Midsommar (2019): Folk-Horror, Hårga-Kult & Ari Aster

Korbi – Co-Founder und Host von Viva la MovieluciónKorbi
Mike – Co-Founder und Host von Viva la MovieluciónMike

Korbi und Mike nehmen sich endlich vor, was bei VLM seit den ersten Folgen aufgespart wurde: Midsommar (2019) von Ari Aster – Folk-Horror in Hälsingland, im hellsten Sommerlicht, ohne einen einzigen klassischen Jumpscare. Beide haben den Film je vier oder fünf Mal gesehen, beide sind glühende Fans, beide kommen aus dieser Folge mit Gänsehaut raus. Kane fehlt – Mikes Verdacht: schlicht zu viel Respekt vor dem Material. Und um genau diesen Director’s Cut, den Mike und Korbi unbedingt gemeinsam besprechen wollten, hat sich diese Folge ein halbes Jahr verzögert.

Plot & Setup: Trauma, Trip nach Schweden, ein Gastgeber, der zu freundlich ist

Dani (Florence Pugh) verliert in den ersten Filmminuten ihre gesamte Familie: Ihre bipolar gestörte Schwester Terri tötet zuerst die Eltern und sich selbst über die Auspuffgase – ein Bild, das sich der Film für später als Foreshadowing-Anker zurücklegt. Was bleibt, ist eine emotional komplett verminte Beziehung zu Christian (Jack Reynor), der eigentlich schon mit dem Schluss-Zettel in der Hand sitzt – aus Mitleid und Feigheit aber bleibt.

Christian plant mit seinen Studienkumpels Mark (Will Poulter), Josh (William Jackson Harper) und vor allem Pelle (Vilhelm Blomgren) einen Trip nach Schweden. Pelle ist Pelle ist der Gaststudent aus Hälsingland und der Schlüssel zur ganzen Reise: Seine Familie gehört zur abgelegenen Hårga-Kommune, deren Mittsommerfest alle 90 Jahre in der vollen neuntägigen Form gefeiert wird. Dass Christian seinen Trip vor Dani versteckt hat, kommt – dank einer Director’s-Cut-only-Szene – beim Hauskrach zu Tage. Dani schließt sich an. Aus zwei Gründen: weil sie sich an den letzten Menschen klammert, der noch da ist, und weil Pelle bemerkenswert offen für die Idee ist, sie in der Hårga willkommen zu heißen.

Die Hårga: 9 Tage, alle 90 Jahre, ein Maibaum und 9 Opfer

Was sich nach idyllischem Folklore-Trip anfühlt, kippt in mehreren konzentrischen Kreisen ins Albtraumhafte. Korbi fasst es im Recap so zusammen: „Es ist wirklich ein sehr heller Horrorfilm.“ Die Hårga sind nett. Beleidigend nett. Dauergrinsend nett. Mike: „Die haben Olli so extrem freundlich, dass es schon wieder gruselig ist.“ Die Wandteppiche und Gemälde in der Gemeinschaftshütte zeigen, was passieren wird – und niemand der Gäste liest sie rechtzeitig.

Die zentralen Rituale, die Mike und Korbi durchgehen:

  • Ättestupa: Der ritualisierte Selbstmord der Hårga-Ältesten ab dem 72. Lebensjahr. Zwei Senioren stürzen sich von einer Klippe, der Mann überlebt den ersten Sturz nicht ganz – die Kommune unten leidet kollektiv mit, schreit mit, schreit ihn weg. Bei diesem Punkt bricht das englische Gastpaar Connie und Simon ab. Sie tauchen später wieder auf. Nicht lebendig.
  • Der Maibaum & die Maikönigin: Die jungen Frauen tanzen unter Drogen so lange um den Maibaum, bis nur noch eine steht. Diese trägt für die nächsten Tage die Krone und bestimmt am Ende mit, wer für die Götteropfer ausgewählt wird.
  • Das Begattungsritual mit Maja (Isabelle Grill): Christian wird mit einem Liebeszauber bedacht – Menstruationsblut im Getränk, Schamhaare im Essen, der ganze Folklore-Werkzeugkasten – und über Maja „drüber rutschen“ gelassen, wie Mike es im Recap formuliert. Umringt von nackten Frauen der Kommune, die jeden Stoßlaut mitatmen. „In der Kommune wird alles geteilt – Schmerz und Leid und Freude“, erklärt Mike. Das ist die These des Films.
  • Das Inzucht-Orakel Ruben (Levente Puczkó-Smith): Die Hårga zeugen gezielt durch Inzest ein körperlich und geistig beeinträchtigtes Kind, das als „unverschleiertes“ Medium gilt und mit Fingerfarbe in das heilige Buch Rubi Radr malt. Die Ältesten interpretieren. Mike: „Total abgefuckt.“ Drumherum gilt: Frisches Blut von außen ist gewünscht – deshalb Pelle, deshalb Christian, deshalb Dani.
  • Das Finale im dreieckigen Tempel: Neun Opfer für das 90-Jahres-Fest. Vier amerikanische Studenten, die zwei Engländer, zwei Hårga-Freiwillige (einer davon Pelles Bruder Bror) – und Christian, betäubt, in einen ausgestopften Bärenkadaver gesteckt. Die fertig getöteten und die noch lebenden, ebenfalls unter Drogen gesetzten Hårga-Opfer werden gemeinsam verbrannt. Die Maikönigin Dani sieht zu – und beginnt zum ersten Mal im ganzen Film aufrichtig zu lächeln.

