Dredd (2012): Karl Urban, Mega-City One & Slo-Mo

Korbi – Co-Founder und Host von Viva la MovieluciónKorbi
Mike – Co-Founder und Host von Viva la MovieluciónMike
Kane – Co-Founder und Host von Viva la MovieluciónKane

I am the Law. Judge Kane bittet zur Sitzung – Mundwinkel runter, Helm bleibt drauf, Pflicht ruft. Mit dabei: Judge Mike, Judge Korbi. Heute auf der Anklagebank: Dredd (2012) von Pete Travis (mit gut belegter Hintertür-Co-Regie von Alex Garland) – die zweite und ungleich treuere Verfilmung der 2000 AD-Comicfigur. Anlass: Pandastorm Pictures bringt eine neue, schön aufgerüstete Mediabook-Repack mit drei limitierten Covern auf den Markt. Korbis Erstsichtung im Schlepptau, Kanes vierte oder fünfte. Drei sehr unterschiedliche Vorbelastungen, ein gemeinsames Ergebnis.

Plot & Setup: Mega-City One, Peach Trees und Slo-Mo

Dystopische Zukunft. Die Erde ist im Arsch, gut 800 Millionen Menschen leben in der ostküsten­-Megalopolis Mega-City One zwischen Boston und D.C., der Rest des Kontinents radioaktive Cursed Earth. Recht und Ordnung halten allein die Judges aufrecht – Polizist, Richter, Henker und Geschworene in Personalunion, mit dem berüchtigten Lawgiver-Pistole und dem Lawmaster-Motorrad. Mittendrin: Judge Joseph Dredd (Karl Urban).

Dredd zieht zur Beurteilung mit Rookie-Judge Cassandra Anderson (Olivia Thirlby) los. Anderson hat ihre Abschlussprüfung knapp verhauen, ist aber telepathisch begabt – ein seltener Psi-Skill, den die Chief Judge zu wertvoll findet, um sie auszusortieren. Erster Routine-Einsatz: dreifacher Mord im 200-Stockwerk-Megabau Peach Trees. Drei Kandidaten gehäutet, vom Dach geworfen, im Atrium gesplattert.

Peach Trees ist Reich von Madeline „Ma-Ma“ Madrigal (Lena Headey), Ex-Prostituierte, jetzt zentrale Drogenbaronin und Herstellerin von Slo-Mo – einer Designerdroge, bei der die Wahrnehmung des Konsumenten auf 1 % der Realgeschwindigkeit verlangsamt wird. Als Dredd und Anderson einen ihrer Lieutnants (Wood Harris als Kay) verhaften, lässt Ma-Ma Peach Trees von innen verriegeln und gibt offiziellen Schießbefehl auf die zwei Judges aus. Damit ist der Plot, in Kanes Worten: „Vom Bordstein zur Skyline kämpft er sich, ey – und schickt dann Ma-Ma von der Skyline zum Bordstein zurück.“

Comic-Treue: Karl Urban, der Helm und der Stallone-Faktor

Hier liegt das größte Argument des Films, und beide VLM-Veteranen Mike und Kane unterschreiben ihn ohne Abstriche: Karl Urban nimmt den verdammten Helm nie ab. Auch nicht am Anfang, auch nicht im Schatten, auch nicht bei der übergeordneten Plotwende. Wer die Comics von 2000 AD kennt (Mike: „Die habe ich damals selbst noch im Regal gehabt“), weiß, warum das nicht-verhandelbar ist: Dredd ist sein Helm – sein Privatleben gibt es im Comic praktisch nicht, sein Beruf ist sein Charakter. Das hat Judge Dredd (1995) mit Sylvester Stallone komplett vergeigt: Helm runter nach 90 Sekunden, dazu der berechtigte Witz über das gerüttelte Plastik des damaligen Lawmasters.

