Teil zwei des HARD:LINE 2020 Recaps – und diesmal sitzt Mike allein vor dem Mikrofon. Kane war beim ersten Recap noch dabei (siehe Folge 28), hat aber nicht alle Filme geschafft. Mike räumt auf: vom Donnerstag-Auftakt mit Luz: The Flower of Evil und The Deep Ones, über zwei Kurzfilm-Highlights, Mikes Festival-Topfavorit Schlaf, die Halloween-Brügelei For the Sake of Vicious, den Surprise-Film Come True, bis zum Closing PG: Psycho Goreman. Festival-Bilanz, Hybrid-Edition mit 50 Sitzplätzen plus Online-Tickets, und ein Gruß an Festivalleiter Florian „Flo“ Scheuerer – HARD:LINE 2021 fällt aus, verschoben auf April 2022.
Donnerstag 19 Uhr: Luz: The Flower of Evil
Luz: The Flower of Evil (2019, Kolumbien) ist das Spielfilmdebüt von Juan Diego Escobar Alzate aus Manizales – ein Fantasy-Western-Horror-Hybrid, der in den kolumbianischen Bergen spielt. Ein Prediger namens El Señor (Conrado Osorio) führt eine isolierte Sekte und bringt einen falschen Messias-Jungen ins Dorf, während seine drei Töchter (eine davon: Yuri Vargas) langsam an seinen Lehren zweifeln. Gedreht für nur 20.000 US-Dollar in 18 Drehtagen, Kamera von Nicolás Caballero Arenas, Score von Brian Heater, Premiere im Wettbewerb der Sitges 2019.
Mike ist ehrlich: Der Film war nicht ganz seins. Bilder, Schauspieler und Soundtrack hält er für ganz stark – aber bei den Metaphern ist er nicht mitgekommen. Wenn er fast zwei Stunden nur am Rätseln ist, was der Film von ihm will, reicht das nicht. Optisch gibt es interessante Vergleiche: dunkle Settings erinnern ihn an Robert Eggers‘ The Witch, helle Settings an Ari Asters Midsommar, dazu eine Italo-Spaghetti-Western-Note. Beim Q&A im Anschluss machte Escobar Alzate einen unglaublich netten Eindruck und hatte sichtlich Vision dahinter – umso mehr tut es Mike leid, dass der Film bei ihm nicht durchkam.
Donnerstag 22 Uhr: The Deep Ones
The Deep Ones (2020) lief beim HARD:LINE offiziell als „H.P. Lovecraft’s The Deep Ones“ und ist eine lose Adaption von Lovecrafts The Shadow over Innsmouth. Regie und Drehbuch: Chad Ferrin. Ein junges Paar mietet ein Airbnb am Strand und gerät in einen Kult, der einen alten Meeresgott anbetet. Cast: Gina La Piana, Robert Miano, Johann Urb. Budget: 500.000 US-Dollar.
Mike liebt Lovecraft-Verfilmungen – Stuart Gordons Re-Animator, From Beyond, die Necronomicon-Anthologie – aber The Deep Ones kann da nicht mithalten. Trashig angekündigt, trashig umgesetzt, das ist für Mike grundsätzlich kein Problem, nur muss der Film dann auch was bieten. Stilistisch erinnert ihn das Ganze an Brian Yuznas Society: gemächlicher Aufbau, Hauptfigur in suspekter Umgebung, der Zuschauer ahnt das Unheil. Nur zieht es sich bei The Deep Ones zu lange zwischen Dialog und Action. Die handgemachten Effekte gefallen, am Schluss eskaliert es nochmal – aber das rettet den Film nicht. Echtes Highlight ist trotzdem der Score: Richard Band, der auch für Stuart Gordons Lovecraft-Verfilmungen und zahlreiche Full-Moon-Titel komponierte. Damit schließt sich immerhin der Lovecraft-Kreis – wenn auch leider mit Schönheitsfehlern.
Freitag 13 Uhr: Kuman Thong (verpasst)
Den vietnamesischen Auftaktfilm Kuman Thong um 13 Uhr hat Mike aufgrund von Parkplatzproblemen in Regensburg und Pendlerverkehr leider nicht gesehen. Eingestiegen ist er erst beim Kurzfilmblock danach.
