Schlaf (2020) – Michael Venus‘ Genre-Debüt mit Sandra Hüller

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Ein deutscher Genrefilm, der Kane und Mike komplett umgehauen hat: Schlaf (2020), das Spielfilm-Debüt des Regisseurs Michael Venus, mit Sandra Hüller und Gro Swantje Kohlhof als Mutter-Tochter-Gespann. Korbi ist diese Folge nicht dabei – Kane und Mike übernehmen den Talk.

Mike hatte den Film bereits beim HARD:LINE Filmfestival 2020 in der Kategorie Highlight Deutsches Kino als persönliches Festival-Highlight gefeiert und nach der Sichtung direkt Kontakt mit Michael Venus aufgenommen. Der Regisseur hat einen Screening-Link für Kane organisiert, damit auch er den Film vor der Aufnahme sehen kann. Das Ergebnis: zwei Hosts, die sich beim besten deutschen Genre-Film der letzten zehn Jahre spürbar in Begeisterung reden.

Schlaf (2020) – Plot, Cast und der Hotel-Trip in den Harz

Schlaf erzählt von Marlene (Sandra Hüller), einer Flugbegleiterin, die seit Jahren von brutalen Albträumen und spastischen Anfällen geplagt wird. Sie zeichnet ihre Träume in Skizzenbüchern, ohne deren Bedeutung zu verstehen. Als sie das Hotel aus ihren Träumen in einer Werbeanzeige wiedererkennt – das Sonnenhügelhotel im fiktiven Harzdorf Stainbach – fährt sie heimlich dorthin, ohne ihrer Tochter Mona (Gro Swantje Kohlhof) Bescheid zu sagen. In Stainbach erleidet Marlene einen psychotischen Zusammenbruch und landet in der Psychiatrie, in einem komaähnlichen Schlaf. Mona reist nach, quartiert sich im selben Hotel ein, und stößt Schritt für Schritt auf eine Familiengeschichte, die mehrere Generationen Frauen miteinander verbindet – plus einen alten Fluch, der durch ihre Mutter wieder Kraft schöpft.

Spielzeit 102 Minuten. Regie und Drehbuch: Michael Venus (Co-Drehbuch Thomas Friedrich). Premiere auf der Berlinale 2020 in der Sektion Perspektive Deutsches Kino am 25. Februar 2020, deutscher Kinostart 29. Oktober 2020 – kurz vor dem zweiten Lockdown, der die Sichtbarkeit massiv ausgebremst hat. Kane war beim HARD:LINE-Versand mit dem Drachensepp-Likör abgelenkt und hat ihn nicht live gesehen, freut sich umso mehr über die Nachhol-Sichtung dank Mikes Kontakt zum Regisseur.

HARD:LINE 2020: Mike’s Festival-Highlight und der Floh-Faktor

Mike hat Schlaf bei der HARD:LINE-Filmfestival-Edition 2020 gesehen und das Erlebnis im Talk so beschrieben: er ist mit den klassisch niedrigen deutsch-Kino-Erwartungen ins Kino, dachte sich „naja, ein Film über die AG halt“ – und wurde dann dermaßen begeistert, dass Schlaf sein persönliches Festival-Highlight 2020 wurde. Kane folgert daraus eine VLM-These: Hardline-Flo, also Festivalleiter Florian Scheuerer, hat ein Händchen für die wenigen wirklich überragenden deutschen Genre-Filme – im VLM-Universum belegt durch Schneeflöckchen in einer früheren Edition, jetzt durch Schlaf.

Mikes Konsequenz nach der Sichtung: Q&A mit Venus besucht, danach direkt mit dem Regisseur in Kontakt getreten – und einen Screening-Link für Kane organisiert. Daraus wurde diese Folge.

