Wenn ein Netflix-Film „A Classic Horror Story“ heißt und in Italien spielt – mit Matilda Lutz aus Revenge in der Hauptrolle, einer kalabrischen Waldhütte und einer veritablen Sektenthematik – dann braucht Mike keine zweite Aufforderung. Korbi und Kane sind diesmal nicht dabei, also setzt sich Mike solo hinters Mikrofon und liefert eine spontane Erstreaktion zu A Classic Horror Story, der am 14. Juli 2021 weltweit auf Netflix gestartet ist. Direkt nach Sichtung, ohne lange Reflexionsphase – dafür mit allem, was Mike beim italienischen Genre-Kino sofort anspricht.
Worum geht’s?
Fünf Fremde finden sich über eine Mitfahr-App in einem Wohnmobil zusammen, auf dem Weg quer durch Süditalien Richtung Kalabrien. Mit dabei: die schwangere Elisa (Matilda Lutz), der Arzt Riccardo, die Start-up-Gründerin Sofia, ihr englischer Freund Mark und der Wohnmobilbesitzer Fabrizio, der das Ganze mit einer Kamera dokumentiert – angeblich für seinen YouTube-Kanal. Die einzige Auflage fürs Mitfahren: Alle müssen damit einverstanden sein, gefilmt zu werden.
Nach einem folgenschweren Unfall in der Nacht erwachen die fünf am nächsten Morgen mitten im Nichts. Das Wohnmobil steht auf einer Lichtung neben einer alten Holzhütte, von der Straße keine Spur. Als sie aufbrechen, um Hilfe zu holen – einer ist verletzt –, landen sie am Abend wieder genau dort, wo sie morgens losgegangen sind. Das Wohnmobil ist mittlerweile auch verschwunden. Bleibt nur die Hütte als Nachtquartier. Und in der Nacht passieren dann die seltsamen Dinge.
Mikes Sekten-Achillesferse
Mike macht’s gleich klar: Sektenthematiken kriegen ihn jedes Mal sofort an den Eiern. Egal, ob Kult, Geheimgesellschaft oder Ritualgemeinschaft – sobald irgendwo eine verschworene Gruppe mit eigenem Kosmos auftaucht, ist er an Bord. Genau aus diesem Grund hat ihn auch schon The Ritual (2017) auf Netflix völlig gepackt – ein Vergleich, den er hier direkt zieht. Wo dort nordische Folklore mit Jötunn-Kult auf britische Wanderfreunde trifft, ist es bei A Classic Horror Story der italienische Hinterwald mit eigener Mythologie.
Die ersten 60 Minuten hat A Classic Horror Story Mike komplett im Griff. Der Aufbau einer Mythologie, die geheimnisvollen Hinweise darauf, was in den Wäldern vor sich gegangen sein soll, was mit den früheren Opfern passiert ist und ob übernatürliche Kräfte am Werk sind – das alles befeuert das Kopfkino und lässt einen miträtseln. Aber dann kommt der Twist. Und spätestens da kippt die Stimmung.
Roberto De Feo & Paolo Strippoli – Italo-Horror-Revival
Inszeniert wird das Ganze von Roberto De Feo und Paolo Strippoli – zwei Regisseuren, die mit dem Film das Image des italienischen Genre-Kinos auf eine neue Stufe heben wollen. Im Film selbst gibt es sogar eine selbstironische Spitze: Italiener könnten ja angeblich keine Horrorfilme mehr machen. Was angesichts der Glanzzeiten in den 70ern und 80ern natürlich Quatsch ist – man denke nur an Dario Argento (Suspiria, 1977), Lucio Fulci (Zombi 2, 1979) oder Mario Bava, die dem internationalen Horror enorm viel mitgegeben haben. A Classic Horror Story versteht sich klar als Liebesbrief an dieses Erbe.
Optisch fällt das sofort auf. Mike: „In dem Moment, wo der Film losgegangen ist, hab ich mir gedacht: Das ist mal ganz was anderes.“ Der Film hat einen leichten Sepia-Ton, das Set-Design ist atmosphärisch durchkomponiert, und die Inszenierung weicht angenehm vom internationalen Streaming-Einheitslook ab. Hier sieht man, dass Italiener das immer noch können.