Kurzfilmblock-Highlights: La Última Navidad del Universo & Live Forever
Aus dem Kurzfilmblock zwei Filme, die Mike unbedingt erwähnen möchte. Erstens: La Última Navidad del Universo – „Das letzte Weihnachten im Universum“. Vom selben Regisseur wie der spanische Splatter-Kult-Kurzfilm A Fist of Jesus. Endzeit-Setting, in dem der Nikolaus die letzten Bösen bestraft und dem letzten braven Menschen Geschenke bringt – eskaliert in 20 Minuten in blutigen Wahnsinn und skurrile Situationen. Mike vergleicht den Vibe mit Brutal Relax oder Batman vom kanadischen Regie-Trio RKSS (Turbo Kid). Hat zu Recht den HARD:LINE-Audience-Award für Kurzfilme gewonnen. Falls das Ding mal als DVD aufschlägt, wie es A Fist of Jesus geschafft hat: zugreifen.
Zweitens: Live Forever – ein kurzes Musikvideo, in dem stereotypische Horrorfilm-Szenarien vertont werden. Eine Frau wird im Slasher niedergehackt, ein Mann im Zombiefilm ausgeweidet – und während sie sterben, fangen die Opfer an zu singen. Immer dasselbe Lied, immer mehr Szenarien dazu. Spaßiges, schräges Konzept, das man vielleicht auf YouTube findet.
Freitag 19 Uhr: Schlaf — Mikes Festival-Topfavorit
Mikes absolutes Festival-Highlight 2020. Schlaf (2020, Deutschland) ist das Spielfilmdebüt von Michael Venus, das Drehbuch hat er gemeinsam mit Thomas Friedrich geschrieben. Cast: Sandra Hüller (Marlene), Gro Swantje Kohlhof (Mona, ihre Tochter), August Schmölzer (Hotelier Otto), Marion Kracht (Lore). Marlene plagen seit Jahren Albträume, in denen ein Hotel und drei tote Männer auftauchen. Als sie das Hotel Sonnenhügel im fiktiven Stainbach in einer Anzeige wiedererkennt, reist sie hin – und fällt dort in einen komatösen Stupor. Tochter Mona folgt ihr, deckt ein Familiengeheimnis auf und stößt im Wald auf eine NS-Sprengstofffabrik mit dunkler Vergangenheit. Premiere Berlinale 2020 (Sektion Perspektive Deutsches Kino), Kinostart 29.10.2020, 102 Minuten, FSK 16, Verleih Salzgeber.
Mike geht mit deutschen Genrefilmen üblicherweise vorurteilsbeladen rein – und liegt hier komplett daneben. Schlaf ist extrem düster, hat ausgearbeitete Charaktere, brillante Schauspieler und ein Mutter-Tochter-Paar, das sich an einem Wolf über die ganze Laufzeit aufreißt. Das fast leerstehende Hotel-Setting fesselt von Anfang bis Ende. Für Mike um Längen stärker als der letztjährige deutsche HARD:LINE-Beitrag Der letzte Mieter (Gregor Erler, 2018, beim 7. HARD:LINE 2019 als „Highlight Deutsches Kino“). Klare Empfehlung: Wer auf Mystery-Thriller steht, sollte Schlaf trotz seiner deutschen Herkunft eine Chance geben.
Freitag 22 Uhr: For the Sake of Vicious
For the Sake of Vicious (2020, Kanada) von Gabriel Carrer & Reese Eveneshen ist eine 80-minütige Halloween-Home-Invasion mit minimaler Plot-Zutat und maximaler Faustdichte. Krankenschwester Romina (Lora Burke) kommt nach Spätschicht heim und findet einen verprügelten Geisel-Vermieter Alan (Colin Paradine) sowie einen Vater (Chris, Nick Smyth) vor, der Rache nimmt für seine vergewaltigte Tochter. Bevor das ausverhandelt ist, stürmt Welle um Welle maskierter Eindringlinge das Haus. Gedreht in zwei Wochen in einem zum Abriss freigegebenen Haus, Premiere beim Fantasia 2020.
