Blind (2020) – Marcel Walz‘ Drama-Slasher-Hybrid mit Pretty Boy

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Eine VLM-Premiere-Besprechung: Regisseur Marcel Walz hat Kane, Korbi und Mike einen Screener seines neuen Films Blind (2019, deutscher Release 2020) zukommen lassen – eine Woche vor dem deutschen DVD/Blu-ray-Release am 4. Dezember 2020. Der Film läuft in Deutschland unter dem identischen Titel Blind, was für die VLM-Crew kurz für etwas Verwirrung sorgt.

Vor dem eigentlichen Film-Talk gibt’s noch einen kurzen Demotivations-Tribut an einen Hörer, der dem Podcast bei Apple Podcasts einen einzelnen Stern geschenkt hat – die VLM-Crew nimmt es mit Humor und startet trotzdem standhaft in die Folge.

Worum geht’s in Blind?

Die ehemalige Hollywood-Schauspielerin Faye Dayne hat durch eine verpfuschte LASIK-Augen-OP ihr Augenlicht verloren. In ihrem einsamen Anwesen in den Hollywood Hills versucht sie, mit der neuen Realität klarzukommen – ihre Schauspielkarriere ist beendet, ihr Alltag auf das Tasten reduziert. Unterstützung findet sie bei Sophia, einer von Geburt an blinden Freundin aus der Selbsthilfegruppe, und bei Luke, einem stummen Personal Trainer, der nur über sein Smartphone kommuniziert und heimlich für Faye schwärmt.

Was Faye nicht ahnt: In ihrem Keller wohnt ein maskierter Stalker – Pretty Boy – der ihr seit Beginn ihres Karriere-Endes auflauert. Während Faye versucht, ihr Leben neu zu sortieren, dezimiert Pretty Boy systematisch alle, die ihr zu nahe kommen: erst den aufdringlichen Sushi-Lieferanten, der ihre Blindheit ausnutzen wollte, dann weitere Bekannte. Erst im letzten Drittel kippt der Film vom Drama in einen klassischen Home-Invasion-Slasher.

Marcel Walz: Vom Torture-Porn zum Charakter-Drama

Marcel Walz ist ein in Deutschland geborener, in Los Angeles lebender Genre-Regisseur. Mike kennt seine Frühwerke gut: L’Appetit Mort Teil 1 und 2, das Schlaraffenhaus, der Blood-Feast-Remake (2016) – alles ungefilterter Torture-Porn mit massiven Gore-Sequenzen. Mit Rootwood (2018) hat Walz dann den Sprung in erzählerisch ambitionierteres Genre-Kino versucht. Blind ist sein erwachsenster Film bisher – mit klarem Fokus auf Charaktere, Atmosphäre und einer langsam aufgebauten Bedrohung statt auf Gore-Eskalation.

Cast-Highlights:

  • Sarah French als Faye Dayne – trägt den Film mit einer überzeugenden Darstellung einer plötzlich blinden Frau. Mike attestiert ihr und den anderen blinden Darstellerinnen, dass er ihre Behinderung wirklich abkauft – hohes Lob, das er sonst nur Charlie Cox als Daredevil ausspricht.
  • Caroline Williams als Sophia – Texas Chainsaw Massacre 2-Ikone (sie spielte dort die Radiomoderatorin Stretch). Williams ist jetzt auch Executive Producer bei Walz‘ Silent Partners und nennt ihn einen ihrer engsten Freunde – das hat das Potenzial einer Stamm-Schauspielerin-Beziehung.
  • Tyler Gallant als Luke – stummer Personal Trainer, der über eine Text-to-Speech-App kommuniziert. Korbis Hauptkritikpunkt (siehe weiter unten): die App spuckt unrealistisch schnell ganze Sätze aus zwei Tipps aus.
  • Jed Rowen als Pretty Boy – der maskierte Antagonist, dessen Ken-Doll-artige Maske Walz zu einem ikonischen Slasher-Design machen will.

Drehbuch: Joe Knetter, der seitdem Walz‘ Stamm-Drehbuchautor geworden ist. Joe Knetter, Marcel Walz und Sarah French haben mittlerweile gemeinsam die Produktionsfirma Neon Noir gegründet.

Pretty Boy: Walz‘ ikonisches Maskenmörder-Design

Der Antagonist ist Walz‘ Versuch, einen ikonischen Slasher-Killer zu etablieren – ähnlich wie Michael Myers, Jason Voorhees oder Ghostface. Die Pretty-Boy-Maske ist ein leeres, Ken-Doll-artiges Plastikgesicht mit unbeweglichen Augen, kombiniert mit wechselnden Perücken. Kane: „Die Fresse, der starre Blick, die Perücken dazu – das ist absolut geiler Maskenmörder wieder mal.“

Die VLM-Crew diskutiert, dass es in den letzten 5-10 Jahren kaum wirklich neue ikonische Maskenkiller gab – als Vergleichspunkte fallen Behind the Mask: The Rise of Leslie Vernon (2006) und Babyface aus The Hills Run Red (2009). Pretty Boy hat das Design-Potenzial, in diese Riege aufzusteigen – inklusive seiner pinken, mit Christmas-Lights ausgeleuchteten Keller-Lair, in der er manchmal mit Puppen tanzt, während er von Faye fantasiert.

