Ein Film mit rund sechzehn Titeln, einer Ultraschallmaschine gegen Insekten und einer Zensurgeschichte, die erst 2024 endete. In den ClasSicks nehmen sich Kane und Mike Das Leichenhaus der lebenden Toten (1974) vor, den spanisch-italienischen Zombie-Klassiker von Jorge Grau, der hierzulande auch als Invasion der Zombies bekannt ist. Diesmal ausnahmsweise nicht Steady-exklusiv, sondern für alle frei zu hören. Ein Gespräch über Siebziger-Flair, Maskeneffekte von Giannetto De Rossi, eine deutsche Synchro mit Tarantino-Qualitäten und die Frage, warum dieser Film in Bestenlisten des europäischen Zombiekinos so oft durchrutscht.
Das Format: ClasSicks
In den ClasSicks graben Kane und Mike Genre-Klassiker aus, die es verdient haben, noch einmal angeschaut zu werden. Meistens Horror, meistens aus den Siebzigern und Achtzigern, oft mit bewegter Vergangenheit bei der deutschen Zensur. Normalerweise gibt es das Format nur für Steady-Unterstützer, diese Folge läuft im freien Feed. Mike hat den Film vorgeschlagen, weil er in Gesprächen über die Hochphase des Zombiefilms auffällig selten genannt wird, obwohl er zwischen Romero und Fulci locker mithalten kann.
Sechzehn Titel für einen Film
Schon der Einstieg ist ein Kuriosum. Im Original heißt der Film No profanar el sueño de los muertos, international kennt man ihn als Let Sleeping Corpses Lie oder The Living Dead at Manchester Morgue, im deutschsprachigen Raum als Das Leichenhaus der lebenden Toten und Invasion der Zombies. Kane und Mike sortieren das Titelchaos und kommen zu einer Vermutung: Vielleicht wird der Film gar nicht so selten genannt, man erkennt ihn nur nicht wieder, weil jeder einen anderen Namen benutzt. Genau das dürfte ihm über Jahrzehnte geschadet haben.
Amüsantes Detail am Rande: Mike hat den Film für diese Folge zum allerersten Mal gesehen. Kane dagegen hatte die Blu-ray seit Ewigkeiten im Regal, war überzeugt, ihn schon zweimal gesehen zu haben, und stellte beim Schauen fest, dass ihm nichts bekannt vorkam. Gut möglich, dass er ihn in Gedanken mit einem ganz anderen Film verwechselt hatte.
Worum geht es in Das Leichenhaus der lebenden Toten?
Der Antiquitätenhändler George (Ray Lovelock) will übers Wochenende raus aus dem verrußten Manchester aufs Land. An einer Tankstelle demoliert Edna (Cristina Galbó) sein Motorrad, also teilen sich die beiden notgedrungen ihren Mini. Am Zielort testet das Landwirtschaftsministerium gerade ein neues Gerät, das Schädlinge per Ultraschall statt mit Pestiziden bekämpfen soll. Die Nebenwirkung: Die Toten der Gegend stehen wieder auf. Ein sichtlich autoritärer Polizeiinspektor (Arthur Kennedy) sucht die Schuld für die ersten Leichen derweil lieber bei den langhaarigen Zugereisten als bei den Untoten. Was folgt, ist ein Überlebenskampf zwischen Friedhof, Gruft, Krankenhaus und Leichenhaus.
Siebziger-Flair, Set Pieces und Zombies mit eigenem Gesicht
Beide Hosts sind sich einig, dass die Atmosphäre bis heute funktioniert. Friedhof, Gruft und Leichenhaus sind stimmungsvoll ausgestattet, und der Film trägt sein Siebziger-Flair vom psychedelischen Intro bis zur Kleidung der Figuren offen vor sich her. Kane war beim Schauen fest davon ausgegangen, einen Achtziger-Film zu sehen, und merkte am ruhigeren Tempo schnell, dass er älter sein muss. Genau dieses gemächliche Erzählen ist Segen und Fluch zugleich, dazu später mehr.