Für Mike ein starkes Highlight. Keine Martial-Arts-Choreographie, sondern wüstes Hauen mit allem, was der Haushalt hergibt: Toilettendeckel, Messer, Glasscherben, Hämmer durch Motorradhelme in Augen. Die Physis der Schauspieler und die Brutalität der Prügeleien sind hervorragend umgesetzt. Mike musste an Riki-Oh: The Story of Ricky denken – wie viel kann ein menschlicher Körper aushalten? – und an S. Craig Zahlers Brawl in Cell Block 99. Einziger Schönheitsfehler: Die Schurken greifen klassisch im Etappenmodell an, statt alle gleichzeitig auf Romina & Co loszugehen. Aber: Lebenssache. Pflicht für Fans blutiger Schlägereien. Mike ist gespannt, ob das Teil bei einer deutschen Veröffentlichung eine Freigabe kriegt oder direkt auf den BPjM-Index wandert. Carrer ist alter HARD:LINE-Bekannter – er war schon mit Death on Scenic Drive (2017) zu Gast und ist laut Mike ein totaler Sympath.
Samstag: Come True (Surprise-Film)
Über den Surprise-Film soll man traditionell nicht zu viel verraten – nur so viel: Come True (2020, Kanada) von Anthony Scott Burns geht in die Richtung Jacob’s Ladder, hat einen ultra-coolen Synthwave-Soundtrack (Burns selbst unter dem Alias Pilotpriest, plus Electric Youth), klinisch-düstere Bilder und eine ganz starke Hauptdarstellerin (Julia Sarah Stone als 18-jährige Sarah, die an einer Schlafstudie teilnimmt). Dass es ein kanadischer Film mit ca. 105 Minuten Lauflänge wurde, hatte einige im Saal auf Possessor tippen lassen – den damals neuen Film von Brandon Cronenberg, dem Sohn von David. Stattdessen also Come True. Aber: keine Alternative im negativen Sinn, sondern eine ganz starke Nummer, die Mike voll empfehlen kann. Mit so einem Film hat man einfach nicht gerechnet.
Samstag 22 Uhr: PG: Psycho Goreman (Closing)
Der Festival-Abschlussfilm. PG: Psycho Goreman (2020, Kanada) von Steven Kostanski ist Power Rangers goes Gore: Geschwister Mimi und Luke graben einen prähistorischen Alien-Overlord aus, kontrollieren ihn per Edelstein und schicken ihn auf bizarre Missionen. Cast: Nita-Josée Hanna, Owen Myre, Matthew Ninaber als P.G.-Körper, Steven Vlahos als P.G.-Stimme. Score: Blitz//Berlin. Praktische Gummi-Anzug-Effekte mit 15 Kostanski-Monstern, Matte Paintings, Stop-Motion-Animationen.
Kostanski war Teil des kanadischen Astron-6-Kollektivs (Adam Brooks, Jeremy Gillespie, Matt Kennedy, Conor Sweeney, Kostanski), das 2011 den Troma-Film Father’s Day herausgehauen hat. Mike feiert Kostanskis The Void (2016, Co-Regie mit Jeremy Gillespie) als brutales Highlight – Lovecraft-Cenobites mit Old-School-Effekten. Psycho Goreman ist ähnlich handgemacht inszeniert, aber leidet im Gegensatz zu The Void an einem deutlichen Mittelteil-Leerlauf. Anfang stark, Ende stark, dazwischen zu viel Dialog und der Fokus auf die Kinderfigur Mimi, die teilweise so unsympathisch herüberkommt, dass Mike sich ein Gscheidhaferl wünscht. Eine coole Gesangseinlage und eine Trainingsmontage retten Mittelteilzonen, aber für mehr als ein „Gut“ reicht es nicht. Trotzdem klare Empfehlung für Troma-Fans, Splatter-Liebhaber und alle, die Power-Rangers-Ästhetik mit Köpfen-an-Wirbelsäulen-Reißen kombinieren wollen.
