Night Train to Terror – Trash-Anthology mit Gott, Satan und Dackel-Fliege

Mike – VLM Co-Founder und Horror-ExperteMike
Korbi – Co-Founder und Host von Viva la MovieluciónKorbi

Mike und Korbi (Kane fehlt diesmal) steigen ein in den vielleicht skurrilsten 80er-Trash-Anthology-Horror überhaupt: Night Train to Terror aus 1985. Drei Kurzgeschichten, eine durchgefahrene Rockband, Gott und Satan, die im Nachtzug nach Las Vegas über die Seelen dreier Sterblicher streiten – und ein einzelnes Lied, das immer und immer wieder gespielt wird. Mike kennt den Film seit seiner Kindheit als Guilty Pleasure (Stichwort: Troma- und Troll-2-Kategorie), Korbi sieht ihn zum ersten Mal und ist zwiegespalten zwischen Faszination und Wut auf besagte Band.

Was ist Night Train to Terror?

Night Train to Terror ist ein US-Anthology-Horror aus 1985, geschrieben von Philip Yordan und unter Hauptregie von Jay Schlossberg-Cohen. Der Film hat insgesamt fünf Regisseure – und das aus gutem Grund: Die drei inneren Segmente sind keine Originalproduktionen, sondern Resteverwertung aus drei separat gedrehten Filmen, die entweder nie veröffentlicht oder gar nicht fertiggestellt wurden. Schlossberg-Cohen hat 1985 die Reste zu jeweils ~20-Minuten-Stücken eingedampft und mit einer neu gedrehten Rahmenhandlung verbunden – Gott und Satan im Nachtzug, eine Rockband im Nebenabteil, Endstation Las Vegas (oder eben Hell).

Mike kennt den Film seit Kindheitstagen aus der CMV-Trash-Collection (Nummer 60) – damals zwei Filme auf einer VHS, vorne harmlos, hinten Night Train to Terror. Kein Wunder, dass das Teil viele Boomer-Bayern wie Mike geprägt hat: 80er-Splatter, Stop-Motion-Effekte, Topless-Szenen, Herz-OPs und ein verflucht eingängiger Ohrwurm namens „Dance with Me“ – der noch dazu der einzige Song der ominösen Band ist und mehrfach durch den Film scheppert.

Die drei Anthology-Segmente

Drei Kurzgeschichten, drei sehr unterschiedliche Qualitätsstufen. Wikipedia und IMDb haben hier dankenswerterweise klare Quellangaben – und es lohnt sich, vor dem Einschalten zu wissen, was woher kommt:

Segment 1: The Case of Harry Billings (aus „Scream Your Head Off“, 1981, unvollendet)

Mikes „erstes Segment“ mit dem Organhandel. Harry Billings (gespielt von John Phillip Law) wird in eine Nervenheilanstalt gebracht, wo er hypnotisiert und zum unfreiwilligen Lockvogel für ein Organ-Schmuggel-Geschäft wird. Topless-Opfer, Kettensägen-Operationen, eine sadistische Krankenschwester, ein lobotomierter Anstalts-Direktor – und mittendrin Richard Moll (Bull aus Night Court) in einer Doppelrolle. Regie: John Carr. Quelle: das nie fertiggestellte Projekt Scream Your Head Off aus 1981. Genau das ist auch der Grund, warum dieses Segment im Anthology-Schnitt nur etwa 20 Minuten lang ist – es gab schlicht nicht mehr Material. Korbi musste hier ein, zwei Mal zurückspulen, weil die Erzählung manchmal sprunghaft wirkt; das ist kein Wunder bei einem unvollendeten Source-Film.

Segment 2: The Case of Gretta Connors (aus „Death Wish Club“, 1983)

Korbis Favorit. Eine junge Pianistin gerät in einen Death-Cult, dessen Mitglieder mit lebensgefährlichen „Spielen“ um ihr Leben würfeln – russisches Roulette, eine selbstgebastelte Mordmaschine und Ähnliches. Es geht reihenweise einer drauf. Regie: ebenfalls John Carr. Quelle: der 1983er-Film Death Wish Club (alternative Arbeitstitel: The Dark Side of Love, Carnival of Fools, Gretta). Im Gegensatz zu Segment 1 existiert dieser Film tatsächlich als eigenständiges Werk – die Vinegar-Syndrome-Blu-ray von Night Train to Terror enthält sogar die ungekürzte Fassung als Bonus. Korbi sieht hier den klarsten roten Faden, lustige Dialoge plus echte Horror-Elemente – und meint, aus dem Stoff hätte man auch einen ordentlichen Spielfilm machen können (was technisch ja der Fall war).

