Mike und Korbi nehmen sich den französisch-italienischen Kultfilm Barbarella (1968) vor: Roger Vadims psychedelische Sci-Fi-Comicverfilmung mit Jane Fonda als titelgebender Spezialagentin der 41. Jahrhunderts. Auftrag: einen verschollenen Erfinder einer Erdenwaffe finden. Was folgt, ist ein 105-Minuten-Trip aus Pelzraumschiff, Vogelkäfigen, Orgasmus-Orgel und einem Bildgewitter, das man so nur 1968 drehen konnte. Und mittendrin eine 30-jährige Jane Fonda, die sich – wie sich erst im Nachhinein zeigt – durch eine ziemliche Tortur am Set spielt.
Barbarella (1968) – Comicverfilmung, Kult, Camp und ein bisschen Soft-Erotik
Inhalt (so weit man kommt): Im 41. Jahrhundert wird Spezialagentin Barbarella (Jane Fonda) von der Erde aus losgeschickt, um einen verschollenen Wissenschaftler namens Durand-Durand zu finden, der eine gefährliche Erdenwaffe entwickelt hat – in einer Zeit, in der die Galaxie eigentlich befriedet ist. Sie crash-landet auf einem fremden Planeten, gefährt durch verschiedenste Gebiete, Käfigen und Maschinen, trifft Engel, Rebellen, Bösewichte und Tyrannen – und bedankt sich häufig in Form gegenseitiger Zuneigung. Mike fasst es so zusammen: Wenn man nicht aufpasst, kommt man irgendwann nicht mehr mit, wo überhaupt Sache ist.
Die Vorlage: Der Film basiert auf dem gleichnamigen französischen Comic von Jean-Claude Forest. Korbi hat sich den Comic angeschaut und sagt: Im Comic ist es noch viel verrückter – jede zwei Seiten ein neuer Planet, eine neue Rasse, eine neue Affaire. Inklusive einer Roboter-Sex-Szene, die der Film weggelassen hat. Die Filmadaption hat Barbarella sogar ein paar Klamotten mehr verpasst als die Comic-Version.
Roger Vadim und der Fonda-Clan
Regie führte Roger Vadim, zur Zeit der Dreharbeiten Janes Ehemann. Kurz davor hatte er bereits Brigitte Bardot und Sofia Loren als Hauptdarstellerin im Gespräch – die Wahl fiel auf Fonda, die hier in einer ihrer frühesten großen Hauptrollen zu sehen ist und den Film mit Charisma, Selbstironie und Spielfreude komplett trägt. Für den nötigen Familienkontext: Janes Vater ist Henry Fonda – zu sehen unter anderem in Sergio Leones Spiel mir das Lied vom Tod (1968). Ihr Bruder ist Peter Fonda, die Counterculture-Ikone aus Easy Rider (1969). Das ist Hollywood-Geschichte aus einer einzigen Familie.
Pelziges Raumschiff, Lavalampen-Cockpit und Paco-Rabanne-Kostüme
Das Produktionsdesign ist der eigentliche Star – nach Jane Fonda. Barbarellas Raumschiff-Innenraum: komplett mit Pelz ausgekleidet. Wand, Boden, Decke. Wer Hausstaubmilbenallergie hat, braucht hier schon im Trailer ein Antihistaminikum. Eine Plexiglasscheibe als Schlafplatz erlaubt die berühmten von-unten-nackerte-Jane-Fonda-Vorspann-Aufnahmen. Aus dem Cockpit-Fenster sieht es so aus, als blicke Barbarella in eine riesige Lavalampe – mit dem All hat das eigentlich nichts zu tun, aber egal.
Mike vergleicht das Set wiederholt mit einem Theaterstück: limitierte Räume, Stoffhintergründe, holzern-charmantes Spiel. Die Kostüme stammen von Paco Rabanne, der durch Barbarella einen massiven Karriereschub bekam. Plastik-Büstier, transparente Planeten-Outfits, Sci-Fi-Hippie-Mix – alles inklusive. Und alle paar Minuten fällt Barbarella so blickwirksam durch eine Decke oder ein Geländer, dass das Outfit dabei zerfällt.
