Starship Troopers (1997): Verhoevens Sci-Fi-Satire | VLM #94

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Drei Hosts, ein Filmthema, eine bitterböse Sci-Fi-Satire: Mike, Korbi und Kane nehmen sich Starship Troopers (1997) zur Brust – Paul Verhoevens Klendathu-Drop-Klassiker, der zwischen Mobile Infantry, Faschismus-Satire und Body-Horror-Bugs alles vereint, was die Hauptregie-Trias Robocop / Total Recall / Starship Troopers groß gemacht hat. Mit dabei: Mikes persönliche Kino-Erinnerung von 1998, eine Schulhof-Legende, ein peinlicher Filmfehler an Casper Van Diens Hinterteil – und das natürlich obligatorische Triple Threat.

Zur Person Verhoeven: Robocop, Total Recall – und dann Starship Troopers

Mike macht aus seiner Liebe keinen Hehl: Paul Verhoeven ist sein Lieblingsregisseur. Und Starship Troopers ist exakt das Verhoeven-Steckenpferd: brutal pointierte Gesellschaftssatire plus Mediensatire plus saugeile Sci-Fi-Action – in einem Film. Es ist die Trias, die der Niederländer zwischen Mitte der 80er und Ende der 90er perfektioniert hat: Robocop (1987), Total Recall (1990), Starship Troopers (1997). Danach wurde es leiser – aber diese drei sind ein Genre-Triple-Schlag, der bis heute nachwirkt.

Kane ergänzt: Ein Verhoeven-Film ist oft ein Slow-Burner. Showgirls (1995) zum Beispiel war im Kino ein Flop, hat aber im Heimkino-Markt Kasse gemacht. Verhoevens Frust über das amerikanische Publikum brachte ihn schon damals zu seinem Lieblingsspruch: In den USA muss er fechten, dass er einen Busen zeigen darf – aber er kann Löcher in Körper schießen, so viele er will. Faszinierend.

Die Welt von Starship Troopers: Bugs, Mobile Infantry, „Citizens vs. Civilians“

Die Prämisse: In einer Zukunft, in der die Demokratie kollabiert ist, regiert ein militaristisches Regime die Erde. Aus dem Weltraum dringt eine außerirdische Insektenrasse ein – im Volksmund die Bugs – und schickt einen Meteoriten Richtung Erde. Treffer: Buenos Aires. Krieg ist erklärt, die Mobile Infantry rückt aus.

Erzählt wird die Story aus der Perspektive von Johnny Rico (Casper Van Dien), dessen Werdegang von der hochglanz-polierten Schulzeit (Verhoeven nennt es selbst Beverly Hills 90210 im All) über den freiwilligen Militärdienst bis an die Front verfolgt wird – gemeinsam mit seiner Flamme Carmen Ibanez (Denise Richards), Außenseiterin Dizzy Flores (Dina Meyer) und Schulfreund Carl Jenkins (Neil Patrick Harris).

Das Schlüsselelement der Welt: die Unterscheidung zwischen Citizen (Bürger mit vollen Rechten, nur durch Militärdienst erworben) und Civilian (Zivilist ohne politische Stimme). Korbi hat den Film für die Folge auf Englisch geschaut und stellt fest: Die deutsche Synchronfassung verschluckt diese Unterscheidung fast komplett, im Original wird sie explizit erklärt – inklusive Begründung, dass nur das Militärregime nach dem Versagen der Demokratie wieder Ordnung gebracht hat. Genau die Tonalität, an der die FSK 1999 sich verschluckt hat.

Mikes Kino-Erinnerung: 29. Januar 1998, Dingolfing, ab 18

Mike hat Starship Troopers tatsächlich am deutschen Kinostart am 29. Januar 1998 gesehen – mit 14 Jahren, denn eine ab-18-Freigabe war der Trick mit der gut vernetzten Tante. In Dingolfing kannte sie das Kinopersonal, kaufte zwei Karten, dann ging es auf den Balkon. Der Trailer mit dem geilen Schriftzug „The Ultimate Thrill Ride“ hatte Mike komplett am Haken gehabt, das Erlebnis im Saal hat den Eindruck zementiert. Bonusfakt: Die Eintrittskarten existieren bis heute.

Eine deutsche Sondersituation kommt dazu: 1999 wurde Starship Troopers von der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften (BPjM) indiziert – die Prüfer hatten die Satire missverstanden und sahen einen pro-militärischen, faschistoid-glorifizierenden Film. Erst 2017 hat eine erneute Prüfung den Film mit einer Freigabe ab 16 wieder regulär in den Markt gelassen. Ein Knopf, der lange gebraucht hat, um aufzugehen.

