Eine der polarisierendsten VLM-Folgen der Frühphase: Korbi liebt Shin Godzilla (2016), Kane und Mike finden ihn enttäuschend bis schlecht. Hideaki Anno – der Schöpfer von Neon Genesis Evangelion – inszeniert zusammen mit Shinji Higuchi einen Godzilla-Film, der nicht das Monster, sondern die japanische Bürokratie als eigentlichen Gegner zeigt – eine direkte Allegorie auf die Tōhoku-/Fukushima-Katastrophe von 2011. Drei Hosts, drei sehr unterschiedliche Meinungen, ein Cliffhanger, der bis 2026 keine Fortsetzung bekommen hat.
Shin Godzilla (2016) – Annos Riesenechse
- Originaltitel: シン・ゴジラ (Shin Gojira)
- Internationaler Titel: Shin Godzilla / Godzilla: Resurgence
- Regie: Hideaki Anno (Chefregie, Drehbuch, Co-Schnitt) & Shinji Higuchi (Co-Regie, VFX-Supervision)
- Hauptcast: Hiroki Hasegawa (Rando Yaguchi), Yutaka Takenouchi (Hideki Akasaka), Satomi Ishihara (Kayoko Ann Patterson, US-Botschafterin), Ren Ōsugi (Premier Seiji Ōkōchi), Akira Emoto, Kengo Kōra, Mikako Ichikawa, Jun Kunimura, Pierre Taki – plus 328 weitere Schauspieler:innen
- Musik: Shiro Sagisu (Komponist von Neon Genesis Evangelion)
- Genre: Kaijū / politischer Thriller / Sci-Fi
- Laufzeit: 120 Minuten
- Budget: ca. 15 Mio USD · Einspielergebnis: über 78 Mio USD weltweit (Korbis „155 Mio“ stimmt nicht ganz, war Yen-Wert)
- Premiere: 29. Juli 2016 (Japan), 11. Oktober 2016 (USA, limitiert)
- Auszeichnungen: 7 von 11 Japan Academy Prize Awards 2017 (u.a. Best Picture, Best Director Anno + Higuchi, Best Actor Hasegawa)
- Position in der Reihe: 31. Godzilla-Film insgesamt (Mike hatte recht!), 29. Toho-Mainline-Eintrag, erster Film der Reiwa-Ära und Auftakt zu Annos „Shin“-Anthology-Universum
In der Tokyo Bay sprudelt es. Die japanische Regierung versammelt sich zu Krisensitzungen. Bevor irgendjemand irgendetwas entschieden hat, kommt eine 50 Meter lange Raupe an Land und walzt sich durch Tokio. Sie verwandelt sich mehrfach. Und entwickelt sich zu Godzilla. Der Hauptkonflikt des Films ist nicht Mensch vs. Monster, sondern Bürokratie vs. Katastrophe – eine messerscharfe Allegorie auf die japanische Regierungsantwort auf das Tōhoku-Erdbeben, den Tsunami und die Fukushima-Reaktorkatastrophe von 2011.
Korbi vs. Rest: Die Lager-Bildung
Diese Folge ist ein VLM-Klassiker, weil sich die drei Hosts klar in zwei Lager spalten:
- Korbi nennt den Film „wunderbar“, liebt den Sou-Realismus (so realistisch wie Realismus in einem Godzilla-Film eben sein kann), feiert den Cliffhanger und sieht in Shin Godzilla den Godzilla-Film, der dem Genre etwas Neues hinzufügt. Auch persönlicher Faktor: Korbi ist Neon-Genesis-Evangelion-Fan, und Anno ist sein Mann.
- Kane nennt ihn „den schlechtesten japanischen Godzilla, den ich gesehen habe“. Die langen Bürokratie-Sequenzen sind ihm zu zäh, das CGI vergleicht er mit „PlayStation-Render-Videos“ und „Final-Fantasy-Zwischensequenzen“. Schwanz-Witze inklusive.
- Mike liegt dazwischen, eher bei Kane: zu dokumentarisch, kein Charakter-Bezug, „den Film mit der Vorlauftaste anschauen“ – die Action-Szenen sind cool, aber zu rar verteilt für 120 Minuten Laufzeit.