Schlüsselszenen: Striptease, Vogelkäfig, Orgasmus-Orgel
Der Vorspann. Eine Astronautenfigur in Slowmotion-Schwerelosigkeit zieht ihren Anzug aus – darunter Jane Fonda, weitgehend bekleidet mit dem Vorspann-Schriftzug. Kurz darauf macht sie nackig per Videocall mit ihrem Chef einen Auftrag aus. Korbi: Spätestens nach den ersten anderthalb Minuten sitzt die Freundin neben einem auf der Couch und schaut ihn mit großen Augen an.
Die Killer-Puppen-Szene. Gleich am Anfang wird Barbarella von beissenden Spielzeugpuppen mit Reisszähnen attackiert. Korbi hält die Szene für das mit Abstand Gruseligste im ganzen Film – nichts danach kommt da noch dran.
Der Vogelkäfig. Ein Glaskasten, in den 100 bis 150 echte Vögel geschossen werden, die nicht aggressiv genug waren – also wurden Ventilatoren eingesetzt, um sie aufzuscheuchen. Das Ergebnis: Jane Fonda komplett von oben bis unten von Vogelkot bedeckt, mit anschliessender Vergiftung und Krankenhausaufenthalt von mehreren Wochen. Im Film selbst rutscht Barbarella unten aus dem Käfig ohne Vorwarnung in die Geheimbasis der Rebellen – die liegt nämlich praktischerweise direkt unter der Basis der Bösen. Mike: Wahnsinn, Wahnsinn, Wahnsinn.
Die Orgasmus-Orgel. Korbis Lieblingsszene und eines der grottigsten Folterinstrumente der Filmgeschichte. Eine Maschine, die das Opfer durch Orgasmen zu Tode bringen soll – bis Barbarellas Lust-Kapazität die Maschine zum Brennen bringt und der Bösewicht entsetzt registriert: Du hast meinen Super-Trumm zerstört!
Jane Fonda und der Preis hinter den Kulissen
Was beim Anschauen wie Spass aussieht, war es für Jane Fonda offenbar nur teilweise. Sie selbst bezeichnet Barbarella später alles andere als ihren Lieblingsfilm. Neben der Vogelkot-Vergiftung gab es eine Plastikröhren-Rutschszene, bei der sie sich grossflächig Haut aufgeschlagen hat – mehrere Drehtage Pause. Während der gesamten Produktion hat sich Fonda nach eigenen Angaben einen massiven Selbsthass aufgebaut, der zu einer Essstörung fortschritt – die sie später öffentlich angesprochen hat. Sie spielte den Film vor allem ihrem Mann zuliebe.
Korbi: Wenn man das weiß, sieht man Barbarella noch einmal mit anderen Augen. Die Tier-Szenen – echte Vogelschwärme, echte Gefahr – haben Parallelen zu Hitchcocks Die Vögel, wo Tippi Hedren ähnlich behandelt wurde. Solche Methoden sind heute zum Glück nicht mehr möglich.
Feministisch oder frauenfeindlich? Die Diskussion
Mike argumentiert: Für 1968 war es bemerkenswert, dass eine weibliche Hauptfigur ihre Sexualpartner aktiv auswählt, sich auslebt und sich nicht aufs Hausmütterchen-Klischee reduzieren lässt. Aus zeitgenössischer Perspektive durchaus eine Form sexueller Selbstbestimmung.
Korbi hält dagegen: Barbarella bedankt sich praktisch jedes Mal, wenn ihr ein Mann hilft, mit Sex – und ist im Comic teilweise einfach standardmässig oben ohne. Plus: Roger Vadim hat seine eigene Frau Jane Fonda hier durchaus exploitativ in Szene gesetzt; auch Fonda selbst sieht das aus heutiger Sicht kritisch. Das Bild bleibt ambivalent. Vermutlich sind beide Lesarten gleichzeitig richtig: ein Film, der gleichzeitig sexuell befreit und sexuell exploitativ ist, mit einer wunderbar selbstironischen Hauptdarstellerin, die das Beste aus einer schwierigen Drehsituation gemacht hat.