Der Cast: Eine Sammelstelle für „Den hab ich doch wo anders gesehen“

Der Film ist ein Wo-kommt-der-mir-bekannt-vor-Spielplatz. Zwei Schauspieler ziehen Mike besonders an Land: Michael Ironside als Anführer der Roughnecks (Lt. Jean Rasczak) – bekannt aus Total Recall mit Schwarzenegger oder Turbo Kid – und vor allem Clancy Brown als knallharter Career Sergeant Charles Zim. Brown kennen viele als den Kurgan aus Highlander (1986), als sadistischen Captain Hadley aus Die Verurteilten oder neuerdings aus The Mortuary Collection (2019, jetzt auf Prime) – Mike legt die Anthology als sehr starke Empfehlung dazu.

Beim weiteren Cast wird das Bingo-Heft schnell voll: Seth Gilliam (Father Gabriel aus The Walking Dead) als Sugar Watkins, Rue McClanahan (Blanche aus Golden Girls) als blinde Biologie-Professorin, Dean Norris (Hank aus Breaking Bad) in einem frühen Auftritt – und Amy Smart, der man wenige Jahre später in der direkt folgenden VLM-Folge wiederbegegnen wird. Korbis persönlicher Tausch-Vorschlag: Amy Smart hätte locker mit Denise Richards die Rolle tauschen können. Geht ihr aufs Drum.

Die beste Ausbildungsszene seit Full Metal Jacket

Mike legt sich aus dem Fenster und behauptet: Die militärische Ausbildungsszene in Starship Troopers ist die beste seit Full Metal Jacket. Der Beweis: Die Messerwurf-Lektion. „In einem Atomkrieg, wozu muss ich Messer werfen?“„Hand an die Wand, Soldat.“ – Zim feuert das Messer und pinnt dem Frager die Hand an die Wand. „Sanitäter!“ Und ein Arm bricht beim Sturz auch noch ab. So überzogen wie alles in dem Film, aber unfassbar einprägsam.

Die Duschszene & Verhoevens Gleichberechtigung am Set

Berüchtigt: die geschlechterübergreifende Duschszene, mit der Verhoeven optisch das Equality-Konzept der Welt unterstreichen wollte. Dina Meyer hatte beim Dreh anfangs Hemmungen, Verhoeven hat das gelöst, indem er die Hosen fallen ließ – und sein Kameramann (in einem Nudistencamp aufgewachsen) gleich mit. Nackt-Regie, nackt-Kamera, nackter Cast. So entsteht Cinema.

Filmfehler-Sektion: Johnny Ricos roter Hintern

Ein Detail, das einem nicht mehr aus dem Kopf geht, sobald man es einmal kennt: In der Auspeitsch-Szene ist Johnny Ricos Hinterteil schon rot, bevor überhaupt geschlagen wird. Entweder hat das Make-up vorausgegriffen oder die Szene wurde so oft wiederholt, dass die Pflaumenhängenden Folgen eigentlich gerechtfertigt waren. Kane hat das in der Recherche entdeckt – und Korbi protestiert, weil er den Film nun nicht mehr ohne dieses Wissen anschauen kann. Sorry, Korbi.

Zweiter Fehler, den Kane sich nicht verkneift: Bei Dizzy Flores‚ Tod hätte Erste-Hilfe-Doktrin geholfen – den Bug-Stachel im Körper steckenlassen, statt ihn rauszuziehen. Das Ding fungiert als Stopf-Pfropfen und kann eine Blutung anhalten. Das ganze Einsatzteam ist also formal mitschuldig an Dizzys Tod. Aber wie Korbi richtig anmerkt: Die Truppe ist hier auch nicht für ihre rationale Kompetenz bekannt – K-L-U-K, jeder einzelne von ihnen.

Effekte: Bugs zwischen Puppe und CGI – und Schiffe als Modelle

Die Effekte halten für 1997 erstaunlich gut: Bei den Bugs ist das Setup ungefähr 50/50 – Phil Tippetts Werkstatt hat handgreifliche Animatronics gebaut, die in den Aufnahmen mit direktem Kontakt brillieren, während Massenszenen und Kampf-Choreografien CGI-getrieben sind. Das hat den Film für den Oscar in der Kategorie Beste visuelle Effekte nominiert (1998 verloren gegen Titanic; auch Vergessene Welt: Jurassic Park war im Rennen).

Die wichtigste Effekt-Pointe von Korbi: Die Raumschiffe sind Modelle. Tatsächliche, gebaute Modelle. Im Jahr 1997. Verhoeven und sein Team haben Wert auf handwerkliche Solidität gelegt – und das macht heute den Unterschied zwischen einem Film, der noch funktioniert, und einem, der wie ein PlayStation-1-Cutscene aussieht.

