Endlich raus aus dem Gefangenenlager! Kane und Mike nehmen sich The Last House on the Left vor – Wes Cravens Spielfilm-Debüt von 1972, das in Deutschland nach 48 Jahren Beschlagnahme und Indizierung im Juli 2020 endlich seine FSK-18-Freigabe bekommen hat – dank Turbine Medien, die das Werk Schritt für Schritt aus dem behördlichen Schatten geholt haben. Anlass genug für eine Folge: Cravens Erstling ist filmhistorisch unverzichtbar, aber zugleich ein Werk mit „Problemchen“, wie Mike es nennt – polarisierende Hippie-Musik, Slapstick-Polizisten und ein Junior, dessen Performance Kane mit „behindert“ beschreibt. Trotzdem oder gerade deswegen: ein wichtiger Film.
The Last House on the Left (1972) – Wes Cravens Erstling
- Originaltitel: The Last House on the Left
- Deutscher Titel: Das letzte Haus links
- Regie / Drehbuch / Schnitt: Wes Craven (Spielfilmdebüt)
- Produzent: Sean S. Cunningham (später Regisseur von Friday the 13th, 1980)
- Hauptcast: Sandra Peabody (Mari Collingwood), Lucy Grantham (Phyllis Stone), David Hess (Krug Stillo), Marc Sheffler (Junior Stillo), Fred J. Lincoln (Fred „Weasel“ Podowski), Jeramie Rain (Sadie), Martin Kove (Deputy)
- Komponisten: David Hess & Stephen Chapin (Hess spielt UND schreibt den Soundtrack)
- Genre: Rape & Revenge / Exploitation / Horror
- Laufzeit: 84 Minuten
- Budget: ca. 90.000 USD · Einspielergebnis: über 3 Mio USD (US)
- FSK-Geschichte (Deutschland): jahrzehntelang beschlagnahmt – 2017 von der Beschlagnahme befreit, 2019 von der Indizierung gestrichen, im Juli 2020 endlich FSK 18
Mari Collingwood und ihre Freundin Phyllis wollen vor einem „Bloodlust“-Konzert in der Stadt noch einen Joint kaufen. Sie geraten an Krug Stillo und seine Truppe – vier ausgebrochene Schwerverbrecher mit Polizei im Nacken. Was im Wald folgt, ist eine der härtesten Sequenzen des frühen 70er-Horrors. Auf der Flucht landen die Täter ausgerechnet beim Haus von Maris Eltern, wo sie unwissentlich Unterschlupf suchen. Die Eltern erkennen die Spuren – und entscheiden sich für blutige Selbstjustiz. Damit wird Cravens Debüt zum bis heute zitierten Urtyp des Rape & Revenge-Genres.
Die geheime Vorlage: Bergmans Jungfrauenquelle
Im Talk haben Kane und Mike es nicht erwähnt – aber: The Last House on the Left ist eine direkte Adaption von Ingmar Bergmans Jungfrukällan (Die Jungfrauenquelle, 1960), einem schwedischen Mittelalter-Drama, das 1961 den Oscar als bester fremdsprachiger Film gewann. Cravens „Update“ überträgt die Bergman-Geschichte – unschuldige Tochter wird auf dem Weg zur Kirche von Wegelagerern ermordet, die Mörder suchen Unterschlupf bei den Eltern, der Vater rächt sich – in das post-Vietnam-, post-Manson-Amerika der frühen 70er. Genau dieser Bergman-Bogen, von „das Versagen Gottes“ bei Bergman zu „das Versagen der Regierung“ bei Craven, macht den Film über pure Exploitation hinaus lesbar.
Das Hippie-Soundtrack-Problem
Hauptkritikpunkt von Kane und Mike: der Soundtrack. Geschrieben und gesungen vom Hauptdarsteller selbst, David Hess (Krug). Während die Gewaltszenen im Wald maximalen 70er-Härtegrad bieten, läuft darüber zeitweise ein folkig-bluegrassiger Soundtrack, den Kane treffend mit Tom & Jerry-Verfolgungsmusik vergleicht. Manche Kritiker:innen lesen den kalkulierten Stilbruch als künstlerische Entscheidung Cravens – die Banalität des Liedchens neben dem Grauen. Mike sagt klar: „Nein, gerade das ist das riesige Problem von dem Film.“ Eine andere Sequenz – nach dem ersten Mord – nutzt einen bedrückenderen Score, und der trifft den Ton viel besser. So bleibt es dabei: Hess‘ Musik macht mehrere Szenen ungewollt lustig.
