In Folge 3 geht’s nach Brasilien: Korbi und Kane besprechen City of God (Cidade de Deus, 2002) – das Favela-Epos von Fernando Meirelles und Kátia Lund, das den Aufstieg der organisierten Kriminalität in einem Stadtteil von Rio de Janeiro zwischen den 1960ern und 1980ern erzählt.
City of God (2002) – Brasiliens Favela-Epos
- Regie: Fernando Meirelles & Kátia Lund
- Drehbuch: Bráulio Mantovani, basierend auf dem Roman von Paulo Lins (1997)
- Hauptcast: Alexandre Rodrigues (Buscapé/Rocket), Leandro Firmino (Zé Pequeno/Locke), Douglas Silva (Dadinho/Löckchen als Kind), Phellipe Haagensen (Bené), Seu Jorge (Mané Galinha)
- Genre: Crime / Drama / Coming-of-Age
- Laufzeit: 130 Minuten
- Stream: Amazon Prime Video
Im Mittelpunkt steht Buscapé (Rocket), ein Junge aus den Slums, der raus will – aus dem Moloch aus Gewalt und Armut, rein in einen Job als Fotograf. Parallel verfolgt der Film den Aufstieg von Löckchen zum großen Locke, der schon als Kind Lust am Töten findet und sich zum Drogenboss hocharbeitet. Beide Wege treffen sich, weil in Cidade de Deus die Gewalt irgendwann zum normalen Leben gehört. Das gipfelt in einem Bandenkrieg – und endet nicht mit Frieden, sondern mit der nächsten Generation, die das Geschäft übernimmt.
Casting aus dem Slum: 2.000 Kinder, 200 Rollen
Der Hauptcast wurde nicht aus Schauspielagenturen gezogen, sondern aus den Favelas selbst: rund 2.000 Kinder zum Casting eingeladen, etwa 200 ausgewählt. Statt klassischem Drehbuch-Lernen gab’s einen mehrmonatigen Theaterworkshop mit Schwerpunkt Improvisation – die Schauspieler:innen sollten Szenen körperlich und emotional erleben, nicht auswendig aufsagen. Das erklärt für Kane, warum manche Dialoge leicht unbeholfen wirken und gleichzeitig die Authentizität auf einem Level liegt, das gescriptete Dialoge selten erreichen. Buscapé-Darsteller Alexandre Rodrigues hat tatsächlich in der echten Cidade de Deus gewohnt; Leandro Firmino (Zé Pequeno) ging laut IMDb-Trivia überhaupt nur zum Casting, um einen Freund zu begleiten.
Drehbedingungen: Wenn Drogendealer die Security stellen
Gedreht wurde nicht in der echten Cidade de Deus, weil dort Anfang der 2000er gerade ein heftiger Bandenkrieg lief. Stattdessen ging’s in die Nachbar-Favela Cidade Alta – wo zwar auch Drogendealer und Banden unterwegs waren, aber verhandlungsbereit. Die Produktion durfte keine eigene Security mitbringen. Die örtlichen Banden übernahmen den Job – laut Aussagen aus dem Schauspieler-Umfeld durchwegs friedlich. Niemand mit Maschinenpistolen am Set, dafür echte Anerkennung dafür, dass jemand „die andere Seite“ Brasiliens erzählt.
Kamera- und Schnittarbeit auf höchster Liga
Die Kameraarbeit von César Charlone ist hektisch, dokumentarisch, ständig in Bewegung – und trotzdem präzise. Kanes Highlight: die Kugelflug-Szene im Motel, in der das Geschoss über mehrere Kanten auf einen Seitenspiegel zufliegt. Großartig choreografiert. Korbi feiert die Bild-im-Bild-Auflösungen: Eine Szene beginnt im Innenraum, jemand wird rausgeschickt, eine zweite Kamera verfolgt ihn nach draußen – und beides läuft parallel weiter, ohne dass der Schnitt verwirrt.
Der Schnitt-Highlight: Vom Löckchen zum Locke
Kanes absolutes Highlight ist die Wachstums-Sequenz vom Kind Dadinho/Löckchen (Douglas Silva) zum Erwachsenen Zé Pequeno/Locke (Leandro Firmino). Zwei verschiedene Schauspieler, eine Figur – und der Übergang läuft über eine Mord-für-Mord-Schnittsequenz, in der die Figur mit jedem Opfer älter wird, bis das finale Erwachsenen-Gesicht steht. Editor Daniel Rezende wurde dafür für den Oscar nominiert (insgesamt holte der Film vier Oscar-Nominierungen 2004: Beste Regie, Bestes adaptiertes Drehbuch, Beste Kamera, Bester Schnitt – gewonnen hat keine).