Charaktere & Dynamik: Pelle als Manipulator, Christian als Antiheld

Der Film steht und fällt mit dem Kontrast zweier Männer um Dani. Christian ist von der ersten Szene an der Gaslighter-Loser: Er hatte ihren Geburtstag vergessen, er macht ihre Trauer um ihre Schwester zur Belastung, er erfindet immer neue Mikrowiderstände, um Verantwortung zu vermeiden. Mike: „Er führt sie die ganze Zeit auf und vergisst den Geburtstag, und sie ist so nett und bringt ihm Blumen – und er wirft ihr das vor.“ Selbst sein Masterarbeits-Klau bei Josh zeigt: Charakter null.

Pelle dagegen ist der vermeintliche Heiland – und genau das ist die Falle. Korbi und Mike halten im Recap fest, was im Film nie ausgesprochen wird: Pelle agiert von Anfang an manipulativ. Er begegnet Dani auf Augenhöhe, er erinnert sich an ihren Geburtstag, er zeichnet sie als Geschenk, er drückt sie nie in eine Richtung – aber er weiß genau, wohin sie geführt werden soll. Korbi: „Hey, du gehörst jetzt zu meiner Familie, du gehörst jetzt zu unserer Kommune – und jeder in dieser Kommune behandelt sie ja so.“ Je mehr Christian die Beziehung verbockt, desto näher rückt die Kommune an Dani heran. Das ist kein Zufall.

Mike wirft im Recap eine spannende These auf: Christian ist zwar das Arschloch, aber die Hårga sind im Endeffekt auch nichts anderes als jede andere Sekte – sie picken sich das schwächste Glied aus der Gruppe und bauen es um. Korbi widerspricht halb: Aus Hårga-Sicht ist alles uralte Tradition und nichts Böses – Kinder werden in jede Phase eingebunden, bis hin zum Ausstopfen des Bären. Beide Lesarten stehen ohne klare Auflösung nebeneinander. Genau das macht den Film für Mike zum Vier-/Fünf-Mal-Schauer.

Symbolik & Foreshadowing: Worauf man beim vierten Mal achtet

Mike hat den Film vor der Aufnahme zum vierten Mal gesehen und immer noch Neues gefunden. Ari Asters Detail-Dichte ist legendär – hier eine kleine Auswahl, die die beiden im Recap rausziehen:

  • Das Eröffnungs-Wandgemälde: Direkt unter dem Vorspann läuft der gesamte Film als Bilderfolge ab – mit harfen­ähnlicher Musik unterlegt. Wer es sich nochmal anschaut, sieht den Schluss schon.
  • Die Drohnenaufnahme bei der Ankunft in Hälsingland: Die Kamera dreht sich beim Reinfahren ins Hårga-Gebiet einmal komplett kopfüber. Mike: „Wo man in der Szene eigentlich schon sagt: Okay, ab jetzt steht die ganze Geschichte Kopf, jetzt laufen alles nur noch nach den Regeln der Kommune.“
  • Die Geburtstagskerze, die nicht brennen will: Christian überreicht Dani in der Hårga zerstreut einen einsam bekerzten Kuchen, im Hintergrund eine schwingende Familie – und der Funke springt buchstäblich nicht über. Korbi nennt es zurecht „super symbolisch“.
  • Der Bär, der Dani von Anfang an verfolgt: Über Danis Bett hängt ein Bild von einem kleinen Mädchen mit einem riesigen Bären. Im Hårga-Käfig steht ein lebendiger Bär, den die Kommune demonstrativ ignoriert. Im Begattungsritual-Raum hängt ein Bild eines lebendig brennenden Bären an der Wand – Christian starrt es an, ohne zu wissen, was es bedeutet. Im Finale ist genau das sein Tod.
  • Das Foto der Eltern + die Schlauch-Silhouette: Beim ersten Drogentrip sieht Dani das Gesicht ihrer toten Schwester mit dem Schlauch im Wald als Silhouette zwischen den Bäumen. Bei der Krönungs-Prozession am Ende, wenn Dani auf dem Schild getragen wird, bewegen sich die Blumen und Blätter im Hintergrund „komisch“ – das ist der Hinweis ans Publikum, dass sie wieder auf Drogen ist und gleichzeitig die Trauer endgültig hinter sich lässt.
  • Der dreieckige Opfertempel: Mike streut die Wikipedia-Trivia ein, dass das Dreieck in vielen Glaubensrichtungen für Geist & Seele steht. Im Finale brennt der Tempel unten, Dani thront oben – die Bär-Symbolik wird in dem Moment umgedreht.
  • Die Wand-Comics über Liebeszauber: Das, was Christian später passiert (Menstruationsblut, Schamhaare, Begattung), hängt schon am ersten Tag als Wandteppich draußen aus. Korbi: „Bitte sag, dass das nicht wahr ist.“ War aber wahr.