Festival-Fazit: 8. HARD:LINE 2020 in der Hybrid-Edition
Vom 23. bis 27. September 2020 lief das 8. HARD:LINE Festival – Hybrid-Edition mit 50 Plätzen vor Ort im Ostentor Kino plus Online-Tickets (ca. 100). Mike hat im Saal selten mehr als 50 Leute gezählt – schade, aber den Umständen geschuldet. Im Vergleich zum letzten Jahr sieht Mike eine klare Steigerung der Filmqualität. Die Organisation: Weltklasse. Reibungslos, hygienetechnisch erwachsen, jeder hat seinen Mund-Nasen-Schutz aufbehalten. Ein super geiles, langes Wochenende mit alten und neuen Freunden.
Mikes Festival-Topfavorit 2020: Schlaf. Den HARD:LINE-Publikumspreis (Golden Razor Blade) hat hingegen Dinner in America gewonnen – siehe Recap Teil 1 (Folge 28).
Wermutstropfen: HARD:LINE 2021 fällt pandemiebedingt aus und wird auf April 2022 verschoben. Mike grüßt Festivalleiter Florian „Flo“ Scheuerer mit einem augenzwinkernden „Liefert ab“ – enttäuscht hat das HARD:LINE-Team noch nie.
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Mehr aus dem VLM-Universum
Wenn euch dieser Festival-Recap gefallen hat, schaut auch in folgende Folgen rein: Folge 28 – HARD:LINE 2020 Recap Teil 1 (mit Kane & Mike: Unearth, Al morir la matinée, Koko-di Koko-da, The Oak Room, Dinner in America, Sator), Folge 22 – HARD:LINE 2020 Vorbericht, Folge 27 – Mandy 2018 (als HARD:LINE-2018-Closing besprochen), und unsere komplette Übersicht zum Horror-Podcast.
FAQ
Was war Mikes Festival-Topfavorit 2020?
Klar und eindeutig: Schlaf (2020) von Michael Venus. Düsterer Mystery-Thriller mit Sandra Hüller und Gro Swantje Kohlhof als Mutter-Tochter-Paar, NS-Sprengstofffabrik im Wald, Berlinale-Premiere. Für Mike um Längen stärker als der letztjährige deutsche HARD:LINE-Beitrag Der letzte Mieter.
Wer hat eigentlich den Score zu The Deep Ones komponiert?
Richard Band, der auch für mehrere Stuart-Gordon-Lovecraft-Verfilmungen sowie zahlreiche Full-Moon-Features-Titel die Musik gemacht hat. Damit schließt sich beim Lovecraft-Bezug zumindest der Kreis – auch wenn die Verfilmung selbst Mike nicht überzeugen konnte.
Welcher Film hat den HARD:LINE-Publikumspreis 2020 gewonnen?
Den Golden Razor Blade als bester Langfilm hat Dinner in America abgeräumt – wurde aber bereits im Recap Teil 1 (Folge 28) mit Kane besprochen. Den Audience Award der Kurzfilme hat La Última Navidad del Universo gewonnen.
War Gabriel Carrer schon mal beim HARD:LINE?
Ja, Mike erwähnt seinen früheren Festival-Auftritt mit Death on Scenic Drive (2017). Carrer hat auch davor mit The Demolisher (2015) auf vielen Genre-Festivals weltweit gepunktet, darunter Fantasia (Silver Audience Award), Sitges und HARD:LINE.
Wer steckt hinter Astron-6 und The Void?
Astron-6 ist ein kanadisches Filmemacher-Kollektiv, gegründet 2007 von Adam Brooks und Jeremy Gillespie, später erweitert um Matt Kennedy, Conor Sweeney und Steven Kostanski. Erster gemeinsamer Spielfilm: Father’s Day (2011, Troma). The Void (2016) hat Kostanski mit Jeremy Gillespie co-inszeniert – Lovecraft-Cenobites mit handgemachten Old-School-Effekten, von Mike als Highlight gefeiert.
Wann kommt das nächste HARD:LINE Festival?
HARD:LINE 2021 fällt pandemiebedingt aus. Das Festival wird auf April 2022 verschoben – das wäre dann die 9. Edition. Festivalleiter Florian „Flo“ Scheuerer hat traditionell noch nie enttäuscht.

