Mike und Korbi empfangen einen Gast, den VLM-Hörer schon kennen: Florian Scheuerer, Organisator und Kopf des HARD:LINE Filmfestivals in Regensburg. Kane fehlt diesmal, was die Runde mit Augenzwinkern als ganz besonderen Moment feiert. Das März-Woah Lecks 2022 dreht sich zur einen Hälfte um die üblichen Film- und Serientipps, zur anderen Hälfte um das große Main Event: das anstehende HARD:LINE Festival 2022.
Korbis Empfehlung: Once Were Warriors (Die letzte Kriegerin)
Korbi nutzt Kanes Abwesenheit für ernstere Stoffe. Sein erster Tipp: Once Were Warriors (deutscher Titel: Die letzte Kriegerin, 1994) von Regisseur Lee Tamahori, der später unter anderem den James-Bond-Film Stirb an einem anderen Tag und xXx 2: The Next Level inszeniert hat.
Der Film spielt in einer neuseeländischen Großstadt und folgt einer Maori-Familie mit fünf Kindern. Mutter Beth hält die Familie zusammen, während Vater Jake seine Zeit im Pub mit den Kumpels verbringt und vor allem nach Alkohol gewalttätig wird. Als eine folgenschwere Katastrophe geschieht, fasst Beth einen endgültigen Entschluss. Korbi war von der expliziten Gewaltdarstellung schockiert, der Film basiert lose auf realen sozialen Verhältnissen und wurde in Neuseeland mit Preisen überschüttet.
Für VLM-Stammhörer das eigentlich Frappierende: Jake wird von Temuera Morrison gespielt, dem späteren Django Fett, Boba Fett und damit auch sämtlichen Klonkriegern aus dem Star-Wars-Universum. Auch Rena Owen, die Beth verkörpert, landete später in Star Wars. 1999 folgte die Fortsetzung What Becomes of the Broken Hearted?. Der Film ist nach Korbis Recherche komplett auf YouTube zu finden, was er nach dem Kauf eines Mediabooks etwas zu spät festgestellt hat.
Korbis Doku-Tipp: Winter on Fire
Korbis zweiter Tipp passt zur damaligen Weltlage: die Netflix-Doku Winter on Fire: Ukraine’s Fight for Freedom (2015) von Evgeny Afineevsky. Die Doku zeichnet den Euromaidan nach, die Studentenproteste von 2013 bis 2014, die sich über 93 Tage hinzogen und gewaltsam eskalierten. Schauplatz war der Platz der Unabhängigkeit in Kiew. Korbi war beeindruckt von den Bildern und davon, wie wenig er selbst damals von den Ereignissen mitbekommen hatte. Die Doku erschien bereits 2015, wurde aber im Zuge des Kriegsgeschehens neu vertont und in weitere Sprachen übersetzt. Sie endet kurz vor der Annexion der Krim.
Arte-Tipp: Nosferatu von 1922
Auf Empfehlung von Josh von Fürchten Lehren hat Korbi bei Arte vorbeigeschaut und dort den Stummfilm-Klassiker Nosferatu (1922) von F. W. Murnau entdeckt. Beeindruckend für einen 100 Jahre alten Film: wie gut er optisch noch funktioniert. Mike und Flo loben die düstere, atmosphärische Bildsprache und die für den Expressionismus typische Schattenarbeit, die teilweise visuell stärker wirkt als moderne Produktionen. Charmantes Detail, das sich Korbi auch für heutige Filme wünschen würde: wenn im Film etwas gelesen wird, bleibt die Seite lange genug eingeblendet, dass jeder Zuschauer mitlesen kann. Über Arte sind regelmäßig kostenlos cinephile Schätze abrufbar, zur Aufnahme-Zeit unter anderem Krabat und Monty Pythons wunderbare Welt der Schwerkraft.
