Korbi und Mike nehmen sich einen komplizierten Film vor und holen sich dafür einen Gast, der tief im Stoff steckt: Stefan Jung von Deep Red Radio, Filmwissenschaftler und Autor des 68 Seiten starken Booklets zur Turbine-Mediabook-Veröffentlichung. Besprochen wird Possessor (2020), der zweite Langfilm von Brandon Cronenberg, dem Sohn von Body-Horror-Übervater David Cronenberg.
Worum geht es in Possessor?
Tasya Vos, gespielt von Andrea Riseborough, ist eine Auftragskillerin einer Firma, die mittels einer Technologie fremde Körper übernimmt. Per Implantat klinkt sich Tasya in das Bewusstsein einer Wirtsperson ein und steuert deren Körper, um auftragsgemäß zu morden. Diesmal soll sie im Körper von Colin, gespielt von Christopher Abbott, einen Mord verüben. Womit sie nicht rechnet: Colin wehrt sich in seinem eigenen Geist, und es entbrennt ein Kampf um die Vorherrschaft im Kopf, der zugleich physisch und psychisch ausgetragen wird. Im Hintergrund agieren die Firmenchefin Girder, gespielt von Jennifer Jason Leigh, und Firmenmann John Parse, gespielt von Sean Bean.
Drei Mal schauen, drei Mal mehr Film
Ein roter Faden des Gesprächs: Possessor öffnet sich erst über mehrere Sichtungen. Beim ersten Mal überrollt er, schockiert und hinterlässt einen düster nachdenklich. Beim zweiten Mal treten die vielen Details hervor, die man sich beim ersten Durchgang nur grob zusammenreimt, und ergeben langsam ein Gesamtbild. Stefan, der den Film inzwischen mehrfach gesehen hat, zuletzt im Kino, betont: Auch der dritte Durchgang gibt noch etwas her. Wer mit dem Film nichts anfangen kann, beschreibt ihn oft als kühlen Drogentrip. Wer sich darauf einlässt, bekommt einen Film, der zum Wiederentdecken einlädt.
Figuren, die Figuren spielen
Possessor erfasst seine Charaktere bewusst nur als Momentaufnahme. Man erfährt wenig Hintergrund, ist aber trotzdem voll im Szenario drin. Stefans Lesart aus dem Booklet: Der Film zeigt Figurenhüllen, die in andere Figurenhüllen schlüpfen. Schon die Anfangsszene, in der Tasya einstudiert, wie sie ihre eigene Familie an der Tür begrüßt, macht das Thema auf. Ihr Hauptjob ist das Sich-Verstellen, das Nachmachen anderer. Wer das langweilig oder charakterlos findet, übersieht nach Meinung der Runde, was der Film daraus macht. Die Firma Soothru und ihre wirtschaftspolitischen Motive bleiben bewusst im Dunkeln, es geht um die Figuren selbst.
Korbi zieht über weite Strecken eine Parallele zu Black Mirror: Possessor könnte als finale Folge der Serie durchgehen, vom Reinwerfen ins Szenario bis zur Technik-im-Zentrum-Thematik. Mike geht da mit.
Praktische Effekte: Korbis und Mikes Highlight
Der größte gemeinsame Nenner: die Effekte. Possessor verzichtet fast vollständig auf CGI, angeblich sind nur ein bis zwei digitale Effekte im ganzen Film. Der Rest ist praktisch umgesetzt. Die Szene, in der Tasya in Colins Körper eingespeist wird, mit schmelzenden Gesichtern, ist nach Mikes Worten unfassbar gut gemacht. Stefan ergänzt das Hintergrundwissen: Die schmelzenden Gesichter wurden mit Wachs realisiert, das Gesicht dafür auf den Kopf gedreht und abgeschmolzen, im Film läuft die Aufnahme dann um 180 Grad gedreht. Das Blu-ray-Feature dazu heißt passend The Joy of Practical. Kameramann ist Karim Hussain, selbst Regisseur von Subconscious Cruelty und Kameramann unter anderem von Hobo with a Shotgun, was die kräftigen Farbkontraste erklärt.
Eine Ästhetik aus vielen Schichten
Possessor mischt Stile: klassische Autos aus den 60ern und 70ern, ein Firmenchef-Anwesen wie ein römischer Tempel, daneben Retro-Science-Fiction-Geräte, die eher an eXistenZ als an aktuelle Technik erinnern. Stefan vergleicht das Prinzip mit dem geschichteten Look von Ridley Scotts Blade Runner: unterschiedliche Alters- und Stilschichten direkt nebeneinander. Diese bewusste Mischung aus altmodisch wirkenden Geräten und dahinterstehender Hochtechnologie prägt den ganzen Film.
Farben als Erzählebene
Ein eigenes Kapitel im Booklet, und ein Gesprächs-Schwerpunkt: das Spiel mit den Primärfarben. Stefans Muster aus mehrfacher Sichtung: Rot als Aggressorfarbe taucht auf, wenn Gefahr droht, etwa wenn Tasya in Colin eintaucht und die Bedrohung spürbar wird. Blau steht für das Unterbewusste und die Träume, vor allem in den fotografischen Überlagerungen. Diese blau getünchten Gedankenwelten hat Cronenberg bereits in seinem Kurzfilm Please Speak Continuously and Describe Your Experiences as They Come to You erprobt, der acht Monate vor Possessor lief und denselben Ansatz nutzt.
Christopher Abbott spielt Tasya, die Colin spielt
Für Stefan das eigentlich Bemerkenswerteste, das gern untergeht: das Schauspiel von Christopher Abbott. Sobald Tasya in Colins Körper erwacht, spielt Abbott eigentlich zwei Figuren zugleich, nämlich Tasya, die sich in einem fremden, männlichen Körper neu zurechtfinden muss. Eine mehrdeutige Schauspielleistung, die neben den auffälligeren Effekten und der Ästhetik leicht in den Hintergrund rückt, den Film aber wesentlich trägt.