Die Slapstick-Polizisten
Zweiter großer Stolperstein für beide Hosts: die Comic-Relief-Cops. Kane verweist auf eine Szene mit dem jüngeren Polizisten – „wenn du nicht weißt, was für ein Film du da gerade drinnen hast, dann meinst du, das ist ein Porno“. Mike zieht den Vergleich zum Ausgekochten Schlitzer – auch dort sind die Bullen Volltrottel, Gangster sind cool. Hier pendelt der Film zwischen brutalstem Exploitation und Slapstick-Einlagen, was beide auf 2026er Sehgewohnheiten als nervig empfinden. Kanes Theorie: Das war Cravens „Markenzeichen“ – Polizisten als inkompetente Autoritäten – aus einer Lebenserfahrung mit dem Vietnamkrieg-Amerika gewachsen. Trifft hier aber nicht ganz, weil die Gewichtung im Film daneben liegt.
Fun Fact: Einer dieser inkompetenten Polizisten wird gespielt von Martin Kove – dem späteren John Kreese aus Karate Kid (1984) und Cobra Kai (2018–2025). Sein erster nennenswerter Filmauftritt überhaupt.
Junior und das Heroin-Schauspielproblem
Marc Sheffler als Krugs Heroin-abhängiger Sohn Junior: Mike findet ihn „einer der mässesten Schauspieler, die ich jemals gesehen habe“. Kane bohrt bei Mike nach – ja, der Charakter ist auf Heroin, aber das schützt das Schauspiel nicht. Kanes O-Ton: „Hauptsache, dass er bis zum Schluss durchgehalten hat.“ Eine seltene Schauspiel-Niederlage, die in Kontrast zu Hess‘ Krug-Performance steht – die ist nämlich brillant.
David Hess als Krug – Die Performance
Sind sich beide Hosts einig: Hess als Krug ist weltklasse. Der Mann ist 1972 ein veritabler Pop-Songwriter (siehe Trivia unten), der hier seine erste große Schauspielrolle spielt – und macht aus Krug einen der „creepigsten“ und „abstoßendsten“ Filmkiller der Horrorgeschichte. Was Kane und Mike besonders heraushebt: die Szene, in der Krug und Pap Aiman nur miteinander kämpfen müssen, in der Krug Glora auf der Couch liegen und vergewaltigt – wirklich misanthropisch, selbst nach 50+ Jahren. Hess spielt später noch Krug-Variationen, am bekanntesten in House on the Edge of the Park (1980, Ruggero Deodato), und arbeitete erneut mit Craven für Swamp Thing (1982).
Der Trivia-Block, der die Folge zu einem geilen Wikipedia-Eintrag macht
- David Hess hat Elvis-Songs geschrieben. Echt jetzt. „All Shook Up“ (Nummer-1-Hit für Elvis 1957) und „I Got Stung“ entstanden aus Hess‘ Feder, ebenso „Speedy Gonzales“, ein 8-Millionen-Verkäufer für Pat Boone (1963). Der Krug-Darsteller hat also eine ernsthafte Pop-Karriere hinter sich, bevor er ins Genre-Fach gewechselt ist.
- Bayern-Connection: David Hess lebte 1972–1976 in München und arbeitete dort für Polygram Records. Er hat Drehbuch-Übersetzungen für Rainer Werner Fassbinder, Reinhard Hauff und Peter Schamoni gemacht. Krug war also zwischendurch auch Wahl-Münchner.
- Wes Cravens Sohn spielt mit. Kanes Aussage stimmt: Der kleine Bub mit dem Luftballon, der vom Bert Krug terrorisiert wird, ist Jonathan Craven – Wes‘ Sohn aus erster Ehe. Heute ist Jonathan selbst Filmemacher und Produzent.
- Cunningham & Craven, Hippie-Sex-Edition. Mikes Trivia stimmt: Craven und Cunningham machten 1971 zusammen den Sex-Education-/Soft-Erotik-Film Together – das war Cravens erster Job in Hollywood, als Editor. Craven hatte vorher überhaupt kein Geld und synchronisierte die Dailies. Aus dieser Zusammenarbeit entstand die Vertrauensbasis für Last House.
- Steve Miner als Hippie: Der Hippie, der einen der Polizisten verspottet, wird gespielt von Steve Miner – der wird später Regisseur von Friday the 13th Part 2 (1981) und Part 3 (1982), House (1985), Halloween H20 (1998) und vielen anderen. Genre-Stammbaum vom Allerfeinsten.
- Martin Kove als Polizist: siehe oben – der spätere John Kreese aus Karate Kid und Cobra Kai.
