Inhaltswarnung: In dieser Folge geht es um einen extrem brutalen Film. Die Besprechung benennt explizite Gewalt, auch sexualisierte Gewalt. Wer damit nichts anfangen kann, sollte diese Episode überspringen.
Kane und Mike nehmen sich diesmal zu zweit einen echten Härtetest vor: The Sadness (2021) vom kanadischen, in Taiwan arbeitenden Regisseur Rob Jabbaz. Der Anlass für die Folge: Mike hatte einmal gesagt, der Film komme nie im Leben ungeschnitten ins Kino. Er kam ungeschnitten ins Kino. Und damit besprechen die beiden den brutalsten Film, den sie je auf einer Leinwand gesehen haben.
Worum geht es in The Sadness?
Das Paar Jim und Kat wacht in Taipeh in einer Lage auf, die sich seit zwei Jahren vertraut anfühlt: Ein Virus, das Alvin-Virus, grassiert seit Längerem. Im Radio laufen Berichte, in denen Ärzte vor Mutationen warnen, deren Verlauf niemand absehen kann. Und dann passiert genau das: Eine Mutation macht die Infizierten wahnsinnig. Sie verlieren die Fähigkeit, Impulse zu kontrollieren, morden, vergewaltigen und verstümmeln, nehmen dabei aber alles bewusst wahr, was sie tun. Sie können sich nur nicht dagegen wehren. Wer The Sadness mit den Comics Crossed vergleicht, liegt nicht falsch.
Jim erlebt den Ausbruch in einem Café, Kat in der U-Bahn. Von da an verfolgt der Film die beiden getrennt, während sie versuchen, wieder zueinanderzufinden, und dabei auf eine Eskalationsstufe nach der nächsten stoßen.
Keine Zombies: eine wichtige Klarstellung
Ein Reizthema der Folge: The Sadness wird vielerorts als brutalster Zombiefilm aller Zeiten beworben, unter anderem von Capelight selbst und ursprünglich vom britischen Magazin Rue Morgue. Für Kane und Mike ist das schlicht falsch. Zu einem Zombie gehört, dass jemand stirbt und wieder aufsteht, beides passiert hier nicht. Der Virus wirkt aufs Hirn und verändert das Verhalten, die Infizierten sind bei Bewusstsein. Die gleiche Diskussion gab es bei VLM schon zu 28 Days Later und 28 Weeks Later.
Wie hart ist der Film wirklich?
Sehr hart, aber mit einer Einordnung. Mike grenzt ab: Wer schon À l’intérieur, Martyrs oder High Tension gesehen hat, kennt vergleichbar harte Kost. Für den normalen Kinogänger dagegen, der bei The Conjuring oder Insidious zu Hause ist, ist The Sadness ein echter Grenzgang, vor allem weil ein Teil der Gewalt sexuell motiviert ist und das die Sache zusätzlich verschärft.
Aus dem Kino berichten beide von zwei klar getrennten Publikumslagern: die einen gehen grinsend raus und vergleichen es mit Crossed, die anderen können mit dem Film nichts anfangen. Verlassen hat den Saal aber niemand. Kane hat den Film im Cineplex gesehen, in einem trotz Corona-Auslastungsgrenze gut gefüllten Saal, und lobt Capelight ausdrücklich dafür, den Film überhaupt in die Kinos gebracht zu haben.
Der Businessman: das Highlight der Folge
Einig sind sich beide bei ihrem Top: der namenlose Businessman, gespielt von Tzu-Chiang Wang, der Kat aus der U-Bahn heraus verfolgt. Die Figur ziert die Cover von Steel- und Mediabook, und das zu Recht: eine Mimik zwischen widerlich und zutiefst bedrohlich, dazu die asozialsten Sprüche des ganzen Films. Für Kane spielt der Businessman locker in der Liga eines Nightmare on Elm Street-Antagonisten.
Handgemachte Effekte auf Top-Niveau
Technisch liefert The Sadness nahe an der Perfektion. Die Effekte sind weitgehend praktisch, ohne großes CGI, und die Make-up-Abteilung hat Außergewöhnliches abgeliefert. Höhepunkt ist die U-Bahn-Waggon-Szene: ein komplett blutroter Waggon, literweise Kunstblut, ein reines Austoben. Kanes Bild dazu: als hätte man große Kinder mit ein paar Eimern Blut in einen Raum gesetzt und sie machen lassen. Die Infizierten bekommen erweiterte, komplett schwarze Augen, was sie in den Close-ups umso bedrohlicher macht.
