne arrogant zu werden. Wie man eine Karriere führt, ohne sich selbst zu verraten. Wie man mit Freunden zusammenarbeitet, statt mit Konkurrenten. Und wie man, wenn die Zeit gekommen ist, klar sagt: Es ist genug, wir gehen.

Friss oder Stirb war für mich der Punkt, an dem ich verstanden habe, dass diese Haltung auch in der Form rüberkommen kann. Dass eine TV-Sendung über eine Band keine Werbung sein muss. Dass aus Tennis und Zelten und Pirmasens und Ibiza tatsächlich Geschichten werden können. Dass das Echte interessanter ist als das Inszenierte. Dass ein Schnittraum und ein gutes Auge zusammen mehr leisten als jedes Drehbuch. Diese Lektion habe ich aus den Hosen-Folgen mit ins Ha-Ha-Team, ins Wombel-TV, ins Mehr-Davon-Radio und am Ende auch in den heutigen VLM-Podcast mitgenommen. Sie ist immer noch da.

Trink aus, wir müssen gehen. Das ist ein Album-Titel, das ist eine Aufforderung, das ist ein Bekenntnis. Und ich werde am 29. Mai die CD im Player haben, lauter machen, mitsingen und mich freuen über jedes neue Stück, das ich auswendig lerne. Und mich verabschieden, ein letztes Mal. Vielen Dank für alles, Hosen.

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Häufig gestellte Fragen

Wann erscheint das letzte Album der Toten Hosen?

„Trink aus, wir müssen gehen!“ inklusive des Bonusalbums „Alles muss raus!“ erscheint am 29. Mai 2026 über JKP. Es ist laut Bandaussage das letzte reguläre Studioalbum der Toten Hosen.

Wie viele Songs sind auf dem neuen Album?

16 neue Songs auf dem Hauptalbum „Trink aus, wir müssen gehen!“ sowie 25 Cover-Duette mit Gastmusikerinnen und -musikern auf dem Bonusalbum „Alles muss raus!“. Insgesamt also 41 Tracks.

Was war Friss oder Stirb?

„Friss oder Stirb“ war eine 16-teilige Doku-Soap-Serie über die Toten Hosen, die zwischen 17. September 2004 und 14. Januar 2005 wöchentlich auf MTV Germany ausgestrahlt wurde. Regie führte Stefan Kloos (Kloos & Co.), produziert wurde sie als Co-Produktion mit JKP. Sie begleitete die Band bei den Aufnahmen zu „Zurück zum Glück“ und der dazugehörigen Tour, aber auch beim Tennisspielen, Zelten, Golfen, Fallschirmspringen und einem Wohnzimmer-Konzert in Pirmasens.

Wo kann ich Friss oder Stirb heute schauen?

Eine offizielle Streaming-Veröffentlichung gibt es bislang nicht. Die 3-DVD-Director’s-Cut-Box ist 2005 bei JKP erschienen und im Gebrauchtmarkt noch zu bekommen (mit Goldener Schallplatte ausgezeichnet, Spielzeit 460 Minuten). Einzelne Folgen und Ausschnitte tauchen außerdem regelmäßig auf YouTube auf, unter anderem auf dem offiziellen Kanal der Toten Hosen.

Wer war Wölli?

Wolfgang „Wölli“ Rohde war von 1986 bis 1999 Schlagzeuger der Toten Hosen. Nach mehreren Bandscheibenvorfällen verließ er die Band, blieb aber Teil der Hosen-Familie. 2011 veröffentlichte er das Soloalbum „Das ist noch nicht alles“ unter dem Bandnamen Wölli & Die Band des Jahres. Wölli starb im April 2016 an den Folgen einer Krebserkrankung.

Was ist Mehr Davon-Radio?

Das Mehr Davon-Radio (bis 2012 als DTH-Radio bekannt) ist ein von Fans betriebenes Internetradio rund um die Toten Hosen und befreundete Künstler. Der Name geht auf den Hosen-Song „Mehr Davon“ zurück. Es existiert bis heute. Korbi war dort von etwa 2010 bis 2014 als Moderator aktiv.

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