Matilda Lutz: Erkennt man, wenn man Revenge gesehen hat
In der Hauptrolle der schwangeren Elisa: Matilda Lutz. Mike kennt sie seit dem Rape-Revenge-Schocker Revenge (2017) von Coralie Fargeat. Mike ist sich übrigens nach eigener Aussage unsicher, ob er ihren Vornamen italienisch oder international ausspricht (Mathilda? Matilda?). Egal. Lutz trägt den Film und liefert eine körperlich wie emotional fordernde Performance. Wer Lutz schon in Revenge mochte, bekommt hier eine deutlich andere, aber genauso konsequent gespielte Rolle.
Easter Eggs & Hommagen – Mike zählt mit
Das eigentliche Spielprinzip von A Classic Horror Story: Zitatfreudigkeit auf hohem Niveau. Wer zumindest ansatzweise im Genre-Kanon bewandert ist, wird permanent Verweise erkennen.
Mike erkennt sofort die brutale Augen-Zerstörung in Großaufnahme – klassisches Fulci-Markenzeichen, berühmt geworden durch die ikonische Splitter-im-Auge-Szene aus Zombi 2 (1979). Auch Fulci-Klassiker wie The Beyond oder City of the Living Dead arbeiten mit diesem Bildvokabular. Bildsprache und Farbgebung verweisen außerdem auf das Giallo-Erbe von Dario Argento – sein Hexenakademie-Klassiker Suspiria (1977) setzt bis heute den optischen Maßstab für italienischen Horror.
Eine extrem schmerzhafte Szene, in der jemandem der Fuß behandelt wird, ist eine direkte Hommage an die berüchtigte „Hobbling“-Sequenz aus Misery (1990) mit Kathy Bates und James Caan. Mike will nicht spoilern, aber der Vergleich sitzt – Stephen-King-Bezug erkannt.
Atmosphärisch geht A Classic Horror Story deutlich in Richtung Folk-Horror. Ganze Versatzstücke kommen direkt aus Ari Asters schwedischem Midsommar (2019). Mike: „Wer den Film kennt und dann A Classic Horror Story sieht, sagt sofort: Das hat Midsommar-Vibes.“ Zur Klasse von Aster reicht’s aber nicht ganz hin. Das Folk-Horror-Urgestein The Wicker Man (1973) liefert das ideologische Vorbild für das, was in den Wäldern Kalabriens vorgeht – wer Christopher Lees abgelegene Insel kennt, erkennt das Sektengerüst sofort.
Und dann das ganz offensichtliche: Im Film wird sogar wortwörtlich gesagt, dass die Waldhütte aussieht wie das Haus aus The Evil Dead (1981) von Sam Raimi. Selbstironische Meta-Referenz inklusive.
Wer das Genre liebt, hat hier was zum Schmunzeln. Mike: „Ich seh’s eher als Hommage denn als Abkupfern.“ Im Film selbst sorgt das für diese typischen Aha, das ist von dem-Momente.
Der Twist – und warum Mike erst flucht und dann doch versöhnt ist
Bis zum Twist hätte Mike den Film mit sehr hoher Wertung weiterempfohlen. „Ich war wirklich die erste Stunde voll dabei.“ Aber dann kommt die Wende, die er nicht weiter spoilern will – und seine Reaktion während des Schauens, gerichtet an seine Frau: „Jetzt versauen sie’s.“ Die mythologisch-übernatürliche Lesart, in die er sich während der ersten Filmhälfte hineingesteigert hatte, wird abrupt zurückgezogen.
Was den Film für Mike trotzdem rettet: die letzten 20 Minuten. Da geht A Classic Horror Story noch einmal eine Meta-Ebene tiefer und verleiht dem Filmtitel sein eigentliches Gewicht. „A Classic Horror Story“ meint plötzlich etwas anderes als das, was man die ganze Zeit angenommen hat – konzeptionell sitzt das in der Nähe von The Cabin in the Woods (2011), der den Genre-Kommentar ähnlich offensiv betreibt. Mike hätte trotzdem die bodenständige Variante bevorzugt, gibt aber zu: Der Schluss hämmert den Titel zurück ins Bewusstsein.