Sound, Score und die Sub-Woofer-Frage

Erstes massives Plus: Sound und Score. Das Komponisten-Duo Sebastian Damerius und Johannes Lehniger liefert eine elektronisch grundierte Soundscape, die ein dramatisches Familien-Geheimnis-Setting unterstreicht. Kane zeigt das Pegel-Argument konkret: er hat sich gerade eine neue Kinoanlage zugelegt, und der Subwoofer scheppert bei Schlaf ordentlich. Im Heim-Setting würde Mike es nicht aufdrehen – „sonst haut es bei mir einen Bure­gemieter raus“. Bei Kane hat die Frau am Ende den Sound runtergedreht (oder die Couch hätte Rückhand bekommen).

Subwoofer-Test bestanden: wenn ein deutscher Mystery-Thriller im Heimkino vibriert, ist der Score richtig gemischt.

Italo-Genre-DNA: Argento-Kamera, Bava-Licht

Was Schlaf optisch von 99% des deutschen Kinos abhebt: die Bildsprache. Mike vermutet beim Regisseur einen Liebhaber des italienischen Kinos der 60er und 70er Jahre. Konkret zwei Vergleichspunkte:

  • Kamerafahrten und Perspektiven erinnern an Dario Argento – ungewöhnliche Winkel, Tracking-Shots, die mehr ankündigen als zeigen.
  • Ausleuchtung trägt einen Mario-Bava-Touch: gesättigte Farben, harte Schatten, einzelne rote Gestalten in nächtlicher Landschaft, die einen Frame komplett kippen.

Kane hebt eine surreale Schnittfolge hervor: Marlene fällt rückwärts um und löst sich durch die Tür hindurch in den Raum auf – ein Geist tritt aus ihr aus, oder in sie ein. Solche Übergänge sind im deutschen Genre-Kino selten so flüssig ineinander verflochten. Korbi-würdig: Der Drogentrip auf der dörflichen Kunterbunt-Party ist nicht hektisch geschnitten wie üblich, sondern bizarr, ruhig, mit Lynch-Anschluss.

Drehort, Budget und der ZDF-Finanzierungs-Trick

Drehort: das ehemalige Sanatorium Erbprinzentanne in Clausthal-Zellerfeld und Wildemann im Harz – ein 70er-Jahre-Bunker, von der Architektur kalt und institutionell, perfekt für die Stimmung des Films. Im Film wird daraus das fiktive Hotel Sonnenhügel. Gedreht wurde an 43 Locations im Harz und in Hamburg.

Budget: 1,4 Millionen Euro – im internationalen Vergleich ein Pipifax-Etat, im deutschen Genre-Kontext aber realistisch. Produktion: Verena Gräfe-Höft / Junafilm in Co-Produktion mit ZDF Das kleine Fernsehspiel, plus Förderung durch Bundesregierung, German Filmförderfonds und Hamburg Schleswig-Holstein Filmförderung.

Mikes Lieblings-Anekdote aus dem Q&A in Regensburg: bei den Förder-Anträgen hat Venus die übernatürlichen Elemente konsequent verschwiegen und das Projekt als Mutter-Tochter-Drama verkauft. Das Geld floss. Hätte er es als Mystery-Thriller gepitcht, hätten die Geldgeber wahrscheinlich abgewunken nach dem Motto „Deutsches Genre-Kino funktioniert nicht“. Schlaf beweist das Gegenteil.

Surreale Bilder: die Kunterbunt-Party, das Essen, die Tante

Ein paar Szenen, die Kane und Mike mehrfach in Erinnerung bringen:

  • Drogen-Party / Kunterbunt-Szene: was wie ein 80er-Party-Trip aussieht, kippt ins Surreale. Verschiedene Lichtquellen, kostümierte Gäste, plötzliche emotionale Momente. Hier passiert auch Kanes erstes Top (siehe Tops & Flops).
  • Die Kirchen-Szene: eine Tante – im Film verbunden mit der Trude-Figur (gespielt von Agata Buzek) – schreit auf einen Schlag los, das Setting wird surreal-aggressiv.
  • Die Essen-Szene: Marlene stopft sich auf einmal das Essen in einer Geste, die zwischen Trance und Anfall liegt – eine der direkten körperlichen Schauspielleistungen von Sandra Hüller.
  • Roter Mann in der Landschaft: Marlene blickt aus dem Fenster, sieht weit draußen eine einzelne rote Gestalt stehen. Bava-Hommage in Reinform.

