Hunted (2020): Waldsterben, Eve & ein Rotkäppchen-Slasher

Korbi – Co-Founder und Host von Viva la MovieluciónKorbi
Mike – Co-Founder und Host von Viva la MovieluciónMike
Kane – Co-Founder und Host von Viva la MovieluciónKane

Pandastorm-Pictures-Special-Time: Korbi, Mike und Kane haben ein Screener von Pandastorm zugeschickt bekommen – Hunted (2020) aka Hunted – Waldsterben aka Cosmogonie, der erste Live-Action-Spielfilm von Vincent Paronnaud, dem halben Hirn hinter dem Animations-Klassiker Persepolis. Ein belgisch-französisch-irisches Rotkäppchen-Update mit Survival-Thriller-Anstrich – und einer der bisher polarisiertesten Filme im VLM-Recap. Drei Hosts, drei Lesarten, ein Bingo-Wert beim Triple Threat.

Plot & Setup: Frau, Bar, Wald – zumindest auf dem Papier

Eve (Lucie Debay) ist Bauleiterin in einer fremden Stadt, kommt aus einer männerdominierten Branche und einer angespannten Beziehung. Nach einem mistigen Arbeitstag will sie in einer Bar einfach in Ruhe ein Bier trinken – was als erster aufdringlicher Aufreißer scheitert. Gerettet wird sie scheinbar vom charmantesten Typen des Abends (Arieh Worthalter, im Abspann nur als „The Guy“ geführt). Tänzeln, Kuss, Auto, Türen rasten ein – und ab da ist Eve nicht mehr Date, sondern Beute. Sein Komplize (Ciaran O’Brien) sitzt am Steuer, ein gefälschter Snuff-Plot läuft.

Ein Autounfall durchkreuzt den Plan, und Eve flieht in den Wald. Der Rest des Films – also die nächsten gut 60 Minuten – ist eine durchgehende Verfolgungsjagd, die immer wieder in andere Genre-Schubladen springt: Slasher, Rape-Revenge, Folk-Horror, Predator-Hommage. Mike: „Ab dem Moment, wo sie aussteigt, ist der Film im Endeffekt eine lange Jagdsequenz durch den Wald – bis zum abrupten Schluss.“

Die zwei Hälften: Wo sich Korbi, Mike und Kane spalten

Hier laufen die drei Bewertungen wirklich auseinander. Drei Punkte, an denen sich der Recap aufhängt:

Erste Hälfte (bis zum Autounfall) – Konsens: stark. Die Bar-Sequenz, die langsame Eskalation in einen „Wolf-im-Schafspelz“-Auftritt von Worthalter, der Wechsel vom Gentleman zum komplett irren Antagonisten – darin sind sich alle drei einig: das funktioniert. Worthalters Performance ist das Highlight des Films, eine „vollumfängliche Ausrastnummer“, wie es Mike nennt. Vor allem auch, wie er den ersten aufdringlichen Tänzer mit einer einzigen Bierflasche aus der Szene kickt.

Mittelteil (Autounfall bis Final-Showdown) – Konsens: bricht weg. Hier geht Kanes Geduld in Trunken auf. Eve läuft ihren Verfolgern bei freier Sicht am Flussufer entlang davon, während die zwei Täter dort gemütlich Füße waschen. Sie schläft mitten in der Verfolgungsjagd kurz mit einem Reh ein. Sie trägt ein knallrotes Leiberl, will sich aber tarnen. Und dann passiert das Ding, das niemand erwartet hat: Eve läuft mitten in eine Paintball-Schlacht. Ein Spieler schießt ihr eine blaue Kugel direkt ins Gesicht, kein Beteiligter reagiert, als zwei Fremde mit Stecken und Messer dazwischenrennen. Kanes Quintessenz: „Das Ding war die ganze Zeit dumm, das ist dumm, das ist auch dumm, das ist schon wieder dumm. Warte, Augenblick – das ist noch dümmer.“ Korbi nimmt’s hin: „Ich habe echt gedacht, die stehen jetzt beide so dermaßen unter Drogen, dass sie sich das einbilden.“ Mike verteidigt: Metaphorik, nicht Logik – die rote Farbe muss raus, bevor sie blau zur Kämpferin wird (Braveheart-Move).

Finale (im Außenhaus, mit beiden Antagonisten) – Konsens: wieder stark. Hier flippt Kanes Bewertung wieder ins Positive: „Das Finale ist komplett irre, aber im positiven Sinne. Mit dem Sound, den Bildern und dem Schauspiel – das fand ich richtig cool.“ Der durch den Wald laufende Tot-und-Lebende-Final-Schlagabtausch hat den Sound, den Schnitt und den „Only the Savage Survive“-Wahnsinn, den der englische Tagline-Untertitel verspricht. Spitzen wie das Panzertape-Szene und der Pfeil-Moment (Mike: „den hat man eigentlich gegönnt, dass er überlebt“) landen auf dem Konto der Pluspunkte.