Segment 3: The Case of Claire Hansen (aus „Cataclysm“, 1980)

Der Mystik-Brocken. Claire Hansen jagt einen Nazi-Satanisten und nahezu unsterblichen Antichristen durch eine schwer mit Stop-Motion-Effekten zugepflasterte Endzeit-Geschichte. Hier gibt es die berüchtigte „Dackel-Fliege“ – eine knetig animierte Riesen-Insekte, die Korbi in der Ohrmuschel eines Charakters versucht und letztlich draußen ein knutschendes Pärchen explodieren lässt. Plus eine OP-Szene, deren Echtheit Mike kurz anzweifelt. Regie: Phillip Marshak, Tom McGowan und Gregg G. Tallas. Quelle: der 1980 entstandene, nie regulär veröffentlichte Film Cataclysm (alternative Titel: The Nightmare Never Ends, Satan’s Supper). Genau hier sind die Stop-Motion-Sequenzen – und Mike findet: hätten sie den Schnitt zwischen Real- und Trick-Aufnahmen sauberer gelöst, wäre das Ergebnis viel besser geworden. So wie es ist, erinnert es ihn an die Knetfiguren-Serie Pingu, „die einer getötet hat“.

Die Rahmenhandlung – Gott, Satan und die unsterbliche Band

Der einzige Teil von Night Train to Terror, der tatsächlich für den Film gedreht wurde: Gott (gespielt von Ferdy Mayne, in den End-Credits als „Himself“ geführt) und Satan (Tony Giorgio, in den Credits als „Lu Sifer“) sitzen im Abteil, schauen sich die drei Geschichten an und feilschen um die Seelen der Beteiligten – während im Nebenabteil eine 80er-Rockband samt Backup-Tänzerinnen ein einziges Lied namens „Dance with Me“ auf Endlosschleife performt. Sänger: Byron Yordan – tatsächlich der Sohn des Drehbuchautors Philip Yordan. Mike’s eindringliche Diagnose: „Lückenfüller“. Korbi formuliert es etwas härter und bezeichnet die Band als das, was den Film „in den Dreck zieht“ – wäre der Song nur am Vorspann gelaufen, hätte sich niemand beschwert; die ständige Wiederholung samt überzogener Lipsync-Choreografie ist das, was bei ihm am meisten Veto auslöst.

Spoilerwarnung für dieses 40 Jahre alte Filmchen: Der Zug erreicht Las Vegas nie – das letzte Bild ist eine offensichtliche Modelleisenbahn, die aus den Schienen springt, gefolgt von Stock-Footage einer Explosion. Auch das eine charmante 80er-Trash-Sünde.

Das Verdikt von Mike und Korbi

Mikes Pro: Guilty Pleasure mit Troma- und Troll-2-Vibes

Für Mike ist Night Train to Terror in der gleichen Kategorie wie Troll 2 (1990) – ein Film, der mit ehrlicher Begeisterung zu den schlechtesten der Filmgeschichte gerechnet wird, aber gerade deshalb unfassbar unterhaltsam ist. Mike hat den Film als Kind erwischt – auf einer VHS-Kassette bei Cousin und Tante, vorne Schiss mit Dope oder In einem Land vor unserer Zeit, hinten Night Train to Terror, und natürlich war es Pflicht, genau das verbotene Filmchen anzuschauen. Genau so kam Mike auch zu Mad Max 2: Der Vollstrecker (1981) – das Kind der 80er-Tante-VHS-Kultur. Mike fasst zusammen: 80 Minuten ohne Leerlauf, viele Szenenwechsel, oft auch fünf Minuten ohne Dialog – und genau das macht den Charme aus.

