Kane hat einen Film mitgebracht, für den er nur Lobeshymnen hat: 1917 (2019), Sam Mendes‘ Erster-Weltkrieg-Drama, das den Eindruck einer einzigen durchgehenden Kameraeinstellung erweckt. Korbi lehnt sich entspannt zurück – er hat den Film nur als Kinoerlebnis erlebt, einer der letzten VLM-Kinobesuche vor der Pandemie. Tatsächlich sogar im Double-Feature mit Sonic the Hedgehog (siehe Folge 20): erst Sonic, super gute Laune, dann 1917 – und sofort wieder im Eimer.
Korbi gibt zu Protokoll, dass er das Wort „großartig“ diese Folge ausnahmsweise für Kane reserviert. Das passiert nicht oft.
Plot-Setup: Zwei Soldaten, eine Botschaft, eine deadline
April 1917, Westfront. Zwei britische Lance Corporals – Schofield (gespielt von George MacKay) und Blake (Dean-Charles Chapman) – bekommen einen scheinbar absurden Auftrag: Sie sollen quer durch das Niemandsland zu einem anderen britischen Bataillon marschieren und einen Befehl überbringen, der einen geplanten Angriff abblasen soll. Die deutsche Armee hat sich strategisch zur Hindenburglinie zurückgezogen – was wie eine Niederlage aussieht, ist in Wahrheit eine Falle. Wenn die Botschaft nicht rechtzeitig ankommt, laufen 1.600 britische Soldaten in den sicheren Tod. Für Blake ist das besonders persönlich: Sein großer Bruder gehört zu denen, die im aussichtslosen Angriff stecken würden.
Wahrheitsgehalt: Korbi merkt richtig an, dass die konkrete Schlacht fiktiv ist. Aber das Setting basiert auf echten Erzählungen: Sam Mendes‘ Großvater Alfred H. Mendes – ein Trinidadier, der mit 19 in die britische Armee eintrat – war tatsächlich Kurier an der Westfront. Der Film ist seinem Andenken gewidmet.
Im VLM-Setting würde die Reise normalerweise durch Schnitt-Kapitel zerteilt werden – Schützengraben, Niemandsland, verlassene Bauernhöfe, zerbombte Stadt im Nachtsetting, Flusslauf. Aber genau das macht Mendes nicht. Er lässt die Kamera mitlaufen, als wäre sie an die Hüfte der Soldaten geheftet.
Die One-Shot-Illusion – wie Mendes und Roger Deakins den Trick versteckten
Das große Gimmick: 1917 sieht aus, als wäre er in einer einzigen, 119 Minuten langen Kameraeinstellung gedreht. Das stimmt natürlich nicht – wäre logistisch unmöglich. Tatsächlich ist der Film aus mindestens 34 unsichtbaren Schnitten zusammengesetzt, plus einem einzigen sichtbaren Cut auf Schwarz, als Schofield bewusstlos geschlagen wird (von Tag zu Nacht). Der kürzeste einzelne Take dauert 39 Sekunden, der längste über 8,5 Minuten. Editor Lee Smith und Kameramann Roger Deakins haben jeden Cut gnadenlos versteckt: hinter einer Wand, in einem dunklen Gang, beim Eintritt in einen Raum.
Roger Deakins ist hier der eigentliche Held – einer der einflussreichsten Cinematographer überhaupt (Blade Runner 2049, No Country for Old Men). 1917 war seine vierte Zusammenarbeit mit Mendes, nach Jarhead (2005), Skyfall und Revolutionary Road. Für 1917 holte Deakins seinen zweiten Oscar.
Hitchcocks Vorgänger: Kane vermutet richtig, dass One-Shot-Filme eine längere Tradition haben – allen voran Rope von Alfred Hitchcock (1948), Hitchcocks erstes Farb-Experiment. Damals waren echte Endlos-Takes technisch unmöglich (eine Filmrolle fasste maximal 10 Minuten), also cuttete Hitchcock zwischen den Rollen mit Tricks – Kamera fährt an einen dunklen Mantel heran, beim nächsten Take fährt sie wieder davon. Mit James Stewart in der Hauptrolle und einem dramatisch-perfekten Setting eines Abendessens nach einem Mord. 1917 war damit nicht der erste, aber zur Aufnahmezeit (Oktober 2020) der aufwändigste One-Shot-Film aller Zeiten.
Was Kane an One-Shots feiert: Die ständige Schnitt-Wut moderner Action-Filme nervt ihn. Er wirft Resident Evil: The Final Chapter (2017) und die Saw-Sequels in den Topf der „epileptischen Schnitt-Anfälle“. Bei Mila Jovovics letzter Resident-Evil-Faust hat er nicht mehr gesehen, was sie eigentlich tut. 1917 ist das genaue Gegenteil – ein 8-minütiger Schützengraben-Walk, in dem Kane die Schultern endlich mal locker lassen kann.