- Krug = Freddy? Es wird oft kolportiert, dass Krug Stillo der Vorläufer-Charakter zu Freddy Krueger aus A Nightmare on Elm Street (1984) sei. Cravens Wahl, Krug nochmal als Rape-and-Murder-Killer in Last House Part II (Originaltitel Hitch Hike, 1977 – produziert, nicht inszeniert von Craven, eigentlich ein anderer Film) zu verwenden, sowie der phonetische Bogen Krug → Krueger, hat lange für Spekulation gesorgt. Craven hat das nie eindeutig bestätigt, aber auch nie verneint.
- Annabelle-Trivia: In Maris Schlafzimmer ist laut Kane die Original-Annabelle-Puppe zu sehen – also nicht die Filmpuppe aus den Conjuring-Filmen, sondern die echte Raggedy-Ann-Puppe, auf der die „Annabelle“-Mythologie der Warrens basiert. Im Set sichtbar als Easter-Egg vor seiner Zeit.
Die Tagline, die zum Selbstläufer wurde
Mikes Outro mit „To avoid fainting, keep repeating, it’s only a podcast“ ist eine Hommage an die legendäre Original-Tagline: „To avoid fainting, keep repeating, it’s only a movie… it’s only a movie…“ – einer der ikonischsten Werbesprüche der Horrorgeschichte, der den Zuschauer:innen vor Filmbeginn die Erlaubnis gab, wegzuschauen.
Pro & Contra
Mike (Pro): Durch und durch dreckig, kaum Längen, brutale Effekte, die heute noch wirken, David Hess als Krug. Mike (Contra): Slapstick-Polizisten, unpassender Hippie-Soundtrack, der finale Kill spielt sich Off-Screen ab – verschenktes Katharsis-Potenzial.
Kane (Pro): Effekte für 90.000 USD Budget, David Hess‘ Krug, Cunningham/Craven-Hintergrund, historische Bedeutung, Trivia-Reichtum (Wes‘ Sohn, Annabelle-Puppe). Kane (Contra): Junior-Schauspiel, Slapstick-Cops, der Tom-und-Jerry-Soundtrack, dämliche Dialoge, Mari schenkt Junior das Halskettel statt ihm einen draufzuhauen.
Kanes Remake-Bekenntnis
Kane outet sich erneut als Remake-Anhänger: Das 2009er-Remake von Dennis Iliadis findet er „einiges düsterer und gemeiner“. Wegen der Atmosphäre, die durchgängig bleibt, und weil kein Tom-und-Jerry-Soundtrack die Spannung kappt. Damit ist es Kanes mindestens dritter Remake-Vorzug in der bisherigen VLM-Geschichte – Mikes „Fackeln im Garten“ war der Witz dazu, und so langsam erwartet auch Mike den Tag, an dem Kane mal sagt: „Das Remake ist nicht besser.“
Wes Cravens Reservoir-Dogs-Walkout
Eine bemerkenswerte Episode aus der Filmhistorie, die Kane einbringt: Wes Craven verließ während der Vorführung von Reservoir Dogs (1992) bei einem Festival den Kinosaal. Quentin Tarantino war von der Reaktion überrascht – ausgerechnet der Last-House-Regisseur ekelt sich vor seiner Gewalt? Cravens Differenzierung war: Last House zeigt Gewalt als hässlichste Form der menschlichen Seele, ohne Stilisierung und ohne Glorifizierung. Reservoir Dogs hingegen „glorifiziert“ Gewalt durch coole Inszenierung, Songs, Stilisierung. Eine bis heute interessante Genre-Debatte: ist die Inszenierung von Gewalt = die Verantwortung dafür?
Updates für 2026
Wes Craven verstarb am 30. August 2015 in Los Angeles an einem Hirntumor, im Alter von 76 Jahren. Sein letzter Film als Regisseur war Scream 4 (2011). Sein Vermächtnis: Last House on the Left, The Hills Have Eyes (1977), A Nightmare on Elm Street (1984) und die Scream-Reihe.
David Hess verstarb am 8. Oktober 2011 in Tiburon, Kalifornien – an einem Herzinfarkt. Im Alter von 75 Jahren. Hess hat seine Krug-Performance über die Jahre mit relativer Distanz reflektiert und sich auf der Convention-Szene als sympathischer Gentleman entgegen dem Rollenbild präsentiert.
Sean S. Cunningham arbeitete 2025 weiterhin an Reboots: Friday the 13th ist nach langem Rechtsstreit endlich freigegeben, plus ein House-Reboot. Cunningham ist 2026 84 Jahre alt und immer noch aktiv.