Flos Woah Leck: Heavy Metal von Veneta
HARD:LINE-Festivalmonat heißt für Flo: kein einziger neuer Film in vier Wochen, nur Arbeit. Sein Woah Leck ist deshalb kein Film, sondern eine Metal-Scheibe. Der eigentlich im Melodic Death Metal beheimatete Flo hat über Spotify die österreichische Band Veneta mit dem Album Echoes from the Gutter entdeckt: klassischer 80er-Heavy-Metal, irgendwo zwischen Iron Maiden, Scorpions und Alice Cooper. Sein Verdikt: macht so viel Laune, dass man am liebsten in Unterhose aufs Mofa steigen würde.
Mikes Empfehlungen: vom Kinderfilm bis zum Slow-Burn-Horror
Zog und die Rettung der Lüfte: Ein rund 30-minütiger Animationsfilm nach den Kinderbüchern von Autorin Julia Donaldson und Illustrator Axel Scheffler (bekannt vom Grüffelo). Sequel zum 2018er Zog, wunderschön inszeniert, märchenhafter Soundtrack, prominente Sprecher wie Cosma Shiva Hagen und Tom Schilling. Eine BBC/ZDF-Produktion, erschienen bei Leonine, für die ganze Familie geeignet und gewaltfrei. Im Gespräch streifen Mike und Flo auch das Thema Medienerziehung und die schrittweise Heranführung von Kindern an Filme, von Conni über Pettersson und Findus bis Biene Maja.
The Dead Center (2018): Ein angenehm entschleunigter Horror-Thriller-Mystery-Film. Eine vermeintliche Leiche wacht im Krankenhaus wieder auf, niemand weiß warum, und nach und nach zeigt sich, dass sie etwas Böses aus dem Jenseits mitgebracht hat. Zwei Handlungsstränge, die am Ende zusammenlaufen. Mike empfiehlt unbedingt den Originalton wegen des unterkühlten Sound-Designs und der bedrückenden Stimmung. Aufgelegt im Mediabook von Nameless Media, drei verschiedene Cover, FSK 18, aber inhaltlich eher harmlos und auch zu zweit gut anschaubar. Flo zieht den Vergleich zu The Killing of a Sacred Deer, bei dem das ungewöhnliche Sprechen ebenfalls Absicht war und kein Synchro-Fehler.
An Inspector Calls (2015): Ein Drama-Thriller, basierend auf dem Theaterstück von J. B. Priestley aus dem Jahr 1945. Eine BBC-Produktion mit weltklasse Ausstattung, fast ein Kammerspiel. Während der Verlobungsfeier einer dekadenten, reichen Familie taucht ein Inspector Goole auf und konfrontiert die Anwesenden mit dem Suizid einer ehemaligen Firmenmitarbeiterin. Nach und nach entblättert sich, dass jedes Familienmitglied seinen Anteil daran trägt. Extrem spannend, obwohl praktisch keine Action stattfindet, und thematisch näher an der Gegenwart, als einem lieb sein kann. In Deutschland erschienen bei PandaStorm.
Korbis Gegen-Empfehlung: Auf Mikes Tipp aus einer früheren Folge hat Korbi The Trip / I onde dager (2021) von Tommy Wirkola mit Noomi Rapace nachgeholt, jetzt auf Prime, und bestätigt: eine sehr gute Empfehlung. Schnell sehr blutig, aber durch Wirkolas Inszenierung immer wieder so aufgelockert, dass man trotz aller Härte lacht.
Floppt diesen Monat: Resident Evil: Welcome to Raccoon City
Korbi nennt seinen schlechtesten Film des Monats beim Namen: Resident Evil: Welcome to Raccoon City. Nach der Aufnahme der dazugehörigen VLM-Folge #121 hat er sich die Episode sogar nochmal angehört, weil er unsicher war, ob er zu hart geurteilt hatte. Sein Fazit blieb: Wenn ein Reboot nicht einmal die wichtigsten Charaktere richtig einführt, kann man es sich sparen.
HARD:LINE 2022: Florian Scheuerer im Gespräch
Das Main Event der Folge. Flo gibt einen ausführlichen Einblick in die Vorbereitung des HARD:LINE Festivals 2022.
