Mike und Korbi nehmen sich Robert Eggers’ zweiten Spielfilm vor: The Lighthouse (2019), auf Deutsch Der Leuchtturm. Zwei Leuchtturmwächter, eine einsame Insel im New England des späten 19. Jahrhunderts – und ein langsamer, alkoholgetränkter Abstieg in den Wahnsinn. Der Film läuft komplett in Schwarz-Weiß, in einem fast quadratischen Bildformat (1,19:1) und mit einem Slang, an dem selbst gestandene Englischkenner verzweifeln. Mike und Korbi haben den Film jeweils einmal auf Deutsch und einmal im englischen Original gesehen – und sind sich einig: Das hier ist Kunst.
The Lighthouse (2019) – zwei Leuchtturmwächter, ein Sturm, kein Ausweg
Inhalt: Ende des 19. Jahrhunderts übernehmen zwei Leuchtturmwächter eine vierwöchige Schicht auf einem winzigen Inselabschnitt in New England. Der erfahrene Thomas Wake (Willem Dafoe) beansprucht das Licht oben im Turm exklusiv für sich, während Neuanwärter Ephraim Winslow (Robert Pattinson) sich um Dachziegel, Maschinen und schlechtes Wetter kümmern darf. Als die Ablösung ausbleibt, ein Sturm losbricht und der Schnaps zu fließen beginnt, verschmelzen Schichtwechsel, Wahnvorstellungen und mythische Bilder zu einem 109-Minuten-Abstieg, von dem keiner der beiden unbeschädigt zurückkommt.
Die Inszenierung: Der Film ist Robert Eggers’ zweite Regiearbeit nach The Witch aus dem Jahr 2015. Das Drehbuch entstand zusammen mit seinem Bruder Max Eggers, der ursprünglich eine unvollendete Kurzgeschichte von Edgar Allan Poe als Vorlage nahm. Jede Einstellung wirkt wie ein Gemälde, jede Szene atmet Symbolismus – vom Prometheus-Mythos über Fegefeuer-Anspielungen bis hin zu Lovecraft.
Schwarz-Weiß, 1,19:1 und der härteste Akzent des Jahrzehnts
Das Bildformat ist 1,19:1 – fast quadratisch, mit dicken seitlichen Balken überall dort, wo das moderne Auge Breitbild erwartet. Korbi vergleicht es mit den 4:3-Filmen seiner Kindheit; Mike sieht eine bewusste Entscheidung, die zur Klaustrophobie der Insel passt und unmittelbar ins Auge sticht. Dazu kommt das Schwarz-Weiß: jede Pore, jede Falte, jeder Sturm wirkt drei Stufen über dem, was man von Farbfilmen kennt.
Mike und Korbi haben den Film beide einmal auf Deutsch und einmal im O-Ton gesehen – und beide empfehlen die Doppelfassung. Auf Englisch sprechen Dafoe und Pattinson einen Slang, der direkt aus dem 19. Jahrhundert herausgefördert wirkt: Selbst Englischkenner stoßen an Grenzen, vor allem bei Dafoes minutenlangen, fast gedichtartigen Tiraden – etwa der berüchtigten Triton-Passage, in der er Pattinson zwei Minuten am Stück verflucht. Die deutsche Synchronisation findet Korbi Weltklasse: Dafoes tiefe deutsche Stimme verleihe der Figur zusätzliche Wucht.
Komplette Anlage gebaut, 1920er-Kameras, echte Tiere
Eggers ist berüchtigt für seine historische Akribie – und The Lighthouse treibt sie auf die Spitze. Für den Film entstand in Nova Scotia eine komplette Leuchtturm-Anlage; gedreht wurde mit alten Kameras aus der Ära von Friedrich Wilhelm Murnaus Nosferatu (1922). Mobiliar, Einrichtung und Kleidung sind durchgehend Jahrhundertwende-genau. Selbst die Uniformen sind so durchdesignt, dass Dafoes Stickerei sichtbar repariert wirkt, während Pattinsons Uniform fabrikneu glatt sitzt – inklusive subtiler Unterschiede bei der Unterwäsche, die zeitlich passend zur Figur ausgewählt wurde.
Es gibt kein CGI bei Tieren – alles, was kreucht, fleucht oder schreit, ist echt. Die Sturmszenen sind keine Studio-Küche, sondern echtes Wetter, in dem Dafoe und Pattinson stundenlang aushalten mussten. Korbi bringt es auf den Punkt: Vor dieser Frau, vor diesen Schauspielern, vor diesem Aufwand kann man nur Hut ab ziehen.
