Warum tut ein Familienstreit mehr weh als ein Dämon? Kane empfängt Stefan Sonntagbauer alias Dr. Horror, den Kulturwissenschaftler und Podcaster aus Oberösterreich, zu Ari Asters Spielfilmdebüt Hereditary (2018) mit Toni Collette, Alex Wolff, Gabriel Byrne und Milly Shapiro. Achtung: Diese Folge und dieser Beitrag enthalten Spoiler zu Hereditary. Mike, dessen Lieblingsfilm das eigentlich ist, fehlt entschuldigt, Korbi ebenfalls. Und für Stefan endet mit dieser Aufnahme ein Fluch: Es ist sein sechster Anlauf, einen Podcast über diesen Film aufzunehmen. Die fünf gescheiterten Versuche haben immerhin dafür gesorgt, dass er den Film sechsmal gesehen hat und in jeder Sichtung Neues entdeckte.
Wer ist Dr. Horror?
Stefan Sonntagbauer betreibt mit Dr. Horror den nach eigener Aussage weltweit führenden Podcast für Horrorforschung, schreibt unter anderem für den Standard und die Wiener Zeitung, ist Musiker und arbeitet gerade an seinem ersten Solo-Buch, das 2027 erscheinen soll. Bei VLM war er auch in der Folge zu Citizen Vigilante zu Gast. Kane und Stefan einigen sich zum Einstieg darauf, dass ein Gespräch zwischen einem Oberösterreicher und einem Bayern selbstverständlich als internationale Kooperation zählt.
Worum geht es in Hereditary?
Die Familie Graham wird vom Tod der Großmutter erschüttert, mehr oder weniger. Wirklich erschüttert wird sie kurz darauf durch den Unfalltod der Tochter Charlie, an dem ihr Bruder Peter nicht unbeteiligt ist. Während Mutter Annie (Toni Collette) versucht, die Trauer zu verarbeiten, wird es nicht nur psychisch eng: Sie versucht, per Séance Kontakt zu ihrer Tochter aufzunehmen, und öffnet damit eine Tür, die sich nicht mehr schließen lässt. Stefan versucht in der Folge, den Film ohne Geister zusammenzufassen, und scheitert ungefähr im dritten Akt. Genau das ist der Punkt: Hereditary funktioniert als Familiendrama über psychische Krankheit und als Geisterfilm zugleich.
Vom Familiendrama zum Horrorfilm: Wie Ari Aster den Film pitchte
Kane hat nachgelesen, wie der Film entstand. Ari Aster fand zunächst keine Geldgeber und pitchte Hereditary als Familiendrama mit leicht übernatürlicher Note. Erst als die Finanzierung stand, kam der Horror nach und nach dazu. Toni Collette wollte damals eigentlich nur noch Komödien drehen, las das Drehbuch und musste die Rolle spielen. Für Kane ist Annie die Rolle ihres Lebens. Stefan geht noch weiter: Als abgestumpfter Dr. Horror bringt ihn kein Dämon aus der Ruhe, aber Collettes Darstellung einer Frau, die vom Leben, von Geistern und von ihrer eigenen Psyche gleichzeitig heimgesucht wird, ist ihm bis heute unangenehm anzusehen. Kane ergänzt Alex Wolff als Peter, dessen Schuldgefühle und die wachsende Distanz zur Mutter ihn jedes Mal fertigmachen. Die Szenen zwischen den Familienmitgliedern sind für beide schlimmer als jede Enthauptung.