Die Anno-Connection: Evangelion + Tokusatsu im Godzilla
Korbi bringt es ins Spiel: Hideaki Anno ist der Schöpfer von Neon Genesis Evangelion, einer der einflussreichsten Anime-Serien aller Zeiten. Anno hat Shin Godzilla nicht nur als Drehbuchautor, sondern als „Chefregisseur“ geleitet und auch mitgeschnitten. Die Anno-Handschrift ist überall sichtbar:
- Schneller Schnitt mit Texteinblendungen: Anno wies die Schauspieler:innen an, schneller als üblich zu sprechen – mit The Social Network als Referenz. Wer zu langsam sprach, dessen Take wurde geschnitten.
- Komponist Shiro Sagisu: Der gleiche Komponist wie bei Evangelion liefert auch hier den Score – inklusive eines Recyclings des Evangelion-Stücks „Decisive Battle“ während der Aktivierung der Yashiori-Operation. Für Evangelion-Fans ein Gänsehaut-Moment, der den Film in Annos Werk-Universum einbettet.
- Tokusatsu-Wurzeln: Higuchi und Anno kommen aus der gleichen Daicon-/Gainax-Schule. Higuchi arbeitete später als Drehbuchautor und Storyboard-Künstler an Evangelion mit – und der Hauptcharakter Shinji Ikari ist nach Higuchi benannt.
- Easter-Egg: In den Twitter-Einblendungen der Bevölkerung ist ein Avatar von Asuka Langley Sōryū aus Evangelion zu sehen, mit dem Username @bakashinji – ein Spitzname, den Asuka in der Serie für Shinji benutzt.
Sou-Realismus: Was bedeutet er konkret?
Korbis Lieblings-Argument ist der „Sou-Realismus“ oder „Funken-Realismus“. Was im Talk vielleicht nicht ganz klar wurde: Annos Inszenierung folgt dem Modell des Schauspielfilms The Social Network (David Fincher, 2010) – schnelle Cuts zwischen verschiedenen Räumen, ständige Ortswechsel, Texteinblendungen mit Namen, Funktionen, Behörden – das ist nicht „dokumentarisch“ im klassischen Sinne, sondern ein narratives Verfahren, das die Verzettelung der Bürokratie mit der Filmsprache spürbar macht. Wenn Kane sagt „sechs Leute fragen sich gegenseitig, ob sie angreifen sollen“, dann ist das genau der Punkt – Anno will, dass das Publikum die Frustration der Akteure körperlich mitspürt. Das ist eine künstlerische Entscheidung mit Vor- und Nachteilen.
Die Fukushima-Allegorie
Was im Talk zu kurz kommt: Shin Godzilla ist eine direkte und absichtliche Auseinandersetzung mit der 2011er-Katastrophe. Tōhoku-Erdbeben (Magnitude 9,1), Tsunami mit bis zu 40 Metern Wellenhöhe, Fukushima-Daiichi-Kernschmelze. Die japanische Regierung wurde für ihre langsame, koordinationsarme Reaktion kritisiert. Genau das zeigt Anno: Krisen-Sitzungen, die nichts entscheiden; Behörden, die Verantwortung weiterschieben; ein Premier, der nicht weiß, ob er angreifen darf. Das Anko-Ende des Films, in dem Yaguchi und sein Team einen „Plan B“ außerhalb der offiziellen Strukturen organisieren, ist ein politisches Statement: Japan wird die nächste Krise nur dann überstehen, wenn die Regierung mehr improvisiert und weniger Strukturen verwaltet. Auch der ursprüngliche 1954er-Godzilla war so ein Allegorie-Film – damals als Auseinandersetzung mit den Wasserstoffbombentests im Bikini-Atoll und mit Hiroshima/Nagasaki. Anno schließt direkt an diesen Ur-Godzilla an.
Das Creature-Design: Vier Formen
Was Kane mit „Wurm“, „Slim-Strick-Trend“ und „Kim Kardashian mit fette Taie“ beschreibt, ist tatsächlich Annos gewagteste Designentscheidung: Godzilla durchläuft im Film vier Evolutionsstufen:
- Form 1 (Aquatisch): Nur Schwanz und Beine sichtbar, im Tokyo-Bay-Aqualine-Tunnel
- Form 2 (Krabbel-Stadium): Die berüchtigte „Raupe“ mit den Glubschaugen – die Form, die Mike „Inzuchtschwager vom Godzilla“ nennt. Erscheint in Kamata an Land.