Die Sichtungsphase: Einreichungen kommen ab Mai, die Hochphase der Sichtung läuft von September bis Dezember, im Januar fallen die Entscheidungen. In Spitzenwochen sichtet Flo rund 30 Filme. Je höher der Premierenstatus eines Films, desto komplizierter die Beschaffung: Fassungen ändern sich, Material kommt spät, Filme fallen wieder raus. Zum Aufnahmezeitpunkt ist aber alles beisammen, die Quality-Checks sind durch, die Programmhefte und Textilien sind fertig, es gibt also nach fünf Jahren erstmals wieder Festival-Shirts.
Das Online-Festival: Wegen der damaligen Corona-Lage gibt es erneut eine Online-Variante, diesmal aber als Catch-Up-Festival nach dem regulären Festival statt parallel dazu. Alle zwei Tage werden zwei Filme veröffentlicht. Online laufen 8 Langfilme und 2 Kurzfilmblocks, vor Ort dagegen die geballte Ladung mit 17 Slots, davon 15 Langfilme und 2 Kurzfilmblocks. Der neue Streaming-Partner garantiert auch am Wochenende Support.
Hygienekonzept: Flo plant dreigleisig und ist auf alle Szenarien vorbereitet, von Vollauslastung bis 75 Prozent Auslastung mit 2G. Es gibt wie schon in den Vorjahren mindestens einstündige Lüftungspausen zwischen den Filmen, die Mike als Verschnaufpause und Zeit für Gespräche über die Filme ausdrücklich lobt. Das Ostentor-Kino verfügt zusätzlich über Aerosol-Filter.
Die deutschen Filme: HARD:LINE zeigt drei deutsche Filme, was eine Auflage der Förderung durch den FFF Bayern ist (nicht, wie im Gespräch zunächst vermutet, eine Folge der Méliès-Award-Mitgliedschaft, die sich auf die Kurzfilmblocks bezieht). Flo betont, dass es immer um Highlights geht, nicht um Quotenerfüllung, und verweist auf frühere deutsche Genre-Lichtblicke wie Schneeflöckchen und Hagazussa.
Das HARD:LINE Programm 2022: die Highlights
Aus dem Gespräch ergibt sich eine ganze Reihe an Programm-Schwerpunkten:
- Off Season von Mickey Keating, der bei HARD:LINE bereits ein Director Spotlight hatte und erneut ein anderes Subgenre mit eigener Handschrift bedient
- The Medium, ein Film an der Grenze zwischen Found Footage und Mockumentary
- Catch the Fair One, ausdrücklich kein Horrorfilm, sondern ein Genrefilm anderer Spielart, der den großen Filmen Raum verschafft, von dem kleinere Entdeckungen profitieren
- Frank & Zed, ein über sechs bis sieben Jahre entstandener Puppen-Splatterfilm vom Studio Puppetcore, mit Gore-Action in der letzten halben Stunde, der den charmanten Slot früherer Jahrgänge wie Dave Made a Maze, Saving Sally oder Dinner in America füllt
- The Dawn Breaks Behind the Eyes, ein deutscher Giallo-Beitrag
- Retaliation und Nightcaller, zwei der Titel, auf die Mike besonders gespannt ist
Der Abschlussfilm: Flo verrät exklusiv im Podcast, dass HARD:LINE 2022 mit Slumber Party Massacre (2021) endet, nicht dem Original, sondern der Neuverfilmung von einer Regisseurin, die die feministische DNA der Vorlage konsequent weiterdenkt. Als Partygranate für den Abschlussabend mit Konzert genau richtig.
Warum HARD:LINE so heißt
Flo räumt mit einem hartnäckigen Missverständnis auf: Bei HARD:LINE geht es nicht darum, möglichst brutal zu sein. Der Name geht auf den Ursprung als Filmreihe zurück, daher die „Line“ als das Fortführende. Der Doppelpunkt steht für eine semipermeable Grenze zwischen dem Machbaren und dem Nicht-Machbaren, die im Genre-Kino besonders stark ausgeprägt ist. Das Festival konzentriert sich auf extreme Genres wie Horror, Thriller und Science-Fiction sowie deren Seitenarme, und sucht nach Filmen, die Meilensteine setzen können, egal ob Independent-Produktion oder großer Film. Frühere Beispiele für Filme, die das Publikum stark gespalten haben: Starfish und Pasajera.