Martin Kove beendete 2025 die Cobra-Kai-TV-Serie als John Kreese – die finale Staffel 6 lief auf Netflix. 2025 sorgte er für Negativ-Schlagzeilen, als er auf einer Convention seine Co-Darstellerin Alicia Hannah-Kim in den Arm biss; er entschuldigte sich öffentlich.
Turbine Medien hat seit 2020 das Werk fortgesetzt und mehrere ehemals beschlagnahmte 70er-Genre-Klassiker in Deutschland erstmals frei zugänglich gemacht – das deutsche Genre-Label hat sich zu einem der wichtigsten europäischen Restaurations-Labels entwickelt.
🎧 Jetzt anhören: Podigee · Spotify · Apple Podcasts · YouTube
💜 Werde Teil der VLM-Familie: Auf Steady gibt’s exklusive Bonusfolgen und du hilfst uns, den Podcast am Leben zu halten.
⭐ Eine kurze Bitte zum Schluss
Wenn euch die Folge gefallen hat, schenkt’s uns doch eine Minute auf Apple Podcasts: Bewertung schreiben. Jeder Stern und jede Zeile hilft uns, im bayerischen Podcast-Dschungel sichtbar zu bleiben – und euch hören wir richtig gern zu. Merci!
Weiterhören bei VLM
- Folge 8: Underwater (2020) – Kristen Stewart in der Tiefsee
- Folge 7: Woah Lecks Juni 2020 – Eskimo Callboy, Days Gone, Vivarium & mehr
- Folge 6: Tropic Thunder (2008) – Ben Stillers Hollywood-Satire
- VLM Horror-Podcast – alle Horror-Folgen im Überblick
- Alle Film-Folgen – über 340 Episoden zum Reinhören
FAQ zur Folge
Wer spricht in dieser Folge?
Kane und Mike – das klassische Genre-Duo bei VLM. Korbi ist diesmal nicht dabei. Die Kane-Mike-Konstellation übernimmt häufig die hardcore-Horror- und Exploitation-Stoffe, weil hier Mikes Genre-Wissen und Kanes Härtegrad-Faible besonders gut aufeinander treffen.
Worum geht es bei Das letzte Haus links?
Zwei Teenagerinnen geraten auf dem Weg zu einem Konzert an eine Gruppe ausgebrochener Schwerverbrecher. Was im Wald folgt, ist eine der härtesten Sequenzen des frühen 70er-Horrors. Auf der Flucht landen die Täter ausgerechnet beim Haus der Eltern eines der Opfer und suchen unwissentlich Unterschlupf. Die Eltern erkennen die Spuren – und entscheiden sich für blutige Selbstjustiz.
Wer hat Regie geführt?
Wes Craven, in seinem Spielfilm-Debüt. Craven schrieb das Drehbuch, führte Regie und übernahm den Schnitt. Last House on the Left ist die Geburtsstunde eines der wichtigsten Horror-Auteure des 20. Jahrhunderts – ohne diesen Film keine Hills Have Eyes, kein Nightmare on Elm Street, kein Scream.
Wie ist die FSK-Geschichte des Films in Deutschland?
Der Film war in Deutschland Jahrzehnte lang beschlagnahmt. 2017 wurde er von der Beschlagnahme befreit, 2019 von der Liste jugendgefährdender Medien gestrichen, und im Juli 2020 erhielt er endlich die FSK-18-Freigabe – Anlass für diese VLM-Folge. Das deutsche Genre-Label Turbine Medien hat dafür über Jahre die behördlichen Hürden bearbeitet und veröffentlicht den Film 2020 als Mediabook-Edition.
Auf welchem Film basiert Das letzte Haus links?
Auf Ingmar Bergmans Jungfrukällan / Die Jungfrauenquelle (1960), einem schwedischen Mittelalter-Drama, das 1961 den Oscar als bester fremdsprachiger Film gewann. Craven überträgt die Geschichte – ermordete Tochter, Mörder finden Unterschlupf bei Eltern, blutige Vergeltung – aus dem mittelalterlichen Schweden in das post-Vietnam-Amerika der frühen 70er.
Hat David Hess wirklich Elvis-Songs geschrieben?
Ja. Hess hat unter dem Pseudonym David Hill 1956 den Song All Shook Up (zusammen mit Otis Blackwell) aufgenommen, den Elvis 1957 zum Nummer-1-Hit machte. Auch I Got Stung für Elvis und Speedy Gonzales für Pat Boone (8 Millionen verkaufter Single 1963) gehen auf Hess zurück. Außerdem war er von 1972 bis 1976 Bewohner Münchens und arbeitete für Polygram Records – inklusive Drehbuch-Übersetzungen für Rainer Werner Fassbinder.