Urban geht so weit, dass er nach eigener Aussage am Set nie aus der Rolle ausgestiegen ist – Helm offen am Set, kein Spass mit Crewmitgliedern, der Granteln-Modus aufrechterhalten. Er hat zusätzlich darauf bestanden, das Lawmaster-Motorrad selbst zu fahren. Da der Comic-Reifen-Durchmesser physikalisch nicht fahrbar ist, hat das Production Design eine spielbare, aber comicnahe Variante gebaut. Ergebnis: alle Straßenszenen mit Urban am Bike sind real.

Mike fasst es zusammen: „Die haben verstanden, worum es beim Dredd geht. Es geht nicht um wichtige Charaktertiefe, einfältige Dialoge oder Meta-Ebene. Es geht um handfeste Action.“

Worldbuilding ohne Exposition: Was der Film richtig macht

Mikes zentraler Pluspunkt: Dredd erklärt fast nichts. Ein kurzer Voiceover am Anfang über die Welt, einen Satz über Slo-Mo, ein Hinweis auf die Judge-Hierarchie – mehr nicht. Den Rest schmeißt der Film dem Zuschauer hin und lässt ihn zurecht­kommen. Überbevölkerung, totales Chaos, Pseudo-Faschismus als einzige Ordnungsmacht, Sci-Fi-Slumindustrie – alles selbsterklärend oder nicht erklärt. Mike: „Er macht nicht die ganze Zeit Exposition. Und das finde ich total cool.“ Vergleich im Recap: Mad Max: Fury Road.

Korbi nimmt diese Beobachtung als der Film mit der niedrigsten Einstiegshürde auf, den die VLM-Hosts bisher hatten: „Ich kannte den Film bisher überhaupt nicht. Ich habe ihn mit meiner Frau geschaut, beide waren absolut begeistert.“ Pluspunkt eins der Folge: Dredd funktioniert kalt-eingestiegen.

Gewalt, Slo-Mo und der zynische Humor

Die Slo-Mo-Sequenzen. Wenn Konsumenten Slo-Mo nehmen, läuft die Wahrnehmung in Zeitlupe – und der Film visualisiert das mit einer eigens entwickelten Kameratechnik (DOP Anthony Dod Mantle, derselbe wie bei Slumdog Millionaire). Das Tropfen-im-Bart, das Aufgehen der Haut bei einer Schussverletzung, eine Faust, die das Auge eines Junkies in 1-fps-Ästhetik trifft – all das sieht so aus, wie es aussieht, wenn ein DOP genau weiß, wie er ein Drogenerlebnis als Bildkomposition denkt. Kane: „Alles glitzert und ist leicht verschwommen – das ist so geil zum Anschauen, da kannst du es zurücklaufen lassen, und es nochmal anschauen.“ Mikes einziger Kritikpunkt der Folge: einige der Slo-Mo-Szenen sind zu lange und nehmen dem Film den Schwung raus.

Der zynische Humor. Eine Folge-prägende Sequenz: ein Chinese sitzt im Eingangsbereich, wo ein Riesentor zugeht. Dredd: „Da darfst du nicht sitzen, sonst wirst du verwarnt – oder ich nehme dich mit in Schutzhaft.“ Antwort: das Tor zerquetscht den Mann. Anderson, blutleer: „Welche Strafe steht da drauf, Rookie?“ Kane: „Richtig zynischer, mieser Humor. Echt geil.“

Die Minigun-Sequenz. Ma-Mas Truppe baut zwei Vulcan-Miniguns am 76. Stockwerk auf und blasen einen ganzen Korridor durch – inklusive Zivilisten in den dahinter liegenden Wohnungen. Korbi sah die Szene als Trailer-Schnipsel ohne Kontext und hat erst später erfahren, dass das aus Dredd stammt: „Die schaut so geil aus, wenn sie von oben filmen und damit das ganze Haus durchrotzen.“

Die Eingangs-Schießerei im Einkaufszentrum. Direkt am Anfang stoppt Dredd einen Van mit einem flüchtigen Slo-Mo-Junkie, der in ein Einkaufszentrum flüchtet. Dredd geht hinterher – nicht hektisch, einfach Schritt für Schritt – und zählt im Vorübergehen die Leichen. Korbis Take: „In dieser Metropole leben so extrem viele Menschen, da ist Gewalt offenbar Tagesordnung.“