Sequel-Update: Walz hat zur Zeit der VLM-Aufnahme bereits den Nachfolger abgedreht. Anders als von Kane vermutet heißt der Sequel nicht „Blind 2“, sondern Pretty Boy – nach dem Halloween/Halloween II-Schema. Pretty Boy erschien 2021 und greift direkt nach dem Cliffhanger des ersten Films auf, mit deutlich mehr Bodycount und Gore (Wikipedia-Beleg: Lionsgate-Distribution, „Valentine’s-Day-Massaker“-Setting).

Giallo-Anleihen, 80er-Score und Drama-Anteil

Mike entdeckt in Blind klare Giallo-Referenzen: die schwarzen Handschuhe in den Zwischen-Sequenzen, die übersättigte Farb-Ausleuchtung des Keller-Lairs und die langsamen, fast hypnotischen Kamerafahrten. Marcel Walz selbst hat in Interviews bestätigt, dass er Blind als „Drama/Horror mit Giallo-Färbung“ konzipiert hat – ein bewusster Stilwechsel weg von seinen Torture-Porn-Wurzeln hin zu den italienischen Giallo-Meistern Mario Bava und Dario Argento.

Score: Auch der Soundtrack greift das auf – Synthesizer-lastig im 80er-Stil, ohne in eine Stranger-Things-Kopie abzugleiten. Der Film spielt erkennbar in der Gegenwart (Smartphones, Sprechgeräte), aber das atmosphärische Sounddesign weckt Erinnerungen an Carpenter-Slasher.

Mikes überraschende Beobachtung: Hätte er nicht gewusst, dass Blind von Marcel Walz ist, hätte er auf eine Regisseurin getippt. Die sinnlichen Zeitlupen, die Tanz-Einlagen des Pretty Boy mit der Puppe, die anmutigen Bewegungen – alles wirkt „weiblicher“ als die ungestümen Gore-Eskalationen seiner früheren Werke. Korbi widerspricht: warum soll ein Mann nicht so einen Film machen können? – aber der Punkt zur stilistischen Reife bleibt stehen.

Drama-Anteil: Für Horror-Fans ist die Erwartungs-Falle real. Wer das Cover sieht – Pretty-Boy-Maske, Blutspritzer – und einen schnellen Slasher erwartet, wird zunächst enttäuscht: Die ersten rund 60 Minuten der 85 Minuten Laufzeit sind fast reines Drama. Faye’s Trauma-Verarbeitung, die platonische Romanze mit Luke, die Selbsthilfegruppen-Szenen. Die meisten Kills passieren bewusst off screen – das letzte Drittel kippt erst spät in echtes Horror-Terrain.

Hush-Vergleich: Behinderte Frauen unter Belagerung

Mike zieht den unmittelbaren Vergleich zu Hush (2016) von Mike Flanagan, mit Kate Siegel als gehörlose Schriftstellerin in einem isolierten Waldhaus. Beide Filme arbeiten mit derselben Kern-Prämisse: eine Frau mit Sinnesbehinderung wird zum Ziel eines Psychopathen in ihrem eigenen Zuhause. Aber:

  • Hush macht die Bedrohung von Anfang an klar – Maddie weiß, dass jemand sie töten will. Das Cat-and-Mouse-Spiel beginnt früh.
  • Blind hält Faye die ganze Zeit im Dunkeln (im doppelten Sinn) – sie merkt erst in den letzten Minuten, dass sie in Lebensgefahr ist. Das macht ihr Schicksal tragischer, aber auch frustrierender für die Spannung.
  • Beide nutzen die Behinderung als Quelle von Suspense (etwas, das Faye / Maddie nicht hört oder sieht), nutzen sie aber unterschiedlich.

Mike’s Verdikt: „Hush hat mir besser gefallen.“ Vor allem, weil die Spannung dort früher einsetzt und die Heldin agentischer wird – während Faye’s Schicksal größtenteils eine passive Erfahrung bleibt.

Tops, Flops und der VLM-Triple-Threat

Mike Top: Die Giallo-Elemente. Die schwarzen Handschuhe, die Cello-mäßige Ausleuchtung des Keller-Lairs, die Profondo-Rosso-Anleihen in den Zwischen-Sequenzen. Mike Flop: Der hohe Drama-Anteil. Auf 85 Minuten Laufzeit ist es ihm streckenweise „zu kitschig, schmalzig“ – das Genre-Versprechen wird zu spät eingelöst.

Korbi Top: Die zweite Hälfte des Films, vor allem die Suspense-Szene, in der Pretty Boy hinter Faye in der Dusche herschleicht und sie es nicht merkt. Korbi Flop: Die Text-to-Speech-App von Luke. Korbi findet es unrealistisch, dass die App mit zwei Tipps ganze Sätze generiert. „Vielleicht hat er Alltagswörter vorprogrammiert“ – aber als Suspension of Disbelief funktioniert es für ihn nicht. (Anmerkung: Anbieter wie Predictable und TouchChat bieten tatsächlich vorgefertigte Phrasen-Buttons – die Darstellung im Film ist also nicht völlig abwegig.)