Prometheus, Fegefeuer, Cthulhu – was steckt im Subtext?
Mike liest den Film entlang der griechischen Mythologie: Das Licht oben im Turm sei eine Prometheus-Variante, das Gottesfeuer, das Wake nicht hergeben will. Die Insel selbst werde zum Fegefeuer – zwei Seelen, gefangen ohne Aussicht auf Erlösung, müssen sich gegenseitig durch die Hölle ziehen. Korbi hält mehrere Lesarten für möglich: Fegefeuer ja, aber auch ganz banal die psychische Realität einer wochenlangen Zwei-Mann-Isolation auf engstem Raum.
Was beide unterstreichen: Der Film ist gespickt mit Anspielungen – auf Lovecraft und den Cthulhu-Mythos, auf die maritime Kunst des späten 19. Jahrhunderts, auf Murnaus impressionistische Stummfilm-Ästhetik. Wer nebenbei am Handy hängt, verpasst die Hälfte. Das ist kein Tatort-Ersatz für nebenbei.
Robert Eggers und Ari Aster – die zwei dicken Spätzin der A24-Ära
Für Mike sind Robert Eggers und Ari Aster (Midsommar, Hereditary) aktuell die beiden spannendsten Regisseure, die das Genre-Kino zu bieten hat. Beide setzen nicht auf billige Jumpscares, sondern auf Atmosphäre, Subtext und unheimliche Bildkompositionen. Mike erinnert sich: Bei The Witch ist er 2015/16 zunächst aus dem Kino gekommen und wusste nicht, was er gerade gesehen hat – der Trailer hatte ein Conjuring-Mal-Drei versprochen, geliefert wurde etwas völlig anderes. Erst beim deutschen Rewatch in Plattling ging der Knopf auf. Heute zählt Eggers zu seinen Lieblingen.
Ein glücklicher Zufall hat The Lighthouse ermöglicht: Dafoe stand mit Eggers ohnehin im Kontakt, Pattinson hat sich aktiv um eine Rolle als verrückter Typ beworben. Eggers schickte das Skript – Pattinson war sofort dabei. Im nächsten Jahr folgte mit The Northman (2022) sein Wikinger-Epos mit Alexander Skarsgård, Nicole Kidman, Björk, Bill Skarsgård, Willem Dafoe und Anya Taylor-Joy – die schon in The Witch debutierte. Mike: Nordmänner kidnappen Nicole Kidman. Wir waren dabei.
Die Wertungen: 5 Sterne mit Herz vs. 4,5 Sterne mit Herz
Mike (5/5 + Letterboxd-Herz): Gesamtkunstwerk. Schauspielleistung, Musik, Bildsprache, Atmosphäre – mir hat alles gefallen, nichts nicht gefallen. Es ist eine erfrischende Abwechslung zu Fast and Furious 108 oder Resident Evil 16,5. Weiter so, A24, weiter so, Robert Eggers.
Korbi (4,5/5 + Letterboxd-Herz): Beim ersten Mal noch 4 Sterne – Eggers’ The Favourite hatte zu sehr im Kopf nachgehallt. Beim Rewatch ging der Knopf richtig auf. Für volle fünf fehlt ein einziges Detail (siehe unten). Auch Korbis Frau – normalerweise nicht das Genre-Publikum – hat sich über Eggers an Midsommar heran-genörgelt: Tagesform muss passen, dann liefert der Film. Kein Familiennachmittag, sondern Kino zum Konzentrieren.
Kritikpunkt: eine austauschbare Meerjungfrau
Mike findet keinen einzigen Schwachpunkt. Korbi schon – und der ist auch noch oberflächlich: Die mythische Frauenfigur, gespielt von Valeria Karaman, lässt Korbi kalt. Die moldawische Schauspielerin lacht laut Korbi auf ihrem gesamten Instagram nicht ein einziges Mal (der Mund schaut komplett senkrecht aus) und wirkt austauschbar. Mike sieht das Casting positiv: gerade weil Karaman keinen Mainstream-Schönheits-Look hat, passe sie für die mystische Rolle. Für Korbi wären mit anderer Besetzung die fehlenden 0,5 Sterne drin gewesen.
Triple Threat: Titten, Trompeten, Tote Tiere
Wie immer am Ende der Folge der VLM-Triple-Threat-Check:
- Titten: Ja!