Easter Eggs aus 2000 AD: Was Mike entdeckt hat

Im Recap streut Mike eine Comic-Lese-Anekdote ein: Bei der Eingangs­szene liegt im Hintergrund ein extrem korpulenter Mann auf einem komischen Wagen. Ohne Comic-Hintergrund wirkt das wie absurde Deko. In den Comics gibt es jedoch die Fatties – eine satirisch überzeichnete Bevölkerungsgruppe, die so dick ist, dass ihre Bäuche ein eigenes radförmiges Stützkonstrukt brauchen. Mike erinnert sich an einen Strip mit einem Fatty am Strand, der gegen 5 Dollar pro Stunde Schatten verkauft. Klassischer 2000-AD-Tonfall.

Tops & Flops: Drei Hosts, drei Bewertungen

Mike: pro Film, fast ohne Einschränkungen. Top: die Comic-Treue (Helm bleibt auf), das Worldbuilding ohne Exposition, der zynische Humor. Flop: einige der Slow-Mo-Szenen sind zu lange und nehmen Tempo raus.

Kane: einer seiner absoluten Lieblings-Action-Filme. Top: Karl Urban als Dredd – stoischer Panzer, der durchmarschiert, dazu die ungeschnittene Brutalität („Da pisst die Kamera nicht ab, sondern bleibt drauf, jawohl“) und das stumpf-unterhaltsame Setting („Platt heißt nicht dumm“). Flop: dass der Film gefloppt ist und damit Sequels und Serie auf Eis liegen.

Korbi: Erstsichtung als Wow-Erlebnis. Top: Dredd und Anderson als ungleiches Duo – ohne Anderson wäre der Film eintönig. Flop: das Finale gegen Ma-Ma kommt zu undramatisch – nach all den korrupten Judge-Schlachten fällt der eigentliche Hauptbosskampf zu wenig pompig aus. „Es hätte schon noch einen richtigen Kawumms geben dürfen – Ma-Ma mit zwei Gatlings, links und rechts auf beide Arme.“

The Raid vs. Dredd: Der Dauerbrenner

Der Vergleich ist seit 2012 ein Recap-Klassiker, und Mike bringt ihn auch hier ein. Ein Jahr vorher hat Gareth Evans The Raid (2011) veröffentlicht – ebenfalls ein Set-up mit Polizist-im-Hochhaus-voller-Krimineller, ebenfalls von unten nach oben durchkämpfend, ebenfalls bodenständige Action ohne 100.000-Schnitt-Eskalation. Korrigiert Mike sofort: Beide Filme funktionieren parallel, einer davon ist Pencak-Silat-Martial-Arts-Wahnsinn (The Raid), der andere ist comic-treue Future-Cop-Action (Dredd). Niemand hat hier von wem abgeschaut – die Idee ist alt, die zwei Filme entstehen unabhängig. Mikes Pflicht-Empfehlung an Korbi: „The Raid 2 ist der beste Action-Film, der je gemacht worden ist. Mit Abstand.“

Triple Threat zur Folge – Null Bingo

Die drei Felder. Titten? Nein. Trompeten? Nein. Tote Tiere? Nein. Damit landet Dredd bei 0 von 3 – in der VLM-Triple-Threat-Geschichte ein eher selten geweihter Zustand. Was nichts über den Film aussagt, eher über die Spielregel. 🎧 Direkt zur Episode auf Podigee.

Produktion: Garlands Hintertür-Regie und das eBay-Kostüm-Drama

Der Film ist auf dem Papier von Pete Travis inszeniert (vorher Vantage Point, 2008). 2018 hat Karl Urban allerdings bestätigt, was schon während der Produktion 2011 als Gerücht durch die Branche lief: Travis wurde im Editing-Prozess sukzessive ausgeschlossen, und Drehbuchautor und Producer Alex Garland (28 Days Later, Ex Machina, Annihilation, Civil War) hat einen maßgeblichen Anteil an der Inszenierung übernommen. Auf einen Co-Director-Credit wurde dann verzichtet, um die Story nicht in eine WGA-Auseinandersetzung zu kippen.