Warum die Gewalt so explizit ist
Eine Frage, die das Gespräch umkreist: Warum sind die Morde so drastisch, warum greift Tasya zu Messer und spitzen Gegenständen statt zur Schusswaffe? Die Lesart der Runde: Die Inbesitznahme aktiviert offenbar dunkle, innere Triebe, die sich über die grafische Explizitheit entladen. Die Gewalt ist damit nicht Selbstzweck, sondern funktional, sie zeigt, wie gestört und wie stark fremdgesteuert die Figuren sind, und löst beim Zuschauer den Schock aus, der zum Nachdenken zwingt.
Das Ende: Auflösung im Burnout
Achtung, ab hier wird das Ende besprochen. Die bittere Pointe: Girder hat Tasya gezielt in einen Auftrag manövriert, bei dem Tasya über die Wirtsfigur ihren eigenen Sohn tötet und damit ihren letzten familiären Haltepunkt verliert. Im zweiten Briefing am Schluss antwortet Tasya nur noch nach Protokoll, ohne jede Regung, während sie beim ersten Briefing noch leise Reue gespürt hatte. Girders knappes „very good“ besiegelt es: Die Maschine ist perfekt. Stefans Deutung, ganz ohne Kalauer ernst genommen: Possessor ist der Film darüber, wie schmerzhaft es ist, wenn jemand nur noch arbeitet und sich in der Arbeit komplett auflöst. Tasya übersteht ihren Burnout nicht, sie löst sich darin auf und wird zur ultimativen, emotionslosen Mitarbeiterin.
Die deutsche Fassung: was geschnitten wurde
Stefan, der auch den Schnittbericht verfasst hat, ordnet die Fassungslage ein. Turbine hat es geschafft, die Unrated-Fassung als Mediabook ungeschnitten durch die FSK-18-Prüfung zu bekommen. Die deutsche Kinofassung dagegen basierte auf dem US-amerikanischen R-Rated-Cut, weil das Kinolabel diese Fassung zur Prüfung einreichte. Betroffen sind rund 61 Sekunden: Zensurschnitte beim ersten Kill, eine erzählerisch wichtige Schwenkaufnahme zu Colins und Avas hybrider Körperlichkeit, die explizite Augen-Szene an John Parse sowie die alternative Einstellung beim Kind-Finale. Stefans nachvollziehbarer Kritikpunkt: Hätte das Kinolabel die Unrated-Fassung eingereicht, wäre womöglich auch im Kino eine ungeschnittene FSK-18-Fassung möglich gewesen.
Soundtrack und Black-Mirror-Gefühl
Auch der Score von Jim Williams wird gelobt: ein atmosphärischer Ambient-Score, nie penetrant im Vordergrund, aber den Film stark tragend. Genau die richtige Wahl für diesen Stoff, ein klassisches Orchester wäre hier fehl am Platz.
Triple Threat: Titten, Trompeten, Tote Tiere
Bei Possessor ist die VLM-Dreifaltigkeit erstaunlich vollständig vertreten. Ob der Film damit das komplette Triple Threat einsammelt, klärt sich beim Hören der Folge.
Fazit der Runde
Mike: Beeindruckt davon, wie audiovisuell stilsicher der Film für ein Zweitlingswerk ist. Sein einziger Kritikpunkt: Possessor hätte gern noch länger dauern dürfen.
Korbi: Klares Top sind die praktischen Effekte, ein Film mit Ehrenplatz in der Sammlung. Sein Kritikpunkt: Er hätte gern mehr über die Arbeit der Firma erfahren.
Stefan: Lobt, wie der Film die Freude am Praktischen wieder aufleben lässt und durch clevere, durchweg spannende Story zum Wiederentdecken einlädt. Sein Flop ist kein inhaltlicher, sondern dass für die deutsche Kinofassung der R-Rated-Cut eingereicht wurde, statt es mit der Unrated-Fassung zu versuchen.
FAQ zur Folge
Wer hat Possessor gedreht?
Brandon Cronenberg, Sohn von David Cronenberg. Possessor ist sein zweiter Langfilm nach Antiviral.
Worum geht es in Possessor?
Eine Auftragskillerin übernimmt per Technologie die Körper fremder Menschen, um in deren Gestalt zu morden. Bei einem Auftrag wehrt sich die Wirtsperson, und es entbrennt ein Kampf um die Kontrolle über den Körper.
Sind die Effekte in Possessor CGI?
Fast nicht. Der Film setzt nahezu vollständig auf praktische Effekte, angeblich gibt es nur ein bis zwei digitale Effekte im gesamten Film. Die schmelzenden Gesichter wurden mit Wachs realisiert.
Welche Fassung ist ungeschnitten?
Die Unrated-Fassung im Turbine-Mediabook ist ungeschnitten und FSK 18. Die deutsche Kinofassung basierte auf dem US-R-Rated-Cut und ist um rund 61 Sekunden gekürzt.
Muss man Possessor mehrmals sehen?
Empfehlenswert ist es. Beim ersten Mal wirkt der Film wie ein Schock, ab dem zweiten Durchgang erschließen sich Details und Parallelen, die ein Gesamtbild ergeben.
Wer ist Stefan Jung?
Stefan Jung ist Filmwissenschaftler, seit 2017 bei Deep Red Radio und Autor von Booklet-Texten, darunter das 68 Seiten starke Booklet zur Possessor-Mediabook-Veröffentlichung von Turbine.
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