Einzige echte Schwäche im CGI-Bereich: der Brainbug am Ende. Wenn der untersucht wird und sein Gehirn aus dem Schädel rausgezogen, schaut das wapplig und griffig aus. Dafür ist das Gesicht selbst, mit triefender Vagina-Mund-Optik und dem Penis-artigen Stachel davor, eindeutig Praktischer Effekt – und das Assi-Design der Klasse Aliens-eats-A-Porn. Geschmackssache.

Soundtrack: Basil Poledouris und der Klendathu Drop

Der Soundtrack stammt von Basil Poledouris – dem Komponisten, der auch Conan, der Barbar und Robocop vertont hat (was Verhoeven-Stammkundschaft macht). Mikes Kult-Stelle ist die erste Landung der Mobile Infantry auf Klendathu: Die Trooper rumpeln aus den Raumschiffen, die Musik schwellt an, der Film schreit dich kurzzeitig an: „Krieg ist geil, ich möchte da aussehen.“ Und fünf Minuten später werden alle verheizt. Genau das ist Verhoevens Genie: Du grinst kurz und schluckst dann am eigenen Grinsen.

Buchvorlage, Heinlein-Streit, Arbeitstitel Bug Hunt at Outpost 9

Der Film basiert auf dem gleichnamigen Roman von Robert A. Heinlein aus dem Jahr 1959. Die kleine Pointe: Verhoeven hat das Buch nie zu Ende gelesen – nach ein paar Kapiteln war ihm der Tonfall zu offen rechts, zu militarismus-glorifizierend. Sein Drehbuchautor Edward Neumeier (mit dem er schon Robocop gemacht hatte) hat ihm den Rest der Geschichte zusammengefasst.

Weil die Buchrechte erst spät kamen, hatte das Drehbuch einen Arbeitstitel: Bug Hunt at Outpost 9. Verhoevens Entscheidung, den Stoff völlig überspitzt und satirisch umzudrehen, statt Heinleins Ton zu bedienen, war das eigentliche Ziel des Projekts – und fängt schon mit dem allerersten Werbespot an: „Ich leiste meinen Beitrag.“ Sogar das kleine Kind. Der Spot ist nachweislich an Leni Riefenstahls Propaganda-Bildsprache angelehnt: ausgehauen-marschierende Soldaten, Flagge, Pässen, Gleichschritt.

Schulhof-Legende: Die ungeschnittene Hinrichtungsfassung

Es gibt im Film einen kurzen Werbespot, in dem live eine Hinrichtung am elektrischen Stuhl gezeigt wird. Mikes Schulhof-Generation hatte dafür ihre eigene Legende gestrickt – analog zur Schwesterlegende um American History X mit dem Bordsteinkanten-Beißen: Es soll eine ungeschnittene Version geben, in der die Verurteilten am Stuhl tatsächlich gegrillt werden. Mike erklärt mit voller Lautstärke: „Gibt’s nicht. Schulhoflegende.“ Hier ist das letzte Mal Schluss damit.

Body Count, Werbespots und „Wollen Sie mehr wissen?“

Kanes Recherche-Schmankerl: Im Film sterben rund 256 Menschen und ungefähr 6.500 Bugs – was Bug-Vernichtungs-Wahnsinn auf einem ganz neuen Level definiert. Das alles eingebettet in das satirisch überspitzte FedNet-Werbespot-Format mit dem berühmten Schlussruf „Would you like to know more?“, der die ganze Folge als zitathaftes Mantra durchzieht. Kane findet, das sollten wir auch bei VLM einführen.

Und die Sequels?

Wir wünschten, es gäbe sie nicht. Die direkten Heimkino-Sequels Starship Troopers 2: Hero of the Federation (2004) und Starship Troopers 3: Marauder (2008) sind, höflich gesagt, Müll. Mike attestiert dem dritten Teil als Home-Invasion-Splatter immerhin solide Fleisch-Effekte, aber konzeptuell sind die Fortsetzungen am Thema vorbei: Sie verstehen die Satire nicht, überhöhen die Menschen zu Helden, die im Originalfilm bewusst als Gurden inszeniert sind – und ziehen den Faschismus mit echtem Ernst durch, statt ihn zu zerlegen.

Apropos: Sony plant zum 30-jährigen Jubiläum eine Neuverfilmung mit Neill Blomkamp (District 9, Elysium) als Regisseur, näher am Heinlein-Roman als am Verhoeven-Film. Der satirische Aspekt wäre damit weg. Wir bleiben skeptisch.