Erzählstruktur und der Filmfehler bei 1:53:30
City of God arbeitet Pulp-Fiction-style mit Kapiteln, Jahresangaben und Rückblenden, die einzelne Szenen vom Anfang neu kontextualisieren. Korbis liebster Aha-Effekt: Du verstehst erst spät, was bei einer früheren Szene wirklich passiert ist – weil der Film es dir erst dann zeigen will. Zur Belohnung für aufmerksame Zuseher gibt’s eine kleine VLM-Kuriosität: Bei circa 1:53:30 – Kamerafahrt über die Leichen der finalen Schießerei – hat einer der Statisten vergessen, im richtigen Moment den Finger fallen zu lassen. Wer auf Filmfehler steht, hat hier was zu suchen.
Korbis Idee: Wäre eine HBO-Miniserie nicht perfekt?
Korbi spinnt im Talk eine schöne Idee: City of God hätte als Miniserie noch mehr Raum für die vielen Nebencharaktere – sein einziger Kritikpunkt am Film ist, dass es schwer fällt, sich alle Figuren zu merken. Update für 2026: Inzwischen gibt’s tatsächlich die HBO-Sequel-Serie City of God: The Fight Rages On (2024), in der Alexandre Rodrigues nach 22 Jahren wieder als Buscapé zurückkehrt. Eine direkte Miniserien-Adaption des Originals ist sie nicht – aber zumindest ein Lebenszeichen aus dem Cidade-de-Deus-Universum.
Pro & Contra
Korbi (Pro): Schnitt und Musik, Kapitel-Aufbau, die Pulp-Fiction-Rückblenden, bleibt über zwei Stunden spannend ohne Längen. Korbi (Contra): So viele Charaktere, dass man ein Notizbuch bräuchte.
Kane (Pro): Die Schnitt-Sequenz vom Kind- zum Erwachsenen-Locke, handwerklich auf höchster Liga, die Authentizität durch das Laienschauspieler-Casting. Kane (Contra): Manche improvisierte Texte wirken leicht komisch – aber, so Korbi, „Meckern auf hohem Niveau“.
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Weiterhören bei VLM
- Folge 1: Reservoir Dogs – wo alles begann
- Folge 2: Susi und Strolch (2019) – Disneys Realverfilmung
- Die Vorstellungs-Folge – wer Kane, Mike und Korbi sind
- Alle Film-Folgen – über 340 Episoden zum Reinhören
FAQ zur Folge
Wer spricht in dieser Folge?
Korbi und Kane – ohne Mike. Die Vorstellungs-Folge und Folge 1 hatten alle drei Gründer am Mikro, ab Folge 2 wechseln sich die Konstellationen ab. Mike ist erst seit 2016 bei VLM dabei (damals noch auf Facebook), Seppi kam erst 2022 zur Crew dazu.
Worum geht’s in City of God?
Cidade de Deus ist eine Favela im Westen Rio de Janeiros. Der Film erzählt zwischen 1960er und frühen 1980er Jahren den Aufstieg der organisierten Kriminalität – aus der Sicht des jungen Buscapé, der Fotograf werden will, statt im Bandenkrieg unterzugehen. Parallel sehen wir den Aufstieg von Dadinho zum Drogenboss Zé Pequeno.
Wer hat bei City of God Regie geführt?
Fernando Meirelles und Kátia Lund als Co-Regie. Meirelles erhielt 2004 die Oscar-Nominierung als Bester Regisseur, Lund nicht – was vor allem mit den Academy-Regeln zur Co-Regie zusammenhängt. Die kreative Verantwortung im Casting und in der Arbeit mit den Laienschauspieler:innen aus den Favelas trug Lund maßgeblich.
Wie viele Oscars hat City of God gewonnen?
Keinen. Der Film war 2004 für vier Oscars nominiert (Beste Regie, Bestes adaptiertes Drehbuch, Beste Kamera, Bester Schnitt) – ging aber bei der Verleihung leer aus. Trotzdem rangiert er regelmäßig auf Bestenlisten und ist nach wie vor in den IMDb Top 250.
Wo wurde der Film gedreht?
Nicht in der echten Cidade de Deus, weil dort Anfang der 2000er ein aktiver Bandenkrieg lief. Stattdessen wich die Produktion in die Nachbar-Favela Cidade Alta aus. Die örtlichen Banden übernahmen die Set-Security für die Crew – laut Aussagen aus dem Schauspieler-Umfeld friedlich und ohne Zwischenfälle.
Wo kann ich City of God streamen?
Aktuell auf Amazon Prime Video. Die Verfügbarkeit ändert sich gelegentlich – falls der Titel mal nicht im Abo ist, gibt’s ihn auch als Leih- oder Kauftitel auf den großen Plattformen.