- Form 3 (Aufrecht): Die schlanke, aufrechte Form mit ungewöhnlich kleinen Armen
- Form 4 (Final, „Kamakura“): Die ikonische 118-Meter-Form mit dem keloid-zerfurchten Panzer und dem extrem langen Schwanz – über die Kane-Witze stellen wollen, ist aber eine bewusste Designentscheidung als Symbol eines unaufhaltsamen, biologisch unkontrollierbaren Wesens
Das Design wurde von Mahiro Maeda und Takayuki Takeya entworfen, mit Anno als Art Director. Geschmackssache, aber Toho hat es so durchgewunken, weil es eine der bewussten Brüche mit dem klassischen Gummianzug-Godzilla sein sollte – Shin Godzilla wirkt nicht „cool“, sondern krank, leidend, falsch.
Die VFX-Schwächen, die niemand abstreitet
Selbst wenn man den Film verteidigt: Die CGI-Qualität ist inkonsistent. Manche Plansequenzen mit Helikoptern und der Stadt sind atemberaubend, andere – besonders die frühen Verwandlungs-Szenen – sehen aus wie PlayStation-3-Cutscenes. Korbi bringt es im Talk auf den Punkt: „Es gibt YouTuber, die liefern bessere Qualität.“ Mit 15 Mio USD Budget hatte Toho nicht die Mittel von Hollywood-Blockbustern, aber die Erwartungshaltung war hoch. Bei Mikes Steelbook-Edition besonders schade: Shin Godzilla wäre auf großem TV in 4K eigentlich toll – wenn die CGI-Qualität durchgehend gleich gut wäre.
Der Cliffhanger
Korbis Highlight ist das Ende: Spoilerwarnung. Godzilla wird durch die Yashiori-Operation (Gerinnungsmittel im Maul, dann Säulen-Einsturz) eingefroren – nicht getötet. In einer der letzten Einstellungen sieht man auf Godzillas Schwanz humanoide Figuren, die offenbar gerade aus dem Wesen herauswachsen. Die Implikation: Godzilla evolviert in Richtung Mensch. Das ist Annos finaler Twist – und einer der intelligentesten Cliffhanger des modernen Kaiju-Kinos. Korbi: „Der Cliffhanger ist so geil, dass ich eigentlich Bock auf eine Fortsetzung hätte.“
Pro & Contra
Korbi (Pro): Sou-Realismus, Bürokratie-Allegorie, Cliffhanger, Anno-Handschrift, einzigartig in der Godzilla-Reihe. Korbi (Contra): CGI-Qualität in den frühen Verwandlungs-Szenen, Cliffhanger ohne Auflösung.
Kane (Pro): Die einzelnen „Beutel“ mit Helikoptern + Godzilla in Tokio sind richtig gut, der Atomstrahl ist beeindruckend. Kane (Contra): Bürokratie-Schleifen sind Spannungstöter, inkonsistente CGI, Charaktere ohne Profil, das Godzilla-Design der Raupen-Phase, Schwanzlänge.
Mike (Pro): Action ist unterhaltsam, finales Godzilla-Design ist okay. Mike (Contra): Zu wenige Action-Szenen für 120 Minuten, kein Charakter-Bezug, dokumentarischer Stil distanziert ihn vom Film. Vorlauftaste-Empfehlung.
Updates für 2026: Shin Anthology & Godzilla-Renaissance
Shin Anthology Universe: Anno und Higuchi haben Shin Godzilla zum Auftakt einer ganzen Reboot-Reihe gemacht: Shin Ultraman (2022, Higuchi inszeniert, Anno schreibt), Shin Kamen Rider (2023, Anno inszeniert) – plus Annos eigener Abschluss von Evangelion: 3.0+1.0 Thrice Upon a Time (2021). Die vier Filme bilden zusammen das „Shin Japan Heroes Universe“.
Shin Godzilla 2 ist nicht gekommen: Anno hat 2016 schon erklärt, dass er an einer Fortsetzung nicht beteiligt sein möchte. Toho hat den Cliffhanger nie aufgelöst. Stattdessen ging Toho 2017 mit drei animierten Godzilla-Filmen weiter (Godzilla: Planet der Monster, City on the Edge of Battle, The Planet Eater), und 2023 erschien Godzilla Minus One von Takashi Yamazaki – der bei den Oscars 2024 als erster japanischer Godzilla-Film überhaupt einen Oscar (für die besten visuellen Effekte) gewonnen hat. Mit nur 15 Mio USD Budget. Damit hat Yamazaki Shin Godzilla in puncto internationaler Anerkennung deutlich überflügelt.