Drehort: Südafrika (Johannesburg und Kapstadt), nicht USA. Budget: rund 45 – 50 Millionen US-Dollar. Box Office: rund 41 Millionen weltweit – ein finanzieller Flop. Kamera: Anthony Dod Mantle, der die Slo-Mo-Sequenzen mit Phantom-Hochgeschwindigkeitskameras gedreht hat. Score: Paul Leonard-Morgan, nachdem die ursprünglich geschriebenen Stücke von Geoff Barrow und Ben Salisbury durch das Studio ausgetauscht wurden.

Nach dem Box-Office-Flop wurde nicht nur jede Aussicht auf eine Fortsetzung beerdigt – das Studio hat zusätzlich einen Großteil der Requisiten und Kostüme bei eBay versteigert, was eine spätere Produktion praktisch ausschließt. Es gab Petitionen, eine Karl-Urban-Serien-Idee und immer wieder neue Gerüchte, aber bisher nichts Konkretes. Urban ist seit The Boys ohnehin in einer anderen Serien-Realität fest verankert.

FAQ zur Folge

Worauf basiert Dredd?
Auf der Comicfigur Judge Dredd, die seit 1977 in der britischen Comic-Anthologie 2000 AD erscheint – erfunden von John Wagner und Carlos Ezquerra. Dredd ist seit Ausgabe 2 der bekannteste und langlebigste Strip des Magazins.

Ist Dredd 2 ein Sequel zu Stallones Judge Dredd (1995)?
Nein. Dredd (2012) ist ein eigenständiger Reboot mit komplett neuer Crew, neuem Studio und neuem Regie-Team. Mit Stallones Version teilt er nur die Comicvorlage – sonst nichts.

Warum kommt kein Dredd 2?
Der Film hat mit ~41 Mio US-Dollar Box Office sein 45 – 50 Mio Budget nicht eingespielt. Studios kalkulieren bei R-Rated/FSK-18-Filmen sowieso defensiv – ein Flop in dieser Kategorie killt die Sequel-Pipeline. Eine geplante Karl-Urban-Serie ist mehrfach hin und wieder aufgetaucht, hat aber bisher kein Studio-Greenlight.

Wer hat Dredd wirklich inszeniert?
Offizieller Regisseur: Pete Travis. Effektiv inszeniert wurde der Film aber, gemäß Karl Urbans Statement von 2018, in Schlüsselszenen und im Final Cut von Drehbuchautor und Producer Alex Garland. Travis war während des Editings nicht mehr am Schnittplatz.

Ist Dredd dasselbe wie The Raid?
Nein, aber das Setup ist auffallend ähnlich – SWAT-Team-/Polizist-im-Hochhaus, von unten nach oben durchkämpfen. Beide Filme entstanden parallel und unabhängig. The Raid (2011) ist Pencak-Silat-Martial-Arts, Dredd (2012) ist comic-treue Future-Cop-Action. Sehempfehlung: einfach beide. The Raid 2 (2014) ist Mikes ungeschlagener bester Action-Film aller Zeiten.

Wo kann ich Dredd schauen?
In Deutschland: Pandastorm Pictures hat den Film auf DVD/Blu-ray/4K herausgebracht. Die neue Mediabook-Repack mit drei Cover-Varianten ist der Anlass dieser Folge. Streaming-mäßig wandert er regelmäßig zwischen den Diensten – Anfang 2026 lief er auf Max, danach kurzzeitig Tubi (US-only). Kane: „Die Blu-ray hat es echt in sich – die günstigste Variante fängt bei €20 an, das Mediabook geht bis €65.“

Wie heißt die Munition aus dem Lawgiver?
Klassische Comic-Munitionsarten, im Film z. B.: Hot Shot (Hochtemperatur-Brandsatz), Armor Piercing, Stun, Incendiary, High Ex. Der Lawgiver wird per Sprachbefehl umgeschaltet – nur Dredd-genetisch verifizierte Judges können ihn überhaupt benutzen, sonst explodiert er.

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