Charaktere: Wer den Film trägt

Lucie Debay als Eve trägt diesen Film alleine – und kommt durch eine harte Charakterkurve: vom überforderten Frischopfer am Anfang über das Wildtier zwischendrin bis zur tatsächlich wendenden Jägerin im Finale. Belgische Schauspielerin, durch King of the Belgians (2016) und Melody (2014) bekannt. Korbi und Mike heben hervor: Diese Wandlung ist die einzige Charakterentwicklung des Films, die wirklich trägt.

Arieh Worthalter als „The Guy“ ist der heimliche Star. Mike: „Der macht seinen Job super. Selten so einen Riesenausschlag gesehen – den hast du voll.“ Kane: „Volle Kante.“ Sein Auftritt mit der Bierflasche im Club, sein dauerhaft im Sekundentakt eskalierender Wahnsinn („Würdest du mich küssen?“ zu einem unbeteiligten alten Typen im Auto), seine ganze „manipulative Charme + barbarischer Aufwand“-Mischung sind das Argument, sich den Film überhaupt anzuschauen. Korbi: „Er ist halt einfach nur voll der Psycho. Und das fand ich irgendwie cool.“

Ciaran O’Brien als „The Accomplice“ bekommt im Recap fast nur „voller Socke aufs Maul“. Sein Charakter fällt hin, steht auf, wird gestochen, gepfeilt, getapt – und Kane lacht sich jedes Mal weg. Plotmechanisch unnötig, schauwertig dagegen ein Volltreffer.

Rotkäppchen-Metaphorik: Was der Film auf der Symbol-Ebene macht

Mike fasst es im Recap am präzisesten zusammen: „Die Metaphorik ist hier wichtiger als die Logik oder gar die Story.“ Vincent Paronnaud kommt aus dem Comic- und Animationsbereich – sein Hauptwerk ist Persepolis (2007), den er gemeinsam mit Marjane Satrapi inszeniert hat –, und in Hunted arbeitet er mit Bilderdichte, nicht mit Plötzlichkeit:

  • Das rote Kapuzenleiberl als direkter Rotkäppchen-Verweis. Eve trifft den „Wolf im Schafspelz“ (laut Mike: „steht so im Abspann“ – nicht ganz, im Abspann steht „The Guy“, aber als Stilmittel passt’s).
  • Die Lagerfeuer-Märchen-Sequenz am Anfang: Eine Mutter (Simone Milsdochter, im Abspann „The Huntress“) erzählt ihrem Sohn die Geschichte des Priesters Nicodemus, der mit einer Armee in den Wald zog, um eine vermeintliche „Hexe“ zu vernichten – und dort von den Wölfen und der Natur selbst hingerichtet wurde. Foreshadowing in voller Länge: Die Natur ist auf Eves Seite, der Männer-Mob hat verloren, bevor er angefangen hat. Mike: „Wo wir wieder beim Rotkäppchen sind – am Ende wird einer zum Jäger. Der Junge wird zum Jäger.“
  • Die Tankstellen-Szene: Eve trifft auf einen Pump Attendant, will Hilfe holen, der „Guy“ taucht auf, behauptet sie sei seine Freundin, und der Tankwärter glaubt es. Mike-Lesart: Die Frau hat keine Stimme. Der Mann unterdrückt sie sogar im wortwörtlichen Sinn.
  • Die Natur als Verbündete: Tiere als emotionale Anker-Szenen – das Reh, der Hase – sind weniger Plot-Tools als Symbol-Setzung. Kane: „Ich habe es zwar nicht verstanden, was sie da meinen, aber sie haben auf alle Fälle gekuschelt.“

Tops & Flops: Drei Hosts, drei Bewertungen

Mike: pro Film mit klaren Abstrichen. Top: die animierte Vorspann-/Märchen-Sequenz, der Genre-Mix, Lucie Debays Wandlung. Flop: das eintönige Wald-Setting nach einer Weile.

Kane: gespaltener als Eve. Top: die erste Hälfte und das Finale, dazu Worthalters Antagonist und der Komplize, der im Sekundentakt auf die Nase kriegt. Flop: Der komplette Mittelteil zwischen Autounfall und Finale ist für ihn „so dumm, dass man es fast gesehen haben muss“ – also durchaus Sehempfehlung, aber als Lehrstück für eigene Logik.