Tops & Flops im Teaser
Mike Solo, ein Verdikt mit klaren Linien. Was ihm am Film richtig taugt: die Sektenthematik, die in der ersten Stunde grandios aufgebaut wird, die atmosphärische Inszenierung mit Sepia-Optik und durchdachtem Set-Design, und Matilda Lutz, die den Film mit derselben physischen Präsenz trägt wie schon in Revenge. Die Hommagen sitzen alle – an Fulci, Argento, Bava, Misery, Midsommar, The Wicker Man und Evil Dead –, der italienische Genre-Output ist auf international konkurrenzfähigem Produktionsniveau, und der Gore-Anspruch wird in passender Dosis befriedigt. Selbst der Twist, der die mythologische Lesart zerstört, wird durch die letzten 20 Minuten meta-clever rehabilitiert. Was Mike kritisch sieht: dass der Twist nach rund einer Stunde dem Film genau das nimmt, was die erste Hälfte aufgebaut hat – er hätte sich die bodenständig-mythologische Auflösung gewünscht statt der Meta-Wendung. Und wer das Genre kennt, hat das alles schon mal gesehen, teilweise besser. Aber: keine Zeitverschwendung.
Triple Threat — die Auflösung gibt’s in der Folge
Wie steht’s um die heilige Dreifaltigkeit der VLM-Filmbewertung? Bei A Classic Horror Story liefert der Film in einer Kategorie unerwartet deftig ab — im italienischen Genre-Kanon mit konkretem Bezug zur Fulci-Schule. In den anderen beiden Kategorien wird es interessanter, weil eine davon vom Twist komplett umgedreht wird. Mike fasst das Ergebnis live im Podcast zusammen — inklusive seiner Begründung, warum die Triple-Threat-Bilanz für ihn trotzdem klar im positiven Bereich landet.
👉 Hört in die Folge rein für Mikes komplette Triple-Threat-Wertung und seine Twist-Begründung.
FAQ zu A Classic Horror Story
Wann ist A Classic Horror Story auf Netflix gestartet?
Weltweit am 14. Juli 2021. Premiere hatte der Film bereits am 1. Juli 2021 auf dem Taormina Film Fest in Sizilien. In der Startwoche wurde er zum drittmeistgesehenen Netflix-Film weltweit.
Wer hat Regie geführt?
Roberto De Feo und Paolo Strippoli als Co-Regisseure. Für Strippoli war es das Spielfilm-Regiedebüt. Das Drehbuch stammt von Lucio Besana, De Feo, Strippoli, David Bellini und Milo Tissone – insgesamt gab es 12 Drehbuchversionen, in den meisten davon stirbt die Hauptfigur Elisa am Ende.
Wer spielt mit?
In der Hauptrolle Matilda Lutz als Elisa – bekannt aus dem Rape-Revenge-Schocker Revenge (2017). An ihrer Seite Francesco Russo (Fabrizio), Peppino Mazzotta (Riccardo), Will Merrick (Mark), Yuliia Sobol (Sofia) und Cristina Donadio (Mother).
Wo wurde der Film gedreht?
In Kalabrien, Süditalien. Die Region prägt nicht nur das Setting, sondern auch die spezifische Folklore, auf die sich die Mythologie im Film bezieht.
Welche Horrorfilme zitiert A Classic Horror Story?
Mindestens sechs klare Verweise: Zombi 2 (Augen-Gore, Lucio Fulci), Suspiria (Bildsprache, Dario Argento), Misery (Fuß-Szene), Midsommar (Folk-Horror-Atmosphäre), The Wicker Man (Kult-Tropus) und The Evil Dead (Waldhütte, sogar wortwörtlich im Film erwähnt).
Ist der Twist ein Problem?
Für Mike teilweise. Die ersten 60 Minuten bauen ein mythologisches Rätsel auf, das dann beim Twist anders aufgelöst wird, als man erwartet hätte. Mike hätte die bodenständige Variante bevorzugt – aber die letzten 20 Minuten heben den Film auf eine Meta-Ebene, die den Titel A Classic Horror Story rückwirkend rechtfertigt.
Vergleichbare Filme?
Vor allem The Ritual (2017), der Mike ebenfalls auf Netflix gegruselt hat. Tonal näher am Film: Midsommar (2019). Wer auf den Meta-Aspekt steht: The Cabin in the Woods (2011).
Lohnt sich der Film?
Ja, mit Einschränkung. Mikes Empfehlung: „Keine Zeitverschwendung. Hat Spaß gemacht.“ 95 Minuten Laufzeit, italienische Genre-Liebe, eine starke Matilda Lutz und genug Splatter für den Gore-Anspruch. Für Sekten-Fans und Folk-Horror-Liebhaber Pflicht.
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