Bonus für die Ferkel unter uns: ja, es gibt auch Nackedei-Szenen – stilvoll umgesetzt, nicht exploitativ.

Sandra Hüller und Gro Swantje Kohlhof – das Mutter-Tochter-Duo trägt den Film

Sandra Hüller als Marlene zwischen Beruf, Albtraum und Zusammenbruch ist nur ein Jahr nach Toni Erdmann und vier Jahre vor ihrem internationalen Durchbruch mit Anatomy of a Fall und The Zone of Interest in Höchstform. Die Anfälle, das Schlafwandeln, die Wachträume – körperlich extrem fordernd und konsequent ohne Pathos gespielt.

Gro Swantje Kohlhof als Mona ist die eigentliche Hauptfigur des Films: 19 Jahre alt im Setting, Ermittlerin wider Willen, die im Hotel auf das Familiengeheimnis und einen alten Fluch stößt. Mike: „Jede auf ihre Art ganz stark, man nimmt ihnen das Mutter-Tochter-Paar total ab.“ Die Chemie zwischen den beiden Schauspielerinnen trägt den Film durch knapp zwei Stunden ohne Längen.

Im weiteren Cast: August Schmölzer als Hotelier Otto, Marion Kracht als seine Frau Lore, Agata Buzek als Trude, Max Hubacher als Christoph.

Tops und Flops: Mike und Kane

  • Mike’s Top: die italienischen Kino-Elemente. Argento-Kameraführung und Bava-Beleuchtung in einem deutschen Film – an so etwas kann er sich nicht satt sehen, und das deutsche Kino traut sich solche Stilentscheidungen nahezu nie. Hat ihn vom Hocker gerissen.
  • Mike’s Flop: nicht das Ende selbst, sondern dass der Film früher hätte enden sollen. Die letzte Viertelstunde dehnt sich, jedes Mal wenn man denkt „jetzt ist er fertig“, macht er nochmal eine Tür auf. Der finale Payoff ist Weltklasse, aber 15 Minuten weniger Zwischenstrecke wären besser gewesen. Nörgeln auf hohem Niveau.
  • Kane’s Top 1: die Trost-Szene auf der Kunterbunt-Party. Mona bricht zusammen, eine fremde Frau (eigentlich völlig fremd für sie) nimmt sie wortlos in den Arm. Pure Menschlichkeit ohne Agenda – einfach jemandem zur Seite stehen, der in Not ist. Ultra schöne, berührende Szene.
  • Kane’s Top 2: die Grab-Schaufel-Metapher am Ende. Ohne zu spoilern: ein bildlich umgesetztes „sein eigenes Grab schaufeln“, grandios in Szene gesetzt, mehrschichtig lesbar.
  • Kane’s Flop: keiner. Der Film hat ihm durchgehend Laune gemacht, daher zwei Tops statt einem.

Triple Threat: Schlaf bei Minute 47

Standard-Frage zum Schluss:

  • Titten: Ja.
  • Tote Tiere: Nein.
  • Trompeten entblößt: Ja – bei Minute 47, falls jemand die Information präzise braucht. Kundenorientierung ist Kanes A und O.

Konsens: Schlaf liefert auf allen drei klassischen Schauwert-Achsen, dazu kommen Effekte, Atmosphäre und ein Score, der auf Kinoanlagen mit Subwoofer richtig zur Geltung kommt.