Ton, Musik und ein bitterböser Abspann
Auch die Tonebene trägt: Die Geräuschkulisse lässt bei den expliziteren Szenen keine Zweifel offen, die Musik ist streckenweise atonal und kreischend und unterstreicht die morbide Atmosphäre. Der Film ist komplett humorlos, ein grimmiger Bastard, einzige Ausnahme ist eine seltsam parodistisch inszenierte Nachrichten-Ansprache, die als Persiflage auf den Umgang mit Pandemien funktioniert. Besonders gelobt: der Übergang in den Abspann, ein letzter Schlag in die Fresse, untermalt von einem Death-Metal-Track. Mike hat beim Regisseur per Instagram nachgefragt: Die Band ist Crucifixion City mit dem Song This World Is Not Yours.
Asiatisches Kino, das nicht fremd wirkt
Ein Tipp für Skeptiker: The Sadness ist von den Sehgewohnheiten her erstaunlich zugänglich. Wer mit dem typischen Stil oder dem Overacting mancher asiatischer Produktionen fremdelt, findet hier einen Film, der sich eher europäisch anfühlt. Kane sah die deutsche Synchro, Mike die taiwanische Originalfassung mit englischen Untertiteln, beide bescheinigen Capelight einen rundum sauberen Job.
Kritikpunkt: das Tempo im letzten Drittel
Mikes Hauptkritik: The Sadness gibt am Anfang und in der Mitte so dermaßen Gas, dass der Expositionsteil im letzten Drittel, in dem Erklärungen nachgereicht werden, spürbar die Handbremse anzieht. Etwas gleichmäßiger verteilt hätte der Film davon profitiert. Das Finale entschädigt dann zwar wieder, fällt aber genauso bitter und schonungslos aus wie der Rest.
Triple Threat: Titten, Trompeten, Tote Tiere
Bei einem Film dieses Härtegrades fällt die VLM-Dreifaltigkeit überraschend schmal aus. Erstaunlich für einen derart derben Streifen, aber die genaue Bilanz klärt sich beim Hören der Folge.
Fazit der Runde
Für Horror- und Splatterfans mit hoher Toleranz für drastische, auch triebgesteuerte Gewalt ist The Sadness eine klare Empfehlung: handgemachte Effekte auf Top-Niveau, starke Schauspieler, ein irrer Antagonist und clevere Seitenhiebe auf den Umgang mit Pandemien. Für Fans von subtilem Grusel oder Jumpscare-Horror dagegen eine ebenso klare Warnung. Capelight liefert mit Media- und Steelbook ein sauberes Gesamtpaket. Der Tenor beider Hosts: The Sadness muss man gesehen haben, und der Trailer verspricht ausnahmsweise nicht zu viel, sondern hält sich angenehm zurück.
FAQ zur Folge
Ist The Sadness ein Zombiefilm?
Nein. Die Infizierten sterben nicht und stehen nicht wieder auf, sie sind bei Bewusstsein. Der Virus verändert das Verhalten. Die verbreitete Vermarktung als Zombiefilm ist nach Meinung der Runde irreführend.
Wer hat The Sadness gedreht?
Rob Jabbaz, ein kanadischer Regisseur, der in Taiwan arbeitet. The Sadness ist sein Spielfilmdebüt.
Wie brutal ist der Film?
Sehr. Die Gewalt ist explizit und teilweise sexuell motiviert. Vergleichbar mit Härtegraden wie À l’intérieur oder Martyrs. Für Einsteiger in den Horrorfilm ungeeignet.
Welche Fassung läuft in Deutschland?
Der Film kam ungeschnitten ins Kino, herausgebracht von Capelight, und erschien als ungeschnittenes Media- und Steelbook.
Welcher Song läuft im Abspann?
This World Is Not Yours von der Band Crucifixion City. Mike hat das beim Regisseur direkt erfragt.
Eignet sich The Sadness als Einstieg ins asiatische Kino?
Ja, durchaus. Der Film wirkt von den Sehgewohnheiten her eher europäisch und ist damit zugänglicher als viele andere asiatische Produktionen.
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