Ein Highlight sind die Maskeneffekte von Giannetto De Rossi, der später auch für Fulci arbeitete. Jeder Zombie bekommt ein eigenes Gesicht und eigene Verletzungen, vom Y-Schnitt auf der Brust bis zum Kopfverband, dazu die auffälligen Kontaktlinsen mit Sternmuster. Mike erklärt, warum ihm die europäische Zombie-Schule mit ihren matschigen, modrigen Untoten lieber ist als die blaue Gesichtsfarbe in Romeros Dawn of the Dead. Bashing ist das ausdrücklich nicht: Dawn of the Dead bleibt für ihn der beste amerikanische Zombiefilm. Wo im Vergleich Day of the Dead, Land of the Dead und Diary of the Dead stehen, klären die beiden gleich mit.
Die deutsche Synchro: Dialoge wie von Tarantino
Kane hat sich in die deutsche Synchronfassung verliebt, und Mike gibt ihm recht. Die Hotelszene mit der Wirtin und ihrer Eule, die Beschimpfungen des Inspektors gegen alles, was lange Haare trägt, und der Satz, dass eine Uniform kein Schlafanzug sei: Ein paar Dialogzeilen klingen, als hätte Tarantino sie geschrieben. Die klare Empfehlung der beiden lautet deshalb, den Film unbedingt in der deutschen Fassung zu schauen. Dazu kommt ein Überholmanöver mit Ace-Ventura-Qualitäten und ein Polizist, der beweisen will, dass es auch allein geht. Der Film hat also einiges zum Lachen, ohne dass er sich selbst lächerlich macht.
Öko-Botschaft und die angeblich geschickt verpackte Sozialkritik
Gleich nach dem Vorspann zeigt der Film ein verrußtes, rauchendes England mit Menschen in Atemmasken, dann die Flucht ins gesunde Grün. Dazu die Maschine, die per Ultraschall Insekten tötet, angeblich mit Kernenergie und ohne Chemie. Kane und Mike finden die Ökobotschaft für 1974 bemerkenswert aktuell, sind aber skeptisch, wenn in Rezensionen von geschickt verpackter Sozialkritik die Rede ist. Ihr Fazit: Der Film nimmt das Thema als Aufhänger, mehr nicht. Besonders gefällt Kane, dass die futuristische Wundermaschine bei genauem Hinsehen ein rot lackierter Mähdrescher mit aufgesetzter Turbine ist.
Weniger schmeichelhaft fällt der Blick auf das Frauenbild aus. Die weiblichen Figuren sind fast durchgehend Opfer, und eine berühmte Szene im Krankenhaus wirft bei beiden die Frage auf, warum ausgerechnet dort so bizarr ausgeteilt wird. Typisch für den Horror der Siebziger, wie Mike feststellt, und trotzdem diskussionswürdig.
Indiziert, beschlagnahmt, freigegeben: Die Zensurgeschichte
Der zweite große Block der Folge ist die Zensurgeschichte. 1983 wurde der Film indiziert, in den Nullerjahren nach Paragraf 131 beschlagnahmt, später erneut geprüft und erst 2024 vollständig freigegeben. Kane liest aus den Begründungen vor. Damals hieß es, die Gewalt werde zum Selbstzweck erhoben und in epischer Breite dargeboten. Heute urteilt die Prüfstelle, der Film sei in seiner Erzählweise teils langatmig, die Effekte deutlich als Maskenbildnerei zu erkennen und die altmodischen Darstellungen schafften bei Jugendlichen eher Distanz. Die beiden fragen sich, ob die Prüfer 1983 denselben Film gesehen haben wie sie. Der Sadismus, den Mike bei anderen beschlagnahmten Filmen dieser Zeit wie The Last House on the Left nachvollziehen kann, fehlt hier fast völlig.