Kane Top: Der Pretty-Boy-Killer als Maskendesign. Hat das Potenzial, eine ikonische Slasher-Figur zu werden – Kane freut sich auf Sequels mit ordentlich Gore. Kane Flop: Das Ende. „Du hättest wenigstens noch das Liebesgeständnis miterleben lassen können.“ Kane kritisiert, dass die platonische Romanze zwischen Faye und Luke ohne emotionale Auflösung mit dem Schreddern einfach beendet wird.

VLM-Triple-Threat: Sieht man Titten? Bei Stunde 1:23:30 ein kurzer Nippel-Blitzer, Mike hat’s anscheinend verpasst weil er die Chips-Tüte angeguckt hat. Sterben Tiere? Nein. Sieht man entblößte Trompeten? Nein.

Ausblick: Pretty Boy und das Walz-Sequel-Universum

Walz hat den Sequel Pretty Boy bereits 2020 gedreht und 2021 veröffentlicht – über Lionsgate, mit deutlich mehr Bodycount und klassischen 80er-Slasher-Vibes. Faye (Sarah French) wird darin von Pretty Boy entführt und zu einer Singles-Valentine’s-Day-Party transportiert, wo der Killer reichlich frisches Material zum Schlachten findet. Kane’s Wunsch nach mehr Gore wird damit erfüllt – ob das auch für die deutschen Mediabook-Liebhaber gilt, bleibt abzuwarten.

Walz, Knetter und Sarah French haben 2023 die Produktionsfirma Neon Noir gegründet und mit That’s a Wrap einen meta-Giallo-Slasher mit Cerina Vincent und Dave Sheridan veröffentlicht – das stylistische Universum bleibt also lebendig und entwickelt sich kontinuierlich weiter.

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Mehr aus dem VLM-Universum

Vorher in Folge 39 – The New Mutants haben Kane und Korbi Josh Boones X-Men-Coming-of-Age-Horror besprochen. In Folge 38 – Watchmen mit Dr. Mark Benecke gab’s die Comic-Verfilmungs-Tiefenanalyse mit dem Kriminalbiologen als Gast. Davor in Folge 37 – Cryptid Staffel 1 hat Mike solo die schwedische Pandastorm-Mystery-Serie zerlegt. Wer Mike’s Horror-Linie weiterverfolgen will, findet alle Horror-Folgen im Horror-Podcast-Hub. Komplette Filmübersicht in der Film-Kategorie.

FAQ

Wer war in dieser Folge dabei?

Kane, Korbi und Mike. Marcel Walz war nicht zu Gast – er hat aber den Screener seines Films Blind exklusiv vorab an die VLM-Crew geschickt.

Worum geht’s bei Blind (2019/2020)?

Die Hollywood-Schauspielerin Faye Dayne (Sarah French) verliert durch eine verpfuschte LASIK-OP ihr Augenlicht und versucht, ihr Leben in ihrem isolierten Anwesen in den Hollywood Hills neu zu sortieren. Was sie nicht weiß: In ihrem Keller wohnt ein maskierter Stalker namens Pretty Boy, der sie unaufhörlich beobachtet und alle dezimiert, die ihr zu nahe kommen.

Wer ist im Cast?

Sarah French (Faye Dayne), Caroline Williams (Sophia – Texas Chainsaw Massacre 2-Ikone), Tyler Gallant (Luke), Jed Rowen (Pretty Boy). Regie: Marcel Walz. Drehbuch: Joe Knetter.

Ist Blind ein klassischer Slasher?

Nein – und das ist die wichtigste Erwartungs-Anpassung. Blind ist rund 60 Minuten Drama mit Mystery-Elementen und nur etwa 25 Minuten klassischer Slasher im letzten Drittel. Die meisten Kills passieren bewusst off screen. Wer mit Walz‘ Torture-Porn-Vergangenheit (Blood Feast, La Petite Mort) rechnet, wird überrascht – Walz wollte einen Genre-Hybrid mit Drama-Schwerpunkt machen.

Gibt es einen Sequel?

Ja – Pretty Boy (2021), nach dem Halloween/Halloween II-Schema benannt nach dem Antagonisten. Direkter Anschluss an Blind, deutlich mehr Bodycount und 80er-Slasher-Vibes. Lionsgate-Distribution.

Wie kann man Blind in Deutschland sehen?

Der deutsche DVD/Blu-ray-Release war am 4. Dezember 2020 unter dem identischen Titel Blind. Bei Erscheinen der VLM-Folge waren noch keine Mediabook-Editionen angekündigt – inzwischen mehr als wahrscheinlich bei wave/Tiberius oder ähnlichen Genre-Labels nachgereicht.

Welche Filme werden im VLM-Talk verglichen?

Vor allem Hush (2016) von Mike Flanagan – das wohl prominenteste Beispiel für eine „behinderte Frau wird im Haus belagert“-Prämisse. Plus Daredevil (Charlie Cox als Matt Murdock) als Vergleich für glaubhaft gespielte blinde Charaktere.

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