Elevated Horror, Art Horror, Adult Horror: Die Begriffsdebatte
Hereditary gilt als Galionsfigur des sogenannten Elevated Horror, ein Begriff, den Stefan für ziemlich dämlich hält. Die These dahinter, Horror sei plötzlich klug, kunstvoll und gesellschaftlich relevant geworden, ignoriert für ihn, dass Horror immer schon ein Spiegel der Gesellschaft war. Niemand würde behaupten, Ronaldo spiele Elevated Football, er ist einfach ein sehr guter Fußballer. Den Begriff Art Horror findet Stefan neutraler, Adult Horror dagegen den dümmsten von allen. Kane kann mit Elevated Horror mehr anfangen: Figuren mit dieser Tiefe und Beziehungen mit dieser Ausarbeitung sieht man im Genre selten, Ausnahmen wie Der Exorzist oder Rosemary’s Baby eingeschlossen. Einig sind sich beide, dass die Debatte zumindest Gesprächsstoff liefert.
Geister oder Wahnsinn? Die psychologische Lesart
Stefan holt aus: Seit der Aufklärung lebt der Horrorfilm von der Grundspannung, ob es wirklich Geister gibt oder ob die Hauptfigur den Verstand verliert. Die meisten Filme schließen diese Tür im zweiten Akt, indem sie das Übernatürliche bestätigen. Hereditary lässt sie bis zum Ende offen. Auf der einen Seite steht eine Familiengeschichte voller psychischer Erkrankungen und vererbter Traumata, Annies dissoziative Episoden und die Frage, ob es eine zweite Annie gibt, von der weder sie noch wir etwas wissen. Stefan bringt dazu Freuds Imago-Theorie ins Spiel, die Aufspaltung einer Elternfigur in ein gutes und ein böses Bild, wie Mufasa und Scar in Der König der Löwen. Auch Annies Mutter existiert im Film in zwei Bildern: als Kult-Anführerin und als gemütliche Frau auf ihrem Thron. Kane ergänzt die Details, die man erst beim zweiten Schauen sieht: das noch original verpackte Ouija-Brett in Joans Auto, die fremden Trauergäste auf der Beerdigung, Charlie als Platzhalter für ein männliches Gefäß. Alles ist von außen vorbereitet, Annie ist die Fremdgesteuerte.
Schicksal statt freier Wille: Die mythologische Lesart
Die zweite Ebene liefert der Film selbst, und zwar in der Klassenzimmerszene über Herakles, der alle Zeichen ignorierte und trotzdem in sein Verderben lief. Peter hört dabei nicht zu. Stefan verweist auf Ödipus: Je mehr sich eine Figur gegen die Weissagung wehrt, desto sicherer erfüllt sie sie. Kane hat sich mit der griechischen Tragödie beschäftigt, in der der freie Wille noch kein Konzept war und das Leben durch Geburt, Blut und Familie festgeschrieben stand. Genau so bewegt sich die Familie Graham auf die Katastrophe zu, bis hin zum Paimon-Siegel auf dem Strommast. Beide finden die mythologische Lesart am stimmigsten, auch weil der Film sie ausdrücklich anbietet.
Warum brennt Steve?
Die meistdiskutierte Szene des Films: Annie will das Buch verbrennen, doch statt ihr fängt ihr Mann Steve Feuer. Im Netz kursieren Erklärungen von Paimon als feuerliebendem Gott des Unfugs bis zu Annies unbewusster Gedankensteuerung. Kanes Antwort ist einfacher und in der Logik des Films schlüssig: Steve ist kein Blutsverwandter, für das Ritual entbehrlich und in dem Moment, in dem er Annie einweisen lassen will, ein Hindernis. Annie dagegen hat im Ritual noch eine Aufgabe zu erfüllen. Der Doktor nickt die Erklärung ab und verspricht Kane die erste Ehrenprofessur, sobald er welche vergeben darf.