Trivia: Little Johns Grab und Jorge Graus andere Filme
Viel Trivia gibt es zu dem Film nicht, aber eine Anekdote hat es Kane besonders angetan: Ein Drehtag fand auf einem Friedhof statt, auf dem angeblich Little John aus der Robin-Hood-Legende begraben liegt. Nach Beschwerden von Touristen über den Dreck des Filmteams bekam die Produktion eine Auflage, den Ort innerhalb von 24 Stunden zu räumen, und drehte den Rest im Schnelldurchlauf.
Regisseur Jorge Grau war beiden bis dahin kein Begriff. Beim Blick auf seine Filmografie bleibt vor allem Contest des Grauens (Ceremonia sangrienta) hängen, den Mike sich als Nächstes vornehmen will. Dazu gibt es einen Exkurs zu Jess Franco, Laura Gemser und einer Foltermühle, die dringend auf die ClasSicks-Agenda gehört.
Tops, Flops und eine Hausaufgabe für Kane
Zum Schluss wie immer Tops und Flops. Mike feiert die Stimmung des Films: charmant, stellenweise gruselig und dank der Dialoge mit reichlich Lachern, ein perfekter Film für einen gemütlichen Abend auf der Couch. Sein Flop betrifft das Finale, mehr wird hier nicht verraten. Kane hadert mit dem Leerlauf zwischen den Höhepunkten und hätte sich zwischen den starken Set Pieces ein, zwei Zombies mehr oder eine Nebenhandlung gewünscht. Sein Top ist dafür eine der bekanntesten Szenen des Films, die auch nach fünfzig Jahren handwerklich überzeugt. Ob der Film die berüchtigte Triple Threat knackt, erfahrt ihr nur in der Folge.
Und weil eine ClasSicks-Folge ohne Hausaufgabe nicht komplett ist: Kane soll sich endlich Zombies unter Kannibalen anschauen. Ob er sich den Film kauft oder auf ein Steady-Abo der Hörer hofft, bleibt offen.
Folge hören: Podigee | Spotify | Apple Podcasts | Steady
Eine kurze Bitte zum Schluss
Wenn euch die Folge gefallen hat, schenkt uns eine Minute auf Apple Podcasts und hinterlasst eine kurze Rezension. Das hilft uns enorm, neue Hörer zu erreichen.
Verwandte VLM-Folgen
- Return of the Living Dead III (1993): Brian Yuznas Zombie-Meisterwerk in den ClasSicks
- Ein Zombie hing am Glockenseil (1980): Der erste VLM-Fulci
- ClasSicks: Phenomena (1985), Dario Argentos Insekten-Wahnsinn
- ClasSicks: Lebendig gefressen, Lenzis Kannibalen-Schocker von 1980
- Alle ClasSicks-Folgen | Horror-Podcast-Übersicht
Häufige Fragen zur Folge
Worum geht es in Das Leichenhaus der lebenden Toten?
Ein Antiquitätenhändler und eine junge Frau stranden auf dem englischen Land, wo eine experimentelle Ultraschallmaschine gegen Insekten die Toten der Gegend wieder aufstehen lässt. Ein autoritärer Polizeiinspektor hält die beiden für die Täter.
Unter welchen Titeln ist der Film bekannt?
Der Originaltitel lautet No profanar el sueño de los muertos. International heißt der Film Let Sleeping Corpses Lie oder The Living Dead at Manchester Morgue, in Deutschland Das Leichenhaus der lebenden Toten oder Invasion der Zombies. Insgesamt existieren rund sechzehn Titel.
War der Film in Deutschland verboten?
Ja. Der Film wurde 1983 indiziert, später nach Paragraf 131 beschlagnahmt und erst 2024 vollständig freigegeben. Die Folge geht ausführlich auf die Begründungen der Prüfstelle ein.
Wer hostet diese ClasSicks-Folge?
Kane und Mike, beide Co-Founder von Viva la Movielución. Die ClasSicks sind ihr Format für Genre-Klassiker, meist exklusiv auf Steady, diese Folge ausnahmsweise im freien Feed.
Wo kann ich die Folge hören?
Auf allen gängigen Plattformen: Podigee, Spotify und Apple Podcasts. Auf Steady gibt es neue Folgen zwei Tage früher.