Shin Godzilla 4K-Re-Release: 2025 hat GKIDS in den USA eine 4K-Remaster-Version von Shin Godzilla erneut in die Kinos gebracht – ein neuer Anlauf, dem Film bei den westlichen Zuschauer:innen mehr Liebe zu verschaffen. In Deutschland bisher (Stand 2026) keine 4K-Edition.
Hiroki Hasegawa (Yaguchi): Hat 2017 den Japan Academy Award als bester Hauptdarsteller für Shin Godzilla gewonnen. Im Talk meinten Kane und Mike, sie könnten keinen einzigen Charakter benennen – aber Yaguchi ist der Hauptcharakter, und sein Schauspieler ist 2017 für die Performance ausgezeichnet worden.
Shinji Higuchi: Hat 2025 für Netflix ein Remake von Shinkansen Daibakuha / Bullet Train inszeniert.
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FAQ zur Folge
Wer spricht in dieser Folge?
Korbi, Kane und Mike – das komplette VLM-Hosttrio. Diese Folge ist eine der polarisierendsten der frühen VLM-Phase, weil Korbi den Film ausdrücklich als „wunderbar“ feiert, während Kane und Mike ihn deutlich kritisieren. Genau dieses Spannungsverhältnis macht die Folge sehenswert für alle, die VLM in seiner direkten und unverblümten Form mögen.
Worum geht es in Shin Godzilla?
In der Tokyo Bay taucht ein riesiges Wesen auf und richtet schwere Verwüstungen in Tokio an. Der Film zeigt nicht klassisches Monster-vs-Mensch-Drama, sondern die Reaktion der japanischen Regierung – Krisensitzungen, Bürokratie, Zuständigkeitsfragen, langsame Entscheidungsprozesse. Eine kleine Task-Force um den Vize-Kabinettschef Rando Yaguchi versucht, einen Plan außerhalb der offiziellen Strukturen zu organisieren. Der Film ist in seiner Form ein politischer Thriller mit Kaijū-Action.
Wer hat bei Shin Godzilla Regie geführt?
Hideaki Anno als Chefregisseur und Drehbuchautor zusammen mit Shinji Higuchi als Co-Regisseur und VFX-Supervisor. Anno ist der Schöpfer der Anime-Kultserie Neon Genesis Evangelion (1995–1996); Higuchi ist der ehemalige Special-Effects-Director der Heisei-Gamera-Trilogie und Co-Regisseur der Attack-on-Titan-Live-Action-Filme von 2015. Die beiden gewannen 2017 den Japan Academy Prize als Director of the Year.
Worauf spielt Shin Godzilla politisch an?
Auf das Tōhoku-Erdbeben, den Tsunami und die Fukushima-Reaktorkatastrophe vom 11. März 2011. Die japanische Regierung wurde damals für ihre langsame und koordinationsarme Reaktion kritisiert. Anno greift genau diese Verzettelung auf und macht sie zur eigentlichen Bedrohung des Films – Godzilla ist nur der Beschleuniger, der die Strukturschwächen des Apparats sichtbar werden lässt. Damit reiht sich Shin Godzilla in die Tradition des 1954er Original-Godzillas ein, der eine Allegorie auf die Hiroshima-Nagasaki- und Bikini-Atoll-Bombentests war.
Gibt es eine Fortsetzung von Shin Godzilla?
Nein. Hideaki Anno hat schon kurz nach der Premiere erklärt, dass er an einem Sequel nicht beteiligt sein möchte. Toho hat den ungeklärten Cliffhanger im Film nie aufgelöst. Stattdessen ging die japanische Godzilla-Reihe mit einer animierten Trilogie (2017/2018) und 2023 mit Godzilla Minus One von Takashi Yamazaki weiter – letzterer hat 2024 als erster japanischer Godzilla-Film überhaupt einen Oscar gewonnen.
Welche Verbindungen gibt es zu Neon Genesis Evangelion?
Mehrere. Komponist Shiro Sagisu liefert auch hier den Score und recycelt das Evangelion-Stück Decisive Battle während der finalen Operation. Das Twitter-Easter-Egg im Film zeigt einen User mit Asuka-Avatar und dem Spitznamen @bakashinji. Co-Regisseur Shinji Higuchi war Drehbuch- und Storyboard-Mitarbeiter der Evangelion-TV-Serie und ist Namensgeber für den Hauptcharakter Shinji Ikari. Anno selbst hat 2021 mit Evangelion: 3.0+1.0 Thrice Upon a Time die Rebuild-Tetralogie abgeschlossen.