Wie macht man so etwas? – Die technische Choreographie
Im Making-of zu 1917 wird klar: Das ist der aufwändigste Pre-Produktions-Aufwand seit Jahren. Die ganzen Sets wurden zuerst als Miniaturen aufgebaut, innen wurde gemessen und choreographiert – wie viele Schritte muss Schofield gehen, bis Bunker B erreicht wird, wann muss die Kamera übernehmen. Erst danach wurden die Sets in Lebensgröße eins zu eins gebaut, mit den Maßen aus dem Miniatur-Modell. Schützengräben in Originallänge, Niemandsland-Schlamm, zerbombte Stadt mit echten Trümmer-Sets.
Kamera-Equipment-Wechsel im Take: Im Making-of ist eine Sequenz zu sehen, in der die Kamera erst hinter den Schauspielern hergetragen wird, dann mitten in der Bewegung in einen Kran übergeben und nach oben gezogen wird, dann wieder zu einem Motorrad-Mount übergeht. Drohnen, Seilzüge, Kran, Steadicam – alles fließend ineinander. Korbi nennt das eine „Kamera-Choreographie auf Ballett-Niveau“.
Sonnen-Problem: Beim Drehtag vor Ort hatten sie ein logistisches Problem mit der Sonne – wenn es zu hell war, wanderten die Schatten zu schnell. Bei einem Take, der über 8 Minuten geht, würden die Schatten innerhalb der Szene sichtbar springen. Lösung: Bei zu hellen Drehtagen wurde der Dreh komplett abgebrochen und auf wolkiges Wetter gewartet. Verkürzt sich die Drehzeit dramatisch – und macht den Aufwand noch beeindruckender.
Scharfschützen-Szene mit dem Wand-Trick: Kanes Lieblings-Sequenz – der Mexican Standoff im zerschossenen Bauernhaus. Das Set wurde so gebaut, dass die Wand auf einer Schiene auseinanderfahrbar ist. Wenn die Kamera auf das Fenster zufährt, wird die Wand auf gewisser Höhe einfach weggezogen, sodass die Kamera durchzufliegen scheint. Im fertigen Film: nahtlos. Im Making-of: pures Bühnen-Theater.
Die Nachtszene in der zerbombten Stadt: Für Kane visuell die beste Sequenz des Films. Durch Leuchtraketen erzeugte Schatten an den Trümmer-Wänden, die mit dem Soldaten mitwandern. Vorab wurde die Stadt als Miniatur aufgebaut, mit kleinen Lichtquellen darüber gefahren, um exakt zu sehen: Welcher Schatten wandert wann wohin? Erst danach wurde der Lauf-Pfad für Schofield definiert.
Cast: George MacKay und Dean-Charles Chapman im Schlamm
George MacKay als Schofield – ruhig, fast schweigsam, der Soldat, der schon zu viel gesehen hat. Davor bekannt aus Captain Fantastic (2016, mit Viggo Mortensen) und Pride (2014). 1917 war sein Durchbruch zur internationalen A-Liste.
Dean-Charles Chapman als Blake – jünger, naiver, optimistischer. Den kennen Game-of-Thrones-Fans als Tommen Baratheon („das aufgeschwemmte Gesicht“, wie Kane sagt). Korbi hat den Film mit einer Bekannten geschaut, die andauernd „schau den Fettsack an“ rief – Kanes Gegenrede: „Der ist nicht fett, der hat nur ein bisschen Doppelkinn. Und außerdem ist Krieg, der kriegt nichts zum Essen.“
Nebenrollen mit britischer A-Liga: Benedict Cumberbatch spielt Colonel Mackenzie – den Kommandanten, zu dem die Botschaft am Ende gebracht wird. Cumberbatch kennt jeder aus Marvels Doctor Strange und der BBC-Serie Sherlock. Plus Mark Strong, Andrew Scott, Richard Madden und Colin Firth in kurzen, aber prägnanten Auftritten.
Sam Mendes – vom Theater-Wunderkind zum 1917
Sam Mendes hat 1917 gleichzeitig geschrieben (mit Krysty Wilson-Cairns), produziert und inszeniert. Korbis kurze Filmographie-Zusammenfassung: American Beauty (1999, Mendes‘ Debüt – Oscar für besten Film), Skyfall (2012) und Spectre (2015) für die James-Bond-Reihe. Kanes Bond-Bewertung: Skyfall war für ihn der „größte Reinfall der Daniel-Craig-Ära“, Spectre wieder besser. Beide einig: 1917 wischt das alles weg.