Tops & Flops im Teaser

Mikes Top: Die Klendathu-Drop-Szene mit Poledouris-Score – „haltet die Stellung, haltet die Stellung!“ – und das Schluss-Zitat „Die mobile Infanterie hat den Menschen aus mir gemacht, der ich heute bin“, sinnbildlich aus dem Mund eines Ausgemusterten ohne Arme und Beine. Kanes Top ist exakt dasselbe Zitat – weil es die ganze Satire in einem Satz konzentriert. Korbis Top ist die Welt selbst plus die immer noch überraschend gut gealterten Effekte; und das absurd geile Schluss-Zitat „Das ganze Gehirn weggelutscht.“

Mikes Flop: Der wapplig-griffige Brainbug-CGI am Ende. Kanes Flop: Der Slow-Burn-Moment, in dem die Satire-Schärfe sich gegen Ende verliert und der Film fast nur noch Schiebe-Action ist – eine Viertelstunde kürzer hätte gutgetan. Korbis Flop: Die desolaten Sequels, die das offene, geniale Ende des Originals einfach verschenkt haben.

Triple Threat – Trompeten, Nippelblitzer und tote Tiere?

Bei jedem Einzel-Walleck zählen wir am Ende der Folge die drei Klassiker: Trompeten, Nippelblitzer und tote Tiere. Bei Verhoevens Sci-Fi-Faschismus-Satire fragt man sich vorab: Wo liegt der Treffer-Score? Die berühmte gemischtgeschlechtliche Duschszene allein verspricht ja einiges – aber Verhoeven liefert nicht immer das, was man von ihm erwarten würde. Welche Kategorie strikt leer bleibt, wo es einen knappen halben Treffer gibt und ob Tierfreunde unbesorgt zuschauen dürfen, klären wir live im Podcast. Jetzt reinhören und mitzählen.

FAQ

Wer hat Starship Troopers 1997 inszeniert?
Paul Verhoeven, niederländischer Regisseur und Mike’s Lieblingsregisseur, der auch Robocop (1987), Total Recall (1990) und Showgirls (1995) gedreht hat.

Auf welchem Buch basiert der Film?
Auf dem gleichnamigen Roman von Robert A. Heinlein aus dem Jahr 1959. Verhoeven hat das Buch laut eigener Aussage nie zu Ende gelesen, weil ihm der politische Tonfall zu rechts war – sein Drehbuchautor Edward Neumeier hat ihm die Story zusammengefasst.

Warum war Starship Troopers in Deutschland indiziert?
1999 stufte die Bundesprüfstelle den Film als jugendgefährdend ein, weil sie die Faschismus-Satire für militärische Verherrlichung hielt. Erst 2017 wurde der Film mit einer Freigabe ab 16 wieder regulär ausgewertet.

Wie hoch war das Budget – und war der Film ein Erfolg?
Budget rund 105 Millionen US-Dollar. Box Office weltweit etwa 121 Millionen US-Dollar – rein theatralisch ein Flop, weil nach Kinoanteil und Marketingkosten kaum etwas hängenblieb. Erst der Heimkino-Markt machte den Film profitabel und zum Kult.

Wer spielt Career Sergeant Zim?
Clancy Brown – bekannt als der Kurgan aus Highlander (1986), Captain Hadley aus Die Verurteilten oder als Mortician Montgomery Dark aus The Mortuary Collection (2019).

Sind die Schiffe CGI?
Nein. Die Raumschiffe sind tatsächliche, gebaute Modelle. Auch viele der Bug-Aufnahmen sind Animatronics von Phil Tippetts Werkstatt, kombiniert mit CGI für Massenszenen.

Lohnen sich die Sequels?
Kurz gesagt: Nein. Teil 2 und 3 sind Heimkino-Filler, die die Satire des Originals nicht verstehen. Mike macht dem Marauder als Splatter-Home-Invasion immerhin ein halbes Auge zu.

Internal Links: Weitere VLM-Folgen, die zu dieser passen

Wenn euch dieses Walleck zu Verhoeven gefallen hat, hört euch auch diese Folgen an:

Folge 93 – Woah Lecks August 2021: Die direkte Vorgänger-Folge mit den drei Hosts – Blood Red Sky, Slither, Candyman 1992, The Green Knight und mehr.

Folge 95 – Crank: Direkter Anschluss an dieses Walleck – Amy Smart kommt hier wieder vor, dann auch in einer Hauptrolle.

Folge 92 – The Suicide Squad (Steadyklusiv): James Gunns DC-Reboot mit dem ähnlich brutal-konsequenten „don’t get too attached“-Slogan, den Verhoeven schon zwanzig Jahre früher hier gelebt hat.

Folge 74 – Mortal Kombat: Die VLM-Crew steht in den Startlöchern für das Koch-Media-Mediabook, von dem Mike in dieser Folge schon spricht.

Folge 87 – Conjuring 3: Für alle, die nach Sci-Fi-Satire Lust auf eine andere Mike-Korbi-Kane-Konstellation haben.

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