- Trompeten: Nein!
- Tote Tiere: Ja!
Fazit: Kunstkino auf der Insel
The Lighthouse ist kein Familienfilm. Wer Lust auf Kino hat, das Aufmerksamkeit verlangt, das mit Mythologie spielt, das in Schwarz-Weiß Bilder produziert, die noch Tage nachwirken – ist hier richtig. Wer Bock auf zwei darstellerische Ausnahmeleistungen mit kompromisslosem Eintauchen ins 19. Jahrhundert hat, sowieso. Empfohlen: ein Doppel-Screening, einmal deutsch, einmal englisch. Optional als Vorbereitung Murnaus Nosferatu (1922) oder einer der Eggers-Vorgänger.
Beide Hosts geben dem Film ein Letterboxd-Herz. Das passiert in dieser Form selten.
Podigee · Spotify · Apple Podcasts · YouTube
VLM auf Steady unterstützen – für exklusive Bonus-Episoden und mehr.
Eine kurze Bitte zum Schluss
Wenn euch diese Folge gefallen hat, schenkt uns eine Minute auf Apple Podcasts: Hier auf Apple Podcasts bewerten. Bewertungen helfen uns enorm bei der Sichtbarkeit – vielen Dank!
Weitere VLM-Episoden zum Thema
- #275 – Nosferatu: Eggers und die Ehrfurcht vor dem Original – Robert Eggers’ vierter Spielfilm, und gleich die nächste Murnau-Verbeugung.
- #75 – Midsommar: Folk-Horror im Sonnenlicht – Ari Asters Antwort auf Eggers, im hellen Schweden statt im düsteren New England.
- #180 – Offseason: Lovecraft-Insel des Grauens – noch eine abgeschiedene Insel, noch mehr Cthulhu-Vibes.
- #286 – Die Mächte des Wahnsinns: Carpenter meets Lovecraft – wenn Cthulhu-Mythologie auf Filmemacher trifft.
- Mehr horrorlastige VLM-Folgen im Überblick
Häufige Fragen zu The Lighthouse / Der Leuchtturm
Worum geht es in The Lighthouse?
Zwei Leuchtturmwächter – ein erfahrener und ein Neuanwärter – sind im New England des späten 19. Jahrhunderts auf einer kleinen Insel zu einer vierwöchigen Schicht eingeteilt. Als die Ablösung ausbleibt, ein Sturm losbricht und der Schnaps fliesst, kippen Realität und Wahnsinn ineinander. Der Film lässt bewusst offen, was real ist und was Halluzination.
In welchem Bildformat ist The Lighthouse gedreht?
Das Seitenverhältnis beträgt 1,19:1, also fast quadratisch. Damit zitiert Eggers die frühen Tonfilme der 1920er und 1930er. Kombiniert mit der Schwarz-Weiß-Optik entsteht ein Look, der direkt aus der Stummfilm- und Murnau-Ära zu kommen scheint.
Welche Filme von Robert Eggers sollte man kennen?
Eggers debutierte 2015 mit The Witch, einem Folk-Horror in 1630er New England mit Anya Taylor-Joy. 2019 folgte The Lighthouse, 2022 das Wikinger-Epos The Northman. 2024 erschien sein Nosferatu-Remake – die Verneigung vor F. W. Murnaus Stummfilm von 1922, dessen Look The Lighthouse bereits aufgegriffen hatte.
Sollte man The Lighthouse auf Deutsch oder im Original schauen?
Mike und Korbi empfehlen beides. Das englische Original mit Dafoes 19.-Jahrhundert-Slang ist phonetisch fordernd, aber unverzichtbar für den vollen Eindruck der Schauspielleistung. Die deutsche Synchronisation findet Korbi Weltklasse – vor allem Dafoes tiefe deutsche Stimme verleiht der Figur zusätzliche Wucht. Idealerweise: einmal deutsch zum Verstehen, einmal englisch für die schauspielerische Wucht.
Für wen ist The Lighthouse nichts?
Wer Filme nebenbei laufen lässt, am Handy hängt oder klassische Genre-Kost mit Jumpscares erwartet, wird hier überfordert. Mike empfiehlt eine Affinität zu A24, zu Filmen wie Hereditary, Midsommar oder zu impressionistischem Stummfilm-Kino à la Murnau. Bei passender Tagesform ist The Lighthouse ein Erlebnis. Bei der falschen ein Schlafmittel.