Streng genommen ist 1917 kein Mendes-Erstkontakt mit dem Krieg. Schon Jarhead (2005, mit Jake Gyllenhaal) war ein Anti-Kriegsfilm im Golf-Krieg-Setting – allerdings einer mit dem Argument, dass Kriegsdienst vor allem aus absurder Langeweile besteht.
Atmosphäre & Sound – Komponist Thomas Newman als heimlicher Star
Was 1917 für beide Hosts so hoch hebt, ist nicht nur die Kamera, sondern der Soundtrack von Thomas Newman. Nie aufdringlich, immer unterschwellig, ein Drone-Teppich aus Streichern und tiefen Klangwolken, der das Gefühl von „da kann jederzeit eine Granate einschlagen“ konstant hält.
Kanes Sound-Detail: Es gibt einen Charakter, der mit seinem Leben ringt – über mehrere Minuten. Der Soundtrack spielt genau so lange weiter, wie der Mensch atmet. Im Moment, in dem der Ton aussetzt, ist das Leben aus. Korbi: „Das ist so subtil und so brutal, das hatte ich in keinem Film der letzten Jahre.“
Detailverliebtheit der Sets: Die Schlachtfelder sind nicht steril inszeniert. Kane betont: Wenn du genau hinschaust, siehst du am Ohr-Rand offensichtliche Leichen. Schaust du auf den Boden, einen halb-vergrabenen Fuß. Im Fluss treiben aufgewollene Wasserleichen mit ausgedrückten Zungen vorbei – nicht als Schock-Effekt, sondern als beiläufiges Detail. Du läufst als Zuschauer durch ein Massengrab, ohne dass der Film daraus eine Heldenpose macht.
Anti-Patriotismus: Was Kane besonders hoch anrechnet – der Film verzichtet komplett auf den klassischen Hollywood-Kriegs-Kitsch. Keine Flaggen in Zeitlupe, keine pathetischen Reden, kein „for the country“-Gebumstere. Stattdessen zwei Soldaten, die immer wieder fragen, was das eigentlich soll. Mendes wollte 1917 als Anti-Kriegsfilm verstanden wissen – und das gelingt.
Oscars und Nominierungen 2020
1917 war bei den Oscars 2020 mit 10 Nominierungen einer der großen Favoriten. Am Ende drei gewonnen:
- Beste Kamera – Roger Deakins (sein zweiter Oscar nach Blade Runner 2049). Kane: „Wer hätte es sonst kriegen sollen?“
- Bester Ton-Mix – Mark Taylor und Stuart Wilson
- Beste visuelle Effekte – Guillaume Rocheron, Greg Butler und Dominic Tuohy. Auch wenn 1917 fast komplett praktisch wirkt, gibt es subtiles CGI: die Brücken-Szene mit dem Kampfflieger-Sturz hat digitale Beimischung.
Außerdem nominiert für: Bester Film, beste Regie (Sam Mendes) und bestes Original-Drehbuch (Mendes mit Krysty Wilson-Cairns). Geschlagen hat ihn am Ende Parasite von Bong Joon-ho – kein peinliches Verlieren.
Pro & Contra – Tops und Flops
Korbi Pro: Die Einstellungen, die Set-Wechsel, die Spannung – „Ein echtes Kinoerlebnis, völlig verdient die Oscars“. Plus die Tatsache, dass das einer der letzten großen Filme war, den er pre-Pandemie noch im Kino sehen konnte. Korbi Contra: Story-mäßig „ja, pfff“ – die Mission funktioniert, man fiebert mit, aber für den Heimkino-Re-Watch zu intensiv. 119 Minuten konstantes Mitfiebern ohne natürliche Cut-Pausen ist daheim ein Kraftakt. „Ich möchte ab und zu mal kurz auf Pause drücken und mir ein Bier holen.“ Kanes Konter: „Dafür hast du eine Frau, oder?“
Kane Pro: Eine der seltenen Folgen, in denen Kane nichts zu meckern hat. Details der Sets, beklemmender Soundtrack, die Anti-Kriegs-Haltung ohne Patrioten-Kitsch, die Schlussszene, die einfach traurig macht. Plus die Wand-Trick-Sequenz und die Nacht-Stadt. Kane Contra: „Das einzige Schlechte ist Korbis komisches Gelaber über den Film.“ (Akzeptiert.)
VLM-Triple-Threat-Bilanz: Sterben Tiere? Ja. Im Niemandsland und in der zerbombten Stadt. Sieht man Titten? Nein. Sieht man entblößte Trompeten? Nein. Schauwerte – fast Fehlanzeige, aber wenigstens das eine „Ja“ beim Tier rettet die Bilanz.