Korbis Contra: Diese durchgeknallte Band

Korbi sieht das nüchterner. Sein Vergleich für „schlechtester Film aller Zeiten“ wäre Plan 9 from Outer Space (1959) von Ed Wood – den hat er gesehen und einsortiert, und das ist eine andere Liga (vor allem wegen der willkürlich eingeschnittenen Bela-Lugosi-Reste). Night Train to Terror gefällt ihm in den Splatter- und Maskeneffekten, in den unterschiedlichen Genre-Ebenen der drei Geschichten, am besten in Death Wish Club. Was ihn aber massiv stört: die Band, die wie ein Musikvideo dazwischengeschnitten wird, statt als reine Hintergrund-Stimmung zu dienen. Sein Kommentar: „Was ist mit dem Korbi los, warum regt der das mit der Band so auf?“ Aber: Korbi findet trotzdem faszinierend, dass dieser Film 2020 auf Amazon Prime auf Deutsch verfügbar ist – das ist für so eine 80er-Trash-Perle eher ungewöhnlich, weil viele Filme dieser Art nicht mal eine deutsche Synchro haben.

Stop-Motion-Effekte und Splatter

Mike ist von den praktischen Effekten durchaus angetan – die Splatter- und Maskenarbeit (vor allem im Organhandel-Segment) ist für ein 80er-Mini-Budget bemerkenswert solide. Bei der Herz-OP wirkt die Frage berechtigt, ob hier Footage aus einer echten OP eingeschnitten wurde – die Bildqualität deutet zumindest darauf hin. Was beide aber nicht überzeugt: die Stop-Motion-Sequenzen im dritten Segment. Im Vergleich zu zeitgleichen Stop-Motion-Klassikern (Phil Tippett, Ray Harryhausen) wirken die Knetfiguren – inklusive der Dackel-Fliege – wie ein Pingu-Episoden-Reject. Mikes Einschätzung: Allein mit etwas mehr Mühe beim Compositing zwischen Stop-Motion und Realfilm wäre das Ganze deutlich runder geworden.

Trivia & Hintergrund

In Deutschland 25 Jahre indiziert

Night Train to Terror wurde 1987 von der damaligen BPjS (heute BzKJ) indiziert und stand 25 Jahre lang auf der Liste jugendgefährdender Medien. Im Mai 2012 wurde der Film nach Ablauf der gesetzlichen 25-Jahre-Frist (§ 18 Abs. 7 JuSchG) ohne Folgeindizierung von der Liste gestrichen. 2018 brachte das Label XCess drei limitierte Uncut-Mediabooks auf Blu-ray + DVD heraus (je 333 Exemplare). Heute ist der Film auch auf Streaming-Plattformen wie Amazon Prime in deutscher Synchro verfügbar – also relativ leicht zugänglich für alle, die mal in den Trash-Strudel eintauchen wollen.

Gregg G. Tallas‘ letzter Film

Mike erinnert sich vage daran, dass Gregg G. Tallas (im Vorspann als „Greg Tallas“) mit Night Train to Terror sein Filmschaffen beendet hat – und das stimmt tatsächlich. Tallas, geboren 1909 in Athen, einst Schüler an Stanislawskis Moskauer Kunsttheater und Cutter bei Fritz Langs Das Testament des Dr. Mabuse (1933), drehte Night Train to Terror als seinen letzten Kinofilm. Genauer: Er war Co-Regisseur des „Claire Hansen“-Segments, das aus seinem eigenen 1980er-Film Cataclysm stammt. Tallas verstarb 1993 in Athen. Eine ungewöhnliche Schluss-Note für einen Regisseur, der seine Karriere mit Fritz Lang begann.

Filme, die im Talk auftauchen

  • Plan 9 from Outer Space (1959) – Korbi nennt ihn als Referenzpunkt für „schlechtester Film aller Zeiten“. Regisseur: Ed Wood, der von Tim Burton 1994 in Ed Wood mit Johnny Depp biografisch verfilmt wurde.
  • Troll 2 (1990) – Mikes Guilty-Pleasure-Vergleich. Gilt als legendäre „so bad it’s good“-Anthropologie-Studie und hat sogar eine eigene Doku (Best Worst Movie, 2009).
  • Trollhunter (2010) – Korbis Lieblingsfilm, schaut er gefühlt einmal pro Quartal. Bonus: Mike bekommt als Hausaufgabe Troll 2, Korbi muss endlich Trollhunter zu Ende schauen (er hat ihn bisher nur halb gesehen!).
  • Mad Max 2: Der Vollstrecker (1981) – Mike’s Korrektur an Korbi: Mad Max 3 ist Donnerkuppel, Mad Max 2 ist Der Vollstrecker. „Zwei gehen rein, einer kommt raus“ – kommt aus Donnerkuppel.
  • Hostel (2005) – Mikes Schmerzgrenze bei realistischen OP-Folter-Szenen. Mike hält Hostel-Folter erstaunlicherweise besser aus als die schon-fast-langweilige Herz-OP in Night Train to Terror.