Korbi: ehrlich unentschlossen. Top: Worthalters Psycho-Performance über den ganzen Film, die orginelle Genre-Verschiebung. Flop: Das Hin-und-her-Wechseln zwischen Hunted-Slasher und Rape-Revenge „hoch drei“ ist irgendwann zu viel. Sein Endurteil: anschauen und selbst urteilen – „vielleicht sagt’s ihr dann, boah leck, die haben überhaupt keine Ahnung.“

Triple Threat zur Folge – Tierschutz teilweise drin

Die drei Felder. Titten? Nein. Trompeten? Nein. Tote Tiere? Ja – ein Hase. Damit landet Hunted bei 1 von 3 – Kane: „Schau her, einer von drei. Tierschutz getäge“. 🎧 Welche Szene das Tierschutz-Kästchen ankreuzt, gibt’s in der Folge.

Pandastorm Pictures: Das Lob für die Synchro

Mike nutzt den Recap für ein explizites Lob in Richtung Pandastorm: „Die schauen wirklich immer, dass sie eine saubere Synchronisation zaubern. Was bei anderen Labels schon mal schief geht, ist bei Pandastorm Standard.“ Hunted – Waldsterben ist genau so ein Beispiel: deutsche Spur sauber, der Pandastorm-typische Genre-Care-Take ist hörbar. Wer den Film auf Deutsch kauft, kriegt damit auch Wert dafür.

Produktion: Vom Persepolis-Regisseur ins Wald-Inferno

Vincent Paronnaud (IMDb, eigentlich auch unter dem Künstlernamen Winshluss bekannt, Comic-Künstler, Fauve d’Or-Preisträger) ist seit Persepolis (2007, Co-Regie mit Marjane Satrapi, mehrfach Oscar- und César-nominiert) im internationalen Kino angekommen. Hunted ist sein dritter Live-Action-Spielfilm und sein erster echter Genre-Eintrag. Drehbuch zusammen mit Léa Pernollet, plus David H. Pickering und Stephen Shields für englischsprachige Dialoge.

Produziert wurde der Film von Wrong Men (Belgien), Kidam (Frankreich) und Savage Productions (Irland). Premiere im August 2020 beim Fantasia International Film Festival, US-Streaming-Start auf Shudder am 14. Januar 2021. Pandastorm Pictures hat den Film für Deutschland geholt – daher der deutsche Untertitel Waldsterben, der Kane an Diego-Maradona-Doku erinnert hat. Originaltitel im Französischen ist übrigens Cosmogonie (Schöpfungsmythos) – was eigentlich besser auf den Film passt als beide deutschen und englischen Marketing-Titel.

FAQ zur Folge

Worum geht es in Hunted?
Eve, Bauleiterin in einer fremden Stadt, geht abends in eine Bar, wird vom charmanten Aufreißer in dessen Auto gelockt und merkt zu spät, dass das eine geplante Entführung ist. Nach einem Autounfall flieht sie in den Wald – und der Rest des Films ist eine lange, mehrfach genrewechselnde Verfolgungsjagd zwischen ihr und ihren zwei Verfolgern.

Wer ist der Regisseur?
Vincent Paronnaud, im Animationsbereich vor allem als Co-Regisseur von Persepolis (2007) bekannt. Hunted ist sein erster prominenter Live-Action-Genre-Film.

Ist Hunted ein guter Film?
Kommt darauf an. Die VLM-Hosts liegen quer: Mike-positiv (Metaphorik trägt den Film), Kane gespalten (Anfang und Finale super, Mittelteil voller Logiklöcher), Korbi unentschlossen. Konsens: anschauen und selbst urteilen.

Was hat es mit der Paintball-Schlacht auf sich?
Mitten in die Verfolgungsjagd läuft Eve in eine zufällige Paintball-Schlacht im Wald hinein, bekommt eine blaue Kugel ins Gesicht („Braveheart“-Symbolik) und die Spieler reagieren bemerkenswert wenig auf zwei mit Stecken und Messer bewaffnete Fremde. Im Recap einer der größten Diskussionspunkte – zwischen „genialer Genre-Bruch“ und „komplett dumm“.

Welche Filme sind ähnlich?
Die Hauptreferenzen im Recap: The Wicker Man-Folk-Horror-Linie, klassische Rape-Revenge wie I Spit on Your Grave, und ganz besonders Revenge (2017) von Coralie Fargeat, das die gleiche Idee deutlich konsistenter durchzieht. Predator und Braveheart kommen als visuelle Vergleiche im Recap vor.

Wo kann ich Hunted schauen?
In Deutschland: über Pandastorm Pictures auf DVD und Blu-ray, dazu auf den gängigen VoD-Plattformen. International oft über Shudder.

Wie heißt der Film im Original?
Französischer Originaltitel: Cosmogonie. Internationaler Titel: Hunted. Deutscher Untertitel: Waldsterben. Auf der internationalen Veröffentlichung kursiert noch der Tagline-Subtitel Only the Savage Survive – den fand Kane im Recap eigentlich am treffendsten.

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