Was hat uns gefallen, was nicht
Korbis Highlight: die Orgasmus-Orgel. Das gröbste Folterinstrument aller Zeiten in der kompletten Filmgeschichte. Der Anblick eines verzweifelten Bösewichts, weil seine Folter-Orgel an Barbarellas Lust scheitert, ist unschlagbar.
Korbis Kritikpunkt: Das Ende. Auch wenn es paradox klingt bei einem Film, der null auf Logik setzt: Korbi hat das Finale nicht ganz verstanden – Barbarella fliegt am Ende mit dem geblendeten Engel und der bisher bösen Königin davon, der Engel wird gefragt, warum er sie gerettet hat, antwortet sinngemäss ein Engel kann sich nicht erinnern – und dann ist Schluss. Unbefriedigend.
Mike: Der Film ist ihm einen Wing zu lang. Für diese Art Camp/Trash wären 80–85 Minuten ideal gewesen, statt 1h 45min. Was ihm zugutezuhalten ist: Er hält einen trotzdem bei der Stange, eben weil er der fleischgewordene Sci-Fi-Fiebertraum ist – mit Paco-Rabanne-Kostümen, abgedrehten Sets und Fahrzeugen, die heute noch beeindrucken. Trotz aller Logiklöcher ist Barbarella kein Christopher-Nolan-Film. Aber genau deswegen funktioniert er.
Empfehlung beider Hosts: Mit Bier und ohne Erwartungshaltung anschauen. Wer episodisches Erzählen, abgedrehte Bilder und 60er-Jahre-Sci-Fi-Camp aushält, bekommt einen ungewöhnlichen Klassiker geschenkt.
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Häufige Fragen zu Barbarella
Wer spielt Barbarella?
Die Hauptrolle der titelgebenden Spezialagentin spielt Jane Fonda. Sie war zur Zeit der Dreharbeiten 30 Jahre alt und mit dem Regisseur Roger Vadim verheiratet. Für Fonda war es eine ihrer frühesten großen Hauptrollen – zwei Jahre vor ihrer ersten Oscar-Nominierung für They Shoot Horses, Don’t They?.
Worauf basiert der Film?
Auf dem gleichnamigen französischen Comic von Jean-Claude Forest, der ab 1962 erschienen ist. Der Comic ist noch wesentlich freizügiger und episodenhafter als die Filmadaption – die Filmversion hat Barbarella vergleichsweise mehr Klamotten gelassen und einige Szenen entschärft.
Welches Genre hat Barbarella?
Eine Mischung aus Science-Fiction, Camp-Komödie und Soft-Erotik mit Comic-Verfilmungs-Anleihen. Für 1968 war die Erotik-Komponente skandalös genug, dass der Film vor Einführung des MPAA-Ratings im November 1968 noch mit dem schlichten Hinweis Suggested for Mature Audiences veröffentlicht wurde.
Warum hat Jane Fonda den Film bereut?
Mehrere Gründe: Die Vogelkäfig-Szene mit echten Vögeln und Ventilatoren führte zu einer Vergiftung und Krankenhausaufenthalt. Eine Röhren-Rutschszene endete mit grossflächigen Hautabschürfungen. Während der gesamten Dreharbeiten hat Fonda sich mit Selbsthass und einer fortschreitenden Essstörung herumgeschlagen – sie hat später öffentlich gemacht, dass sie den Film hauptsächlich ihrem damaligen Ehemann Roger Vadim zuliebe gemacht hat.
Lohnt sich Barbarella heute noch?
Für Sci-Fi-Liebhaber, Camp-Fans und Cineasten mit Sinn für 60er-Jahre-Pop-Art definitiv. Für eine geradlinige Story-Erfahrung eher nicht – die Handlung ist ein wilder Mix aus Episoden, die Logiklöcher sind Programm. Mike und Korbi empfehlen: mit Bier und ohne hohe Erwartungen reingehen – dann macht der Film richtig Spass.