Die VLM Drei T’s: Triple Threats

Wie immer am Folgenende der VLM-Lackmustest:

  • Sterben Tiere? Wahrscheinlich nein – außer eventuell der Dackel-Fliege im dritten Segment, die nach ihrem Stich vermutlich draufgeht. Mike und Korbi sind sich nicht ganz sicher, weil sie den Film schon ein paar Tage vor der Aufnahme gesehen hatten. Verdikt: leicht offen, aber sehr wahrscheinlich keine echten Tiere.
  • Titten? Oh ja. Oh ja. Topless-Szenen sind verteilt über alle drei Segmente, bei der Indizierung 1987 war das einer der zentralen Aufreger.
  • Trompeten? Nein. Stattdessen viel Saxophon und Drum-Machine-Pop in der Endlosschleife der Bandsequenzen.

Korbi und Mike vereinbaren am Ende eine kleine Hausaufgabe: Mike schaut sich endlich Trollhunter an, Korbi muss Troll 2 erleben. Wer von beiden danach mehr berührt zurückkommt – das wird sich zeigen. Servus aus Bayern, hat die Ehre!

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FAQ zur Folge

Wer hat Night Train to Terror gemacht?

Drehbuch: Philip Yordan. Hauptregie: Jay Schlossberg-Cohen. Insgesamt fünf Regisseure (Schlossberg-Cohen für die Rahmenhandlung, John Carr für die ersten beiden Segmente, Phillip Marshak, Tom McGowan und Gregg G. Tallas für das dritte). Erschienen 1985 von Visto International.

Aus welchen Filmen besteht Night Train to Terror?

Aus drei separat gedrehten Filmen, die zur Anthology zusammengeschnitten wurden: Scream Your Head Off (1981, unvollendet) → Segment „The Case of Harry Billings“. Death Wish Club (1983) → Segment „The Case of Gretta Connors“. Cataclysm (1980, alternativ The Nightmare Never Ends) → Segment „The Case of Claire Hansen“. Nur die Rahmenhandlung mit Gott, Satan und der Rockband wurde extra für Night Train to Terror gedreht.

War Night Train to Terror in Deutschland indiziert?

Ja, von 1987 bis Mai 2012. Die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien (BPjS, später BPjM) hat den Film nach 25 Jahren ohne Folgeindizierung von der Liste gestrichen. 2018 brachte XCess die ungekürzte Fassung in drei limitierten Mediabook-Editionen auf Blu-ray heraus.

Wer spielt Gott und Satan?

Gott wird von Ferdy Mayne gespielt (in den End-Credits als „Himself“ geführt). Satan ist Tony Giorgio (in den Credits als „Lu Sifer“). Der Rocksänger der Band heißt im Film Byron Yordan – tatsächlich der Sohn des Drehbuchautors Philip Yordan.

Wie heißt der Song der Rockband?

„Dance with Me“ – und ja, es ist der einzige Song, den die Band den ganzen Film über performt. Speziell für Night Train to Terror komponiert, daher nicht auf Spotify oder anderen Streaming-Plattformen zu finden. Mehrfach im Film zum Lückenfüllen wiederverwendet.

War Night Train to Terror wirklich Tallas‘ letzter Film?

Ja. Gregg G. Tallas (1909–1993), der einst als Cutter bei Fritz Lang arbeitete und Stanislawski-Schüler in Moskau war, drehte Night Train to Terror als seinen letzten Kinofilm – allerdings nur als Co-Regisseur des dritten Segments, das aus seinem eigenen 1980er-Film Cataclysm stammt.

Wo kann ich Night Train to Terror schauen?

Auf Amazon Prime mit deutscher Synchronisation, plus auf physischen Medien (XCess Mediabook 2018, Vinegar Syndrome Blu-ray 2014 mit Death-Wish-Club-Bonus). Die VHS-Indizierung von 1987 ist seit Mai 2012 aufgehoben.

Wie ist die Drei-T-Bilanz dieser Folge?

Sterben Tiere: vermutlich nein, außer der Stop-Motion-Dackelfliege. Titten: ja, in allen drei Segmenten. Trompeten: nein.

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