Drei Feuilleton-Deutungen im Check
Stefan hat drei Deutungen aus dem Kulturjournalismus mitgebracht. Erstens: Hereditary als Generationenkonflikt, in dem die Alten auf Kosten der Jungen noch einmal Gas geben und die Kinder zum Material werden. Zu beider Überraschung fanden sie diese Lesart beim Nacherzählen gar nicht schlecht. Zweitens: der Kult als Trump-Bewegung, die von der gebildeten Mittelschicht unterschätzt wurde, mit Paimon als Trump. Damit können beide wenig anfangen. Drittens: Esoterik als Zuflucht in Krisenzeiten, was Kane höchstens für Annies Séance gelten lässt. Sein Fazit: Der Film macht kein gesellschaftspolitisches Fenster auf, er erzählt konsequent die Geschichte einer Familie, und genau das macht ihn radikal. Wer trotzdem Reichweite will, bastelt sich nach der Formel A gleich B einen eigenen Rage-Bait-Artikel. Kane und Stefan tun genau das, live und mit einem gewissen deutschen Kabarettisten in der Hauptrolle.
Trivia: Peter Hase, das Siegel des Paimon und der Aberglaube am Set
Zum Schluss ein paar Fun Facts aus Kanes Recherche. Der Trailer lief in den USA versehentlich vor einer Kindervorstellung von Peter Hase, mit entsprechendem Geschrei im Saal. Das Siegel des Paimon stammt aus der Goetia, dem ersten Buch des Lesser Key of Solomon, zeigt im Original aber vier Figuren, im Film nur drei. Der Grund ist Aberglaube: Seit den Unfällen rund um Der Exorzist, Das Omen und Rosemary’s Baby werden echte okkulte Symbole in Filmen absichtlich verändert. Die in die Wände geritzten Wörter Satony, Liftoach und Pandemonium stammen ebenfalls aus der Dämonologie. Und Stefan lernt, dass Dämonen offenbar ein eigenes Logo haben.
Tops, Flops und Triple Threat
Stefans Top ist die Performance von Toni Collette, dazu die Art, wie der Film eine alte Geister- und Verschwörungsgeschichte so erzählt, als hätte man sie nie gesehen, und eine Inszenierung, die selbst ihn packt. Sein Flop ist die Intensität: Nach dem sechsten Mal braucht er eine Pause, öfter als dreimal täglich würde er den Film nicht empfehlen. Für ihn bleibt Hereditary trotzdem einer der besten Horrorfilme der letzten zehn Jahre. Kanes Top ist die emotionale Wucht der Familienszenen, die Schuld, Machtlosigkeit und Verzweiflung spürbar machen wie kaum ein anderer Horrorfilm. Sein Flop ist das Zungenschnalzen, dessen Bedeutung er bis heute nicht ganz versteht, auch wenn Stefan es als erzählerisches Wiederholungsmotiv einordnet, wie die Enthauptungen und die Atemnot, die sich durch den ganzen Film ziehen. Ob Hereditary die berüchtigte Triple Threat besteht, hört ihr nur in der Folge.
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Häufige Fragen zur Folge
Worum geht es in Hereditary?
Nach dem Tod der Großmutter und einem tragischen Unfall zerbricht die Familie Graham an Trauer und Schuld. Mutter Annie (Toni Collette) versucht, Kontakt zu ihrer toten Tochter aufzunehmen, und setzt damit eine Kette von Heimsuchungen in Gang. Ari Asters Spielfilmdebüt aus dem Jahr 2018 verbindet Familiendrama und Kult-Horror.
Wer ist Dr. Horror?
Dr. Horror ist der Podcast des oberösterreichischen Kulturwissenschaftlers Stefan Sonntagbauer, der sich der Horrorforschung widmet. Stefan schreibt außerdem für Zeitungen wie den Standard und war bei VLM auch zur Folge über Citizen Vigilante zu Gast.
Warum brennt Steve in Hereditary?
In der Folge erklärt Kane die Szene über die Logik des Rituals: Steve ist kein Blutsverwandter und für den Kult entbehrlich, während Annie noch eine Aufgabe zu erfüllen hat. Andere Deutungen aus dem Netz werden in der Folge ebenfalls besprochen.
Ist Hereditary Elevated Horror?
Der Film gilt als Aushängeschild des sogenannten Elevated Horror. Kane und Stefan diskutieren, ob der Begriff sinnvoll ist, und stellen ihm die Alternativen Art Horror und Adult Horror gegenüber.
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