Kane-Disclaimer: „Wenn ein Hund stirbt im Film, bin ich saulästig. Ist das Problem, dass meistens auch tatsächlich Tiere im Film sterben.“ Lehre: nie einen Film mit Hunden zusammen mit Kane schauen.
Kino-Erlebnis vs. Heimkino – Korbi und Kane uneins
Korbi und Kane teilen ein interessantes Disagreement: Korbi sagt, der Film funktioniert nur im Kino so wie er soll. Daheim auf der Couch fehle das Kino-Setting; man wolle zwischendurch kurz eine Pause, was den Film entwertet. Kane hat 1917 jetzt nochmal über die Prime-Deals geschaut – mit großem Fernseher und Heimkino-Anlage. Sein Verdikt: Das Erlebnis ist quasi identisch. Die Machart bleibt gleich, der Sound bleibt gleich, die Geschichte bleibt genauso intensiv.
Hier zeigt sich die Grenze zwischen „Kinoerlebnis-Fan“ und „Heimkino-Tech-Junkie“. Beide Sichtweisen sind legitim. Korbis Empfehlung an Hörer: Wenn ihr 1917 noch im Kino erleben könnt, macht es. Kanes Gegenrat: Wenn ihr eine ordentliche Heimkino-Anlage habt, geht das genauso.
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Vorher in Folge 34 – Alien (mit YouTuber Birger als Gast), danach geht’s mit Folge 36 – Woah Lecks Oktober 2020 weiter (Yummy, The Office, A Nightmare on Elm Street 3) und Folge 37 – Cryptid Staffel 1 (Mystery am Freitag den 13.). Plus das damals erwähnte Double-Feature-Pendant Folge 20 – Sonic the Hedgehog. Komplette Filmübersicht in unserer Film-Kategorie.
FAQ
Ist 1917 wirklich in einer einzigen Einstellung gedreht?
Nein – das ist die Illusion, die der Film erweckt. Tatsächlich ist 1917 aus mindestens 34 unsichtbaren Schnitten zusammengesetzt, plus einem einzigen sichtbaren Cut auf Schwarz, als Schofield bewusstlos geschlagen wird. Die unsichtbaren Schnitte wurden hinter Wänden, in dunklen Korridoren oder beim Eintritt in Räume versteckt. Der kürzeste einzelne Take dauert 39 Sekunden, der längste über 8,5 Minuten.
Wer hat bei 1917 Regie geführt?
Sam Mendes – der britische Regisseur ist bekannt für American Beauty (1999, Oscar für besten Film), Skyfall (2012) und Spectre (2015) aus der James-Bond-Reihe. 1917 hat er gleichzeitig geschrieben (mit Krysty Wilson-Cairns), produziert und inszeniert. Es ist sein bisher persönlichster Film.
Basiert 1917 auf einer wahren Geschichte?
Teilweise. Die konkrete Schlacht und die Mission selbst sind fiktiv. Aber das Setting basiert auf Erzählungen von Sam Mendes‘ Großvater Alfred H. Mendes – einem Trinidadier, der mit 19 in die britische Armee eintrat und tatsächlich als Kurier an der Westfront diente. Der Film ist ihm gewidmet.
Wer spielt die Hauptrollen?
George MacKay als Lance Corporal Schofield und Dean-Charles Chapman als Lance Corporal Blake (Game-of-Thrones-Fans kennen ihn als Tommen Baratheon). In Nebenrollen: Benedict Cumberbatch als Colonel Mackenzie, Mark Strong, Andrew Scott, Richard Madden und Colin Firth.
Wie viele Oscars hat 1917 gewonnen?
Drei – beste Kamera (Roger Deakins, sein zweiter Oscar), bester Ton-Mix und beste visuelle Effekte. Außerdem nominiert in den Kategorien bester Film, beste Regie und bestes Original-Drehbuch. Insgesamt 10 Nominierungen.
Wer war der erste One-Shot-Filmemacher?
Eins der ersten bekannten One-Shot-Experimente war Alfred Hitchcocks Rope (1948) mit James Stewart – Hitchcocks erstes Farb-Experiment. Da echte Endlos-Takes 1948 technisch unmöglich waren (Filmrolle = max. 10 Min), versteckte Hitchcock die Cuts zwischen den Rollen mit Wand-Tricks. 1917 ist nicht der erste, aber bis 2020 der aufwändigste One-Shot-Film.
Wer ist Roger Deakins?
Einer der einflussreichsten Cinematographer überhaupt. Bekannt für Blade Runner 2049 (für den er seinen ersten Oscar bekam), No Country for Old Men, Skyfall und viele Coen-Brothers-Filme. 1917 war seine vierte Zusammenarbeit mit Sam Mendes nach Jarhead, Skyfall und Revolutionary Road. Sein zweiter Oscar.