Director’s Cut vs. Kinofassung: 23 Minuten, die alles ändern

Hier sind sich Mike und Korbi komplett einig: Der Director’s Cut (171 Minuten) ist der Film, der Director’s Cut ist die einzig richtige Sichtung. Die Kinofassung mit 147 Minuten lässt zentrale Szenen weg – darunter den Streit zwischen Christian und Dani, in dem er ihr den verheimlichten Schweden-Trip beichten muss; den geschmückten jungen Hårga-Bursch, der sich beim Baum-im-Wasser-Ritual freiwillig opfert („Götter, sein Magen knurrt noch“); und mehrere kleinere Charakterszenen, die die Beziehungsdynamik zwischen den Studenten klarer machen.

Die schlechte Nachricht für Synchron-Hörer: Den Director’s Cut gibt es nicht in deutscher Synchronisation, sondern nur im englischen Original mit Untertiteln. Mike: „Den werde ich wahrscheinlich nur noch nur O-Ton hören mit Untertiteln.“ Genau dieser Punkt hat die Folge ein halbes Jahr verzögert – Mike hat darauf bestanden, dass Kane den Director’s Cut sieht, bevor sie über den Film reden.

Tops & Flops: Was funktioniert, was nicht

Tops: Mike vergibt auf Letterboxd fünf Sterne und ein dickes Herz. Was den Film für ihn auf Meisterwerk-Niveau hebt: Er spielt fast komplett bei Tageslicht, kommt zu 99,9 % ohne Jumpscare aus, und ist trotzdem unterschwelliger Horror in Reinform. Korbi unterschreibt das Fazit zu hundert Prozent und hebt zusätzlich die Kameraführung hervor – die Drohnenaufnahme bei der Ankunft, die Wohnungstür-Spiegel-Szene gleich am Anfang, der nahtlose Schnitt vom Toilettengang in der Studenten-Wohnung in den Flugzeug-Innenraum. Die Symbolik-Dichte ist unparalleled. Hereditary-Kameramann Pawel Pogorzelski liefert ein Werk, das sich wie ein laufendes Gemälde anfühlt.

Flops: Beide haben Mühe, was Negatives zu finden. Mike landet am Ende beim einzigen ehrlichen Kritikpunkt: Es hätte ruhig länger sein dürfen. Mehr Hårga-Rituale, mehr Detail-Tode der Studenten, mehr Welt – „hätten wir das gern sehen dürfen.“ Korbi unterschreibt auch das.

Triple Threat zur Folge – Bingo

Drei Felder, dreimal getroffen. Titten? Ja. Trompeten? Ja. Tote Tiere? Ja. Damit hat Midsommar in der Geschichte des VLM-Triple-Threats das volle Bingo abgeräumt – einer der seltenen 3/3-Filme. Welche Szene welches Kästchen ankreuzt, gibt’s in der Folge. 🎧 Direkt zur Episode auf Podigee.

Produktion: Ungarn statt Schweden, Asters echte Trennung & die Hereditary-Linie

Ari Aster hat Midsommar nach Hereditary als zweiten Spielfilm für A24 inszeniert. Budget rund 9 Millionen US-Dollar, Worldwide-Box-Office knapp 48 Millionen – ein klarer kommerzieller Erfolg auf Indie-Maßstab. R-Rating in den USA hat der Film denkbar knapp bekommen; mehrere Szenen waren NC-17-Kandidaten und wurden im finalen Schnitt minimiert. Auch die Ruben-Auftritte sind in der Kinofassung deutlich kürzer als ursprünglich gedreht.