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Mehr aus dem VLM-Universum

Direkt nach dieser Folge geht’s mit Folge 50 – WandaVision: Start von MCU Phase 4 ins Marvel-Universum. Direkt davor lief Folge 48 – Rambo: First Blood mit Gast Peter Gregor. Wer Schlaf-Begeisterung in der Best-Of-Edition nachhören will: in Folge 47 – Beste Filme 2020 (Letterboxd-Edition) hat Mike den Film auf Platz 2 gewählt, Korbi auf Platz 3. Ein weiteres Mike-Highlight aus der Zeit: Folge 41 – Deathcember 2019, sein Adventskalender-Solofolge. Einen Klassiker mit Genre-Regie-Gast findet ihr in Folge 46 – Maniac (1980) mit Marcel Walz. Komplette Filmübersicht in der Film-Kategorie, Festival-Berichte unter Festival.

FAQ

Wer ist in dieser Folge dabei?

Kane und Mike – Korbi ist diese Folge nicht dabei. Aufnahme erfolgte nach dem HARD:LINE 2020 (Mike als Festival-Besucher) und nach Mikes Kontaktaufnahme mit Regisseur Michael Venus, der einen Screening-Link für Kane organisiert hat.

Worum geht es bei Schlaf (2020)?

Marlene (Sandra Hüller) leidet unter wiederkehrenden Albträumen, die mit einem realen Hotel im Harz verbunden sind. Sie reist heimlich dorthin und erleidet einen psychotischen Zusammenbruch. Ihre Tochter Mona (Gro Swantje Kohlhof) folgt ihr nach Stainbach, übernachtet im selben Hotel und kommt einer alten Familiengeschichte mit drei generationsübergreifend verbundenen Frauen plus einem alten Fluch auf die Spur. Regie und Drehbuch: Michael Venus, Co-Drehbuch Thomas Friedrich.

Wer hat Schlaf gemacht?

Spielfilm-Debüt von Michael Venus (geboren 1976 in Jena, Bauhaus-Universität Weimar, Hamburg Media School). Drehbuch zusammen mit Thomas Friedrich. Produktion: Verena Gräfe-Höft / Junafilm in Co-Produktion mit ZDF Das kleine Fernsehspiel. Kamera: Marius von Felbert. Musik: Sebastian Damerius + Johannes Lehniger. Schnitt: Silke Olthoff. Budget circa 1,4 Millionen Euro. Drehorte: Harz (43 Locations) plus Hamburg.

Wo wurde Schlaf gedreht?

Hauptdrehort war das ehemalige Sanatorium Erbprinzentanne in Clausthal-Zellerfeld / Wildemann im Harz – im Film wird daraus das fiktive Hotel Sonnenhügel im fiktiven Dorf Stainbach. Die 70er-Jahre-Bunker-Architektur des Sanatoriums passt perfekt zur kalten, institutionellen Stimmung, die der Film aufbaut.

Wann ist Schlaf erschienen?

Weltpremiere auf der Berlinale am 25. Februar 2020 in der Sektion Perspektive Deutsches Kino, nominiert für den Preis Bester Erstlingsfilm der GWFF. Deutscher Kinostart: 29. Oktober 2020 – kurz vor dem zweiten Lockdown, der die Sichtbarkeit massiv eingeschränkt hat. Danach Festival-Tour international (Fantasia, Toronto Sleep Demons, ToHorror Turin u.a.) und 2023 Auszeichnung der Studierenden-Jury beim Grimme-Preis.

Was sind die Top-Momente laut Kane und Mike?

Kane: die Trost-Szene auf der Kunterbunt-Party, in der eine fremde Frau Mona wortlos in den Arm nimmt – pure Menschlichkeit. Plus die Grab-Schaufel-Metapher am Ende. Mike: die italo-genre-DNA – Argento-Kameraführung und Bava-Beleuchtung in einem deutschen Genrefilm sind eine Seltenheit, die bei Schlaf souverän sitzt. Mikes einziger Kritikpunkt: das Ende dehnt sich um etwa 15 Minuten zu lang.

Wie steht Schlaf im VLM-Best-Of-2020?

Schlaf war in der Letterboxd-Best-Of-Edition Folge 47 Mikes Platz 2 und Korbis Platz 3 – also unter den Top-Drei beider Hosts. Cross-Pick-Status, einer der wenigen Filme, die in beiden Top-10-Listen 2020 auftauchen.

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