HARD:LINE 2022: alle Infos auf einen Blick
Auf Nachfrage von Korbi die wichtigsten Eckdaten, die im Festival-Gespräch fast untergegangen wären:
- Wann: 6. bis 10. April 2022
- Wo: Ostentor-Kino, Regensburg
- Zeiten: täglich ab 13 Uhr bis Mitternacht, am Wochenende Party bis 4 Uhr
- Online-Catch-Up-Festival: 14. bis 24. April 2022 über die HARD:LINE-Webseite
Triple Threat: Titten, Trompeten, Tote Tiere
Auch im Gast-Woah-Lecks darf der Blick auf die berüchtigte VLM-Dreifaltigkeit nicht fehlen. Bei einer Folge mit Festival-Schwerpunkt fällt die Triple-Threat-Bilanz naturgemäß anders aus als bei einer reinen Filmbesprechung. Wie genau, das klärt sich beim Hören der Folge.
FAQ zur Folge
Wer ist Florian Scheuerer?
Florian Scheuerer, kurz Flo, ist Organisator und Kopf des HARD:LINE Filmfestivals in Regensburg und Mitbetreiber des Ostentor-Kinos. Bei VLM ist er bereits zum wiederholten Mal zu Gast.
Wann fand das HARD:LINE Festival 2022 statt?
Vom 6. bis 10. April 2022 im Ostentor-Kino in Regensburg, ergänzt um ein Online-Catch-Up-Festival vom 14. bis 24. April 2022.
Warum heißt das Festival HARD:LINE?
Der Name geht auf den Ursprung als Filmreihe zurück. Die „Line“ steht für das Fortführende, der Doppelpunkt für die semipermeable Grenze zwischen dem im Kino Machbaren und Nicht-Machbaren. Es geht nicht um maximale Brutalität, sondern um besondere Genre-Filme.
Was war der Abschlussfilm von HARD:LINE 2022?
Die Neuverfilmung von Slumber Party Massacre (2021), exklusiv im Podcast von Flo angekündigt.
Welche Filme empfiehlt die Folge?
Once Were Warriors, die Doku Winter on Fire, der Nosferatu von 1922, Zog und die Rettung der Lüfte, The Dead Center, An Inspector Calls und The Trip von Tommy Wirkola.
Wer spielt die Hauptrolle in Once Were Warriors?
Temuera Morrison, VLM-Hörern besser bekannt als Django und Boba Fett aus dem Star-Wars-Universum. Auch Co-Darstellerin Rena Owen landete später in Star Wars.
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- VLM #121 – Resident Evil: Welcome to Raccoon City (Korbis Monats-Flop)
- VLM #120 – The Batman (2022): Steadyklusive Premiere mit Seppi
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- VLM #118 – Texas Chainsaw Massacre (2022): Leatherface auf Netflix
- Alle Horror-Folgen im Überblick
- Alle Woah-Lecks-Folgen
Mehr Folgen mit Flo Scheuerer
Flo Scheuerer ist einer der VLM-Dauergäste. Wenn das HARD:LINE ansteht oder es sonst etwas aus der Genre-Festivalwelt zu besprechen gibt, ist er regelmäßig im Studio. Hier alle weiteren Folgen mit ihm:
- VLM #71 – Woah Lecks April 2021: Boss Level, LOL & Flo Scheuerer
- VLM #73 – SHIVERS Film Festival 2021 mit Flo Scheuerer
- VLM #176 – HARD:LINE 2023: Fakten Fakten Fakten mit Flo Scheuerer
- VLM #230 – HARD:LINE 2024: Fakten Fakten Fakten mit Flo Scheuerer
- VLM #287 – Woah Lecks März 2025: HARD:LINE 2025, Bagman & mehr mit Flo Scheuerer
- VLM #339 – Woah Lecks März 2026: HARD:LINE Preview mit Flo & Magda
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