Trivia, die im Recap nicht alle reingepasst haben: Das Drehbuch geht ursprünglich auf eine Idee der schwedischen Produzenten Patrik Andersson und Martin Karlqvist zurück, die Aster eine geradere Folk-Horror-Variante anboten. Aster hat das Konzept übernommen und mit seiner eigenen, gerade laufenden komplizierten Trennung verschmolzen – im Interview mit Vulture nannte er den Film „a Wizard of Oz for perverts“. Gedreht wurde fast komplett in Ungarn, außerhalb von Budapest – ein authentischer schwedischer Hügel war für 9 Mio Budget zu teuer. Schwedische Komparsen wurden eingeflogen, Production Designer Henrik Svensson reiste mit Aster nach Hälsingland, um die Vorlagen für die Sets zu holen. Die Kostüme verwenden rumänische, ungarische und schwedische Materialien, die mit Runen bestickt sind – die Hårga sind ausdrücklich kein authentisches schwedisches Volk, sondern eine Kunst-Kommune mit eigener, abgekapselter Kultur.

Levente Puczkó-Smith, der Ruben spielt, ist im wirklichen Leben ein Tänzer – er führte zur gleichen Zeit die Titelrolle in der ungarischen Erstaufführung von Billy Elliot The Musical in Budapest. Die Verwandlung in Ruben dauerte täglich rund drei Stunden Prosthetics.

FAQ zur Folge

Ist Midsommar auf einer wahren Geschichte basiert?
Nein. Die Hårga-Kommune ist erfunden, basiert aber teilweise auf realen schwedischen Folklore-Elementen. Der Mittsommer als Fest existiert, das 90-Jahres-Ritual und die Ättestupa in dieser Form nicht.

Welche Fassung soll ich schauen – Kino oder Director’s Cut?
Klar Director’s Cut. Korbi und Mike sind sich beide einig: Die zusätzlichen 23 Minuten machen den Film verständlicher (besonders den Streit zwischen Dani und Christian zu Beginn) und liefern eine zusätzliche Opferritual-Szene mit dem geschmückten Baum, die im Kino-Cut komplett rausgefallen ist. Wermutstropfen: Der Director’s Cut existiert nur im englischen O-Ton mit Untertiteln, nicht synchronisiert.

Wo kann ich den Film schauen?
Der Director’s Cut ist auf den Mediabook- und Blu-Ray-Veröffentlichungen meist als zusätzliche Disc enthalten. Streaming-mäßig schwankt es nach Region und Zeitpunkt – die Suche nach „Midsommar Director’s Cut“ auf den gängigen VoD-Plattformen lohnt sich.

Ist Midsommar gruseliger als Hereditary?
Anders gruselig. Mike beschreibt es im Recap so: kein Jumpscare-Horror, keine Splatter-Eskalation, sondern unterschwelliger Tageslicht-Horror, der erst beim Nachdenken seine volle Wirkung entfaltet. Wer Hereditary mag, wird Midsommar lieben – wer aber Blumhouse-Style Schrecken braucht, ist hier nicht der richtige.

Was ist mit Connie passiert?
In der Kinofassung verschwindet sie einfach – ihr Tod wird nur am Schluss durch ihre Leiche bei den neun Opfern impliziert. Im Director’s Cut ist die Sequenz etwas klarer; sie wurde nach dem Versuch zu fliehen von der Kommune eingeholt.

Wer ist Ruben und warum ist er so?
Ruben ist das absichtlich durch Inzest gezeugte „Orakel“ der Hårga – ein körperlich und geistig beeinträchtigtes Kind, das laut Hårga-Lehre als „unverschleiert“ und damit besonders empfänglich für die Götter gilt. Sein Job: mit Fingerfarbe das heilige Buch Rubi Radr bemalen, das die Ältesten interpretieren. Asters Selbstkommentar dazu: „He’s important more as a symbol, as an idea, than he is even as a character.“

Was bedeutet das letzte Lächeln von Dani?
Die zentrale Auslegungsfrage des Films. Korbi liest es so: Sie lässt nicht nur die toxische Beziehung mit Christian hinter sich, sondern die ganze Trauer-Vergangenheit. Die Hårga ist die neue Familie. Mike wirft im Recap die Gegenfrage auf, ob das wirklich „happy“ ist – oder ob die Kommune Dani genauso wie Christian benutzt hat, nur mit einem anderen Werkzeug.

Welche anderen Filme sollte ich kennen?
The Wicker Man (1973) als ältester Folk-Horror-Referenzfilm; Hereditary (2018) als Asters Debüt; The Witch (2015) von Robert Eggers für die folk-horror Slow-Burn-Linie; Beau Is Afraid (2023) als Asters